Im Winter in die Irrlichter der Städte blinzeln. Im Frühling die Aufbruchstimmung nicht unter den Teppich kehren sondern packen – und gehen. Im Sommer neben dem hechelnden Hund hinter schweren Rinderleibern schwitzen. Im Herbst ins glasklare Gebirgsblau glotzen und die Schwermut welker Weiden erleiden.
 

 
 
 Z'Alp? 
 von Kaspar Schuler  
 
 
  Wer sich überlegt – ganz ohne Bauernjugend – z’Alp zu gehen, sucht etwas. Hoffentlich Arbeit. Es wartet eine dreimonatige, knapp bezahlte und sehr anstrengende Saisonstelle. Richtig liegt auch, wen die tägliche Erduldung der Wetterlaunen lockt, die ohne Rücksicht jeden Arbeitsgang mal erleichtern, mal erschweren. Als Hirt In einer Jungviehherde eignet sich, wer sich noch so gern für Wochen zu starren Felsen, kurzem Gras und einsilbigem Vieh gesellt. Wer zusätzliche Arbeit sucht und sich für unausweichbare Auseinandersetzungen mit wenig Menschen interessiert, geht in einer Gruppe mit, die eine Kuhalp übernimmt. Da muss es einen reizen, monatelang die kleine Hütte, Sennerei und Stallarbeit, das Zimmer und die Freizeit zu teilen.
Wer all das will, sucht oft noch anderes: Ein ursprüngliches Leben im Rhythmus der Natur. Worauf sie oder er die bisherige Arbeitsstelle verlässt, wo die immer warme Luft immer gleich nach Nadelfilz riecht, oder wo die Werkstücke jeden Monat noch schneller entstehen müssen. Geht also auf die Alp und trifft sich im Stall, wo es immer gleich, nach warmer Kuh, nach Kot und Urin riecht und die Arbeit möglichst schnell, im fremden Takt der Melkmaschine, erledigt sein will. – Z’Alp gehen ist so widersprüchlich wie das übrige Leben auch.
 
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Dieser Text
ist erschienen in:

Neues Handbuch Alp
zalpverlag 2007

  Grummeln und kneten
Wen die Alparbeit weiterhin lockt, muss eine unentwurzelbar bodenständige Frau oder ein stiernackig hühnenhafter Mann sein. Das ist das klassische Profil. Auch magere StädterInnen eignen sich heutzutage, sofern sie zäh und ausdauernd sind. Ist jemand unstet und will innerhalb eines Jahres weiterziehen, an neue Orte, zu anderen Menschen, so ist die Alp eine Möglichkeit, das auch in unserer sesshaften Gesellschaft endlich deutlich und sinnvoll zu leben. Über den Arbeitserfolg entscheidet, ob die Hirtin ungebeten tagelang in feuchten Bergschuhen den Rindviechern nachstoffelt oder der Zusenn auch dann noch verantwortungsbewusst – und grummelnd – im kalten Keller Butter knetet, wenn der Hüttensegen sturzschief im Steilhang hängt. Hauptsache, man macht die Arbeit, ohne Applaus zu erwarten. Heidi hatte nur im Kino Zuschauerinnen. Bäuerinnen und Bauern, vorab die älteren, sind es oft nicht gewohnt zu loben.  
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  Belastbar und Mensch
Heutige ÄlplerInnen sind Frauen so gut wie Männer, kommen aus allen Berufen und Bevölkerungsschichten, aus Portugal, dem Südtirol, aus Deutschland, Australien und der Schweiz. Von ihnen erwartet werden eine gute Beobachtungsgabe, Verantwortungsbewusstsein, Tierliebe und eine grosse körperliche und seelische Belastbarkeit. Je nach Art der Alp kommen weitere Anforderungen hinzu.
 
