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noch mehr lesen: Alpenkratzdistel
| Als Rinderhirt und Geissenmelker in Graubünden
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Als Rinderhirt und Geissenmelker
in Graubünden
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von Gereon Janzing |
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Wohlgemerkt: Ich hüte keine Kühe,
die gemolken werden, sondern Rinder, die keine Milch geben: Jungtiere
vorm ersten Kalben. Zugegeben, ein paar trocken stehende Kühe sind
auch dabei, und eine Kuh, die von ihrem Kalb gemolken wird. Dieses Kalb
ist ein Bullenkalb, das einzige männliche unter den 69 Tieren. Neben
Braunvieh habe ich je 10 Stück Grauvieh und Schwarzfleckvieh. Leider
macht sich auch in der Schweiz mehr und mehr die barbarische und grausame
Sitte breit, den Tieren die Hörner zu amputieren. |
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Um als
Ausländer in der Schweiz zu arbeiten, brauche ich eine Arbeitsbewilligung.
Die ist aber zumindest für Deutsche, die auf die Alp wollen, meist
problemlos zu erlangen, sobald man einmal eine Alp gefunden hat, deren Meister
einen haben will. Die Arbeitsbewilligung des Kantons anzufordern, ist Aufgabe
des Alpmeisters. Ich habe einen Ausländerausweis von der Polizeibehörde
des Kantons Graubünden, in dem der Aufenthaltszweck genannt ist: «Hirt». Die Landschaft, in der sich unsere Alp befindet, ist grandios: ein kleines Hochtal mit Lärchenwäldchen, Sumpfgebieten und Bächen. Die Flora ist reich. Berghähnlein (Anemone narcissiflora), Silbermantel (Alchemilla alpina) und die verschiedensten Enziane grinsen uns auf Schritt und Tritt entgegen. Die nächste Strasse ist ausser Sicht- und Hörweite und nur in einem Fussmarsch von weit über einer Stunde oder im Notfall mit dem Helikopter («Heli») zu erreichen. In Bayern und Österreich bezeichnet man ein nur im Sommer bestossenes Hochweideland mit zugehöriger Hütte als Alm, in der Schweiz dagegen heisst es Alp. |
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| Gereon Janzing ist freischaffender Geowissenschaftler mit Schwerpunkten Ethnobotanik, Agrarethnologie und Ethnolinguistik und freischaffender humoristischer Dichter. Mehr über ihn und seine Taten erfährt man auf auf seiner Webpage |
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Die Hütte ist aus Stein und
Holz und trägt ein Blechdach. Das Wasser kommt von einer Quelle.
Und wenn die Sonne scheint, können wir sogar warm duschen, da ein
langer schwarzer Schlauch, der auf dem Dach ausgelegt ist, als Sonnenkollektor
dient. Da die Sonne nicht immer scheint, lässt man manchmal einige
Zeit ohne Duschen vergehen. Der Schweissgeruch mag unangenehm sein, ist
aber weder ungesund noch unhygienisch. Und sollte mal jemand auf die Idee
kommen, in ein Dorf oder eine Stadt zu gehen, so wird der Geruch ohnehin
vom allgegenwärtigen Ziegenduft überdeckt. |
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| Nun, ein verwöhntes
Wohlstandskind mag uns als «bescheiden» verleumden, weil
es gerade in diesem Reichtum einiges vermisst. Einen Elektrizitätsanschluss
zum Beispiel. Warum? Mit Gaslaternen und Kerzen geht es doch auch. Für
das Licht im Käsekeller haben wir ein Solaraggregat. Mein Zaungerät
ist auch solar betrieben und damit pflegeleicht. Der Kühlraum funktioniert
mit kaltem Wasser, das wir hier in den Bergen zur Genüge zur Verfügung
haben. Ein alltägliches Erlebnis: Bei Kerzenlicht Tee trinken, in die heisse Tasse blasen und dann durch die beschlagene Brille die regenbogenfarbenen Kerzen sehen wer das noch nie erlebt hat, dem fehlt wahrlich etwas! Was für ein Glück, dass ich Brillenträger bin! Als Bedürfnisanstalt dient ein Plumpsklo mit grandiosem Ausblick auf die Berglandschaft. Besonders bei Vollmond hat dieses Klo eine einmalige Atmosphäre. Oder nachts bei Gewitter: Es ist stockdunkel, und kurzzeitig taucht ein Blitz die Landschaft in blaues Licht. Das Gefühl, das einen in dem Moment befällt, ist beim besten Willen nicht mit Worten zu beschreiben. |
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Fotos: Gereon Janzing |
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Freilich können wir hier
oben nicht alle Verbrauchsgüter selber produzieren. Da wir
keine Bienen haben, müssen wir die Kerzen kaufen. Auch das Gas muss
käuflich erworben werden, da eine Biogasanlage viel zu teuer ist.
Und stärkereiche Lebensmittel wie Getreide und Kartoffeln gedeihen
hier auf fast 2000 m Meereshöhe nicht, so müssen wir auch diese
zukaufen. Brot backen wir gelegentlich selber, meistens aber bestellen
wir es bei einer Bäckerei. Auch die anderen Verbrauchsgüter
bestellen wir, und zwar mit dem Handy der Nachbaralp. Von unserer Alp
aus geht das nicht, da sie im Funkschatten liegt. Einmal in der Woche
bringt der Lastenaufzug dann die Dinge auf die Nachbaralp, von wo wir
sie mit einem Geländetraktor abholen können. Ein Maultier haben
wir leider nicht. |
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Einige Ziegen sind hornlos.