Kuhalp
Auf einer Kuhalp wird gemolken, gekäst, gebuttert, Mist geschaufelt und geputzt. Leichter ist’s dort, wo eine Milchleitung ins Tal führt. Dort wird nur noch gemolken, geschaufelt und geputzt. Der Tag beginnt früh. Aufstehen morgens um drei oder vier Uhr, durcharbeiten bis zum Mittag, mit einer kurzen Frühstückspause. Ab drei Uhr nachmittags nochmals ran bis um acht, geht etwas schief bis Mitternacht. Ab August geht es entspannter zu und her und es bleibt Zeit, mit dem Hirten über die Weiden zu strolchen, oder endlich für ein paar Stunden das Klischee zu leben: In der Sonne dösen, einen Grashalm im Mund.
Je nach Herkunft und Erfahrung der ÄlplerInnen wird in der traditionellen, hierarchischen Rollenverteilung als Senn, Zusenn, Hirt und Gehilfe gearbeitet, oder im Team. In der ersten Gruppe wird mehr befohlen und in der zweiten mehr diskutiert, die Fragen stellen sich gleich: Wer mistet zweimal täglich den Stall aus, während ein anderer mit dem Vieh auf die Weide spaziert? Wer trägt die schweren Milcheimer vom Stall zur Sennerei, derweil eine andere das Rührwerk im Kessi laufen lässt, einfeuert und die Milcherhitzung überwacht? Wer knetet im feuchten Keller die kalte Butter? Wer bürstet mit wem die Käse, stundenlang? Wer zäunt im Regen, wer kocht an der Wärme und wer macht Mittagsschlaf, wie lange? Solche Debatten – zu Beginn der Alpzeit unter Arbeitsdruck und übermüdet geführt – sind durch Anweisungen zwar zu umgehen.
Doch ein Alpteam bildet sich erst, wenn Brisantes in der Gruppe ausdiskutiert und ohne rücksichtslose Machtausübung einzelner durchgestanden wird. Wer nicht Stellung beziehen, sich nicht abgrenzen und auch nachgeben kann, erlebt eine schwierige Zeit. Kommt hinzu, dass viele erfahrene ÄlplerInnen alles andere als Kommunikationsgenies, sondern schlicht verstockt sind. Bei ihnen kommt zuerst die Arbeit und dann das Gespräch. Bei manchen braucht’s dazwischen noch den Alkohol, bei einigen viel. Es ist für einen Neuling deshalb bedeutungsvoller, lange vor Alpaufzug die Mitläuferinnen kennenzulernen, als die eingeschneiten Alpgebäude und die Landschaft zu besichtigen. Ob eine minimale Vertrauensbasis da ist, lässt sich mit der direkten Frage nach dem eigenen Lohn und dem der anderen erkunden. Wird darüber nicht offen gesprochen, ist grosse Vorsicht bei der Alpzusage am Platz.
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  Vorkenntnisse
Heutzutage saugen Melkmaschinen an den Eutern von Hulda und Lambada. Das schont Handmuskeln und Sehnen von MelkerIn Heidi und Lazlo, belastet bei unsachgemässer Arbeit jedoch die empfindsame Kuhbrust. Damit ihre maschinelle Bearbeitung nicht zu Entzündungen führt, sind Grundkenntnisse der Euterpflege, im Hand- und im Maschinenmelken Voraussetzung. Mehrere Wochen intensives Melker Innen-Praktikum vor Alpaufzug auf einem Bauernhof sind wichtig. Am Käse und der Butter der SennerInnen kauen viele Familien einen ganzen Winter lang. Zudem ist der Alpkäse aus unpasteurisierter Rohmilch ein Aushängeschild der Berglandwirtschaft und wichtiger Einkommensteil geworden. Wer den alpwirtschaftlichen «Kaderjob» als Sennerin oder Senn will, sollte mindestens einen Sommer als Hilfskraft mitarbeiten und im folgenden Frühjahr den SennerInnenkurs an einer Landwirtschaftsschule besuchen.
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Rinder-, Ziegen- und Schafalpen
GaltviehhirtInnen sind traditionell weniger geachtet als die SennerInnen, die tonnenweise Käse und Butter herstellen und den kostbaren Kühen Sorge tragen. Von der HirtIn wird erwartet, dass die Herde zu fressen hat, innerhalb der Weidegrenzen bleibt und möglichst vor Gefahren bewahrt wird. Wie, ist letztlich Vertrauenssache. Was beschrieben werden kann, steht in diesem Buch.
Entweder ist ein Hirtenjob in eine Kuhalp ein- oder angegliedert. Dann heisst’s nicht nur hüten, sondern auch im Stall, eventuell in der Sennerei mitarbeiten und sich in die Gruppe einfügen. Oder die ÄlplerIn ist allein, eventuell zu zweit für eine Jungvieh- oder Mutterkuhherde zuständig, deren Tiere nicht zu melken sind. Schaf- und ZiegenhirtInnen brauchen wieder andere Kenntnisse als die «Rinderer». Ihren Arbeiten sind in diesem Buch andere Kapitel gewidmet. Als Voraussetzung für alle braucht’s Fitness, Ausdauer und Selbständigkeit. Nicht tägliche Gipfelbesteigungen locken, sondern stundenlanges Auf und Ab am Hang ist Thema, Tiere verarzten, Zaunpfosten buckeln und Schlegel schwingen. An einzelnen Landwirtschaftsschulen gibt’s kurze Kurse für HirtInnen zur Grundlagenvermittlung. Doch primär ist es ein Erfahrungsjob.
Wichtigste Kenntnis ist die der Umgebung. Wenn’s im August Schnee daherbläst, gilt es so schnell wie möglich die Herde auf eine möglichst ungefährliche Weide zu treiben. Im ersten Jahr ist’s ein Stress, im dritten ein Genuss. Zumindest ein zweiter HirtInnensommer auf der gleichen Alp lohnt sich fast immer.
Bei Alpabzug gibt die HirtIn das Vieh zurück, das grösser und hoffentlich kugelrund geworden ist und trinkt mit den Bauern ein Glas. Man lässt den Sommer Revue passieren, den Schnee, abgestürzte Tiere, erhält den Lohn, ein Trinkgeld (vielleicht), und reist heim. Stehen die Tiere gesund im Stall, sind HirtIn und Sommer bereits Vergangenheit. Länger hinhaltend ist der Nimbus, am Älpler haftend wie der Viehgeruch, ein mythischer Verschnitt aus Sorbas (Anm. 1), Geronimo (Anm. 2) und Geissenpeter (Anm. 3). Angeblich sind’s ewig stramme Milchknaben, windund wettergegerbte Teufelskerle, unerschütterliche Abenteurer, so frei, so echt und so glücklich. Älplerinnen sind halb sagenhaftes Gletscherweib, halb lockende Bergfee, halb unergründliche Wolfsfrau (Anm. 4), verwoben mit dem Charakter der Roten Zora (Anm. 5), ungezähmt bis in die Haar wurzeln. Die Übergrösse schwindet im Herbst. Alle gliedern sich in die Herde der Stellensuchenden ein.