Manche Rassen wie die Appenzeller werden vorwiegend hornlos gezüchtet.
Die Hornlosigkeit wird dominant vererbt; reinrassig hornlose Ziegen neigen
angeblich zu Fruchtbarkeitsstörungen. |
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| Bisher verstehe ich kaum etwas
vom Surselvischen. bien di heisst «guten
Morgen» oder «guten Tag», buna sera ist der Gruss
für den Nachmittag und den Abend, viva heisst «prost»,
neu heisst «komm», womit ich die Rinder rufen kann, in
der Mehrzahl vegni oder umgangssprachlich kurz gni. Der Ziger
heisst hier tschagrun. Das wichtigste Wort für uns ist natürlich
caschiel caura «Geisskäse». Zum Vergleich: Mittelbündnerisch
(d. h. Sutselvisch und surmiranisch) heisst es caschiel tgora, engadinisch
chaschöl chevra. tg und engadinisch ch sind etwa wie tj zu sprechen,
sch ist in diesem Fall stimmhaft wie g im deutschen Wort Blamage. Daneben wird Walserdeutsch gesprochen, da germanische Siedler aus dem Wallis hierher gekommen sind. Das Walserdeutsche gehört zum Höchstalemannischen. Alemannisch ist bekanntlich die grosse Dialektgruppe, die den Südwesten des deutschen Sprachgebietes einschliesslich fast der gesamten Deutschschweiz umfasst. Auffällig ist, dass man hier Schwy (oder diphthongisiert Schwie) für «Schwein» sagt, während sonst im Alemannischen das Wort Sou oder Suu üblich ist. Trotz der Bezeichnung «Deutsch» können die Schweizer ihre Herkunft auch dann nicht verbergen, wenn sie versuchen, tatsächlich Deutsch statt Schweizerisch zu sprechen, was sie mit uns, die wir aus Deutschland kommen, des Öfteren tun. Als ob wir das Schweizerdeutsche nicht verstünden! |
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In diesem Gebiet gibt es die Regel,
dass jede Alp zwei Alpmeister hat: einen deutschsprachigen und
einen romanischsprachigen. |
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Vier Wochen lebe ich schwerpunktmässig
als Einsiedler in einer kleinen, schnuckeligen Hütte, da meine
Rinder ein Stück von der Alphütte entfernt sind. Alle zwei bis
drei Tage gehe ich hinab zu meinen Kollegen, da ich ja etwas zu essen
brauche. Ab und zu kommt jemand zu mir hoch. Und häufig kommen die
Ziegen und bringen mir Milch. Damit ich die Milch lagern kann, bastle
ich einen Kühlschrank. Wie das geht? Ich zimmere eine Kiste, die
gerade so gross ist, dass die Milchkanne hineinpasst. Und diese Kiste
befestige ich mit Draht im Brunnen. In diesem Kühlschrank wird die
Milch innert einer halben Stunde fast eiskalt. |
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Foto: Regula Wehrli |
Ansonsten funktioniert die Gruppendynamik
sehr gut. Das ist keineswegs selbstverständlich, auf manchen
Alpen gibt es einige Probleme, bisweilen sogar so fatale, dass das Alpleben
nur noch zur Qual wird. Normalerweise habe ich ernsthafte Probleme zwar
ausschliesslich mit sehr verwöhnten Luxuskindern, die an mich entsprechende
Erwartungen haben. Aber wenn man so eng aufeinander lebt und zeitweise
viel zu tun hat, könnten ja schon Kleinigkeiten das Miteinander unerträglich
machen. Nun, abgesehen von kurzzeitigen Anfällen von Missmut gibt
es keine Schwierigkeiten. Kein Chef, wir haben alle gleiche Rechte, die
Anarchie funktioniert wunderbar. Was sollte auch funktionieren, wenn schon
die Anarchie versagen würde? |
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Nun, ich darf nicht verschweigen,
dass bei der Arbeit nicht immer alles so läuft, wie wir es gerne
hätten. Manchmal laufen Tiere davon, und wir müssen sie suchen.
Manchmal ist ein Tier krank. So muss ich einem Rind mit Panaritium (Klauenentzündung)
ein Antibiotikum einflössen, was ich nur mit jemandes Hilfe schaffe.
Eine Ziege mit heftigem Durchfall kuriere ich mit Schwarz- und Grüntee,
und nach zwei Tagen ist sie wieder völlig gesund. Eine andere Ziege
leidet unter einer von Zittern und Hinken begleiteten Schwäche, deren
Ursache wir auch mit Hilfe der Fachliteratur nicht zu identifizieren wissen.
Es ist zunächst nicht klar, ob wir sie am Leben erhalten können.
Doch durch die Fütterung würziger Alpenkräuter, über
die sie viel wilder herfällt als übers Heu, lassen sich ihre
Lebenskräfte wieder erwecken, und nach und nach genest sie. |
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