Suchtgefahr
Das Schwerwiegendste, das einer Älplerin oder einem Älpler im Sommer widerfahren kann, ist die andauernde Konfrontation mit sich selbst. Eigene Schwächen und Einsamkeit lassen sich in der Menschenleere nicht verdrängen, nur bewältigen. Die Angst, mit der Verantwortung für eine Herde beseelter Tiere oder täglich tausend Liter Milch zu versagen, kann bös im Nacken sitzen. Das vertreibt die einen ein für allemal aus dem Job, macht andere abgeklärt oder süchtig. Die verträglichste Form ist die Alpsucht, diese fiebrige Aufbruchstimmung jeden Frühling, ausgehend vom Reiz selbständiger, intuitiver Arbeit mit einer Überzahl wandernder Tiere. Wochenlang nur noch zwischen Bergen gehen, in der Hitze, in der Kälte, im Wind. Die Hände in der heissen Schotte, der eiskalten Butter, am warmen Euter, dem vertrauten Hirtenstock, und immer wieder im Gras. Intensiveres gibt’s kaum.
 

 
 

Anmerkungen:

1) Fünfundsechzigjähriger mazedonischer Wanderarbeiter, «sein Wuschelhaar war grau, die Augen sprühten Funken», trifft im Hafen von Piräus auf deutlich jüngeren, zivilisatorisch weichgespülten englischen Schriftsteller und übernimmt mit diesem ein stillgelegtes kretisches Kohlebergwerk. Die Rolle als Sorbas brachte im gleichnamigen Film auch Anthony Quinn zum Funken sprühen. Nikos Kazantzakis: Alexis Sorbas, Abenteuer auf Kreta; Rowohlt/rororo 1955

2) «Go-khlä-yeh» (derjenige, der gähnt), Bedonkohe-Apache, 1829 – 1909. Verlor 1858 seine Frau und drei Kinder bei einem Massaker mexikanischer Truppen. Entwickelte sich im dreissigjährigen Widerstandskampf der Apachen zum Kriegshäuptling und der Schlüsselfigur des Guerillakampfes gegen Mexikaner und US-Amerikaner. Starb in amerikanischer Gefangenschaft. Geronimo: Ein indianischer Krieger erzählt sein Leben; Lamuv 2002

3) Heidis Trekkingführer, der ihr heutzutage per Heidi-Shuttle den Heidibrunnen, das Heididorf und die Ochsenalp oberhalb Maienfeld in Graubünden zeigt, wo gemäss Romanvorlage einst ein Mädchen, ein Opa und ein Knabe... ach, lies selbst. Johanna Spyri: Heidi, die Gesamtausgabe; Desertina 2000

4) Der mexikanische Mythos einer alten Frau, die «an einem verborgenen Ort lebt, den alle kennen, der aber nur wenigen Menschen zugänglich ist.» Sie schleicht durch ausgetrocknete Flussbetten, steigt über Bergketten und sucht nach Bärenknochen, Krähenleichen, Schlangenhäuten, vor allem aber nach den Gebeinen der Wölfe. Das Buch ist ein Fundus an Mythen samt psychologischer Deutung. Clarissa Pinkola Estés: Die Wolfsfrau, Die Kraft der weiblichen Urinstinkte; Heyne 1993

5) «Wir nehmen nur, was wir brauchen», erklärt die jugendliche Heldin des Buches, auf einen Diebstahl angesprochen, nicht ohne Stolz. Sie kämpft an der kroatischen Adriaküste mit ihren vier verwahrlosten Kumpels stinkfrech gegen ungerechte Behandlung, korrumpierte Stadtobere und zusammen mit einem alten Fischer gegen die Adlaten einer Fischfabrik auf Expansions- und Zerstörungskurs der Fischgründe. Ein Jugendroman aus dem Jahr 1941, trocken, poetisch, aktuell. Kurt Held: Die rote Zora und ihre Bande; Sauerländer 1999


 
 

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