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  Zwischen Käselaibern und Alpenrosengebüsch wird nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt. Das meiste davon bleibt das Geheimnis wiederkäuender Kühe und zugeklappter Tagebücher. Eines wird hier zumindest teilweise geöffnet, und es erzählt, was bei Heidi und Schellenursli verschwiegen wurde. Die Ortsangaben und Personennamen haben wir geändert, ferner inkonsequent weggelassen, was nicht an die Öffentlichkeit gehört.
 

 
 
Die Alpenkratzdistel ist nicht löwenzahngelb 
 von Giorgio Hösli  
 
 
 

15. Juni
Erst seit sieben Tagen auf der Alp und heute schon das Ende herbeigesehnt. Was musste ich auch so dumm sein, den Hütejob zu übernehmen, die Wetterpropheten vom Muothatal haben ja prophezeit, dass es einen nassen Sommer geben würde. Mein Filzhut ist bereits zwei Nummern geschrumpft und das ständige Klopfen auf die Hirnschale schraubt mir das Kopfweh zwischen die Ohren. Was mal Weide war ist Sumpf geworden, und falls die Kühe nicht schwimmen lernen, werden sie bald den Ausgangsstollen des Stausees verstopfen. Beim Heimtreiben zum Stall schwingen sie ihre Euter lustvoll im MoorFangoSchlammbad des ehemaligen Weges, sodass man sie ohne Schrubber und Eimer gar nicht melken kann. Alles trieft, plätschert, pladdert, plantscht, ist vollgesogen, aufgeweicht, abgeströmt und fortgeschwemmt, die ganze Landschaft zerfliesst, wird ins Meer gespült. Alplantis!
 

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Dieser Text
ist erschienen in:

Neues Handbuch Alp
zalpverlag 2007

  17. Juni
Hohojohoo! Es glitzert in den Wasserlachen. Das Leben knistert wieder durch die Glieder. Auf der Haut da glüht die Sonne. Grüss dich, du Feuer für Gemüt und Seele, du Anstifterin der Vogelgesänge und Insektengesummssse, du Farbensprenklerin der blassgrünen Weiden, du Verwandlerin wasserzermürbter Kuhtreibern zu kraftstrotzenden Hirten. Nebeldampfschwaden, haut ab in den Himmel. Verzieh dich nur du nassklatschtropfe Feuchtigkeit! Hoihoihoi, ihr schwanzsteuernde Kuhkutter! Heute geht ihr an Land. Beisst wacker ins frische Gras, wer weiss, ob jetzt die Zeit der Dürre naht!
Bei der Hütte wird Käse gebraut, Kaminrauch schwadert um die Tannwipfeln und seine Geruchsteilchen zuckeln an meinen Nasenschleimhäuten. Die Sonnenwärme stimmt mich versöhnlich. Gestern abend noch hat die Wut in mir gekocht. Da schwimm ich täglich durchs Netz der strätzenden Regenfäden, bewahre die Kühe vor Hungersnot und Vertrohlungsgefahr, bring sie bei Morgendämmerung und Nachmittagsende uhrzeigergenau auf die Melkzeiten in den Stall, fege, wische, kratze ihn, zaubere berquellreines Mineralwasser in die Weidebrunnen, pflanze Zaunpfosten und verbinde sie mit blutbeflecktem Stacheldraht - und da muss sich mein Ohr, als Teil meines arbeitsstrapazierten Körpers, von Kathi anhören, ich solle auch mal kochen und nicht nur auf der Weide rumfaulenzen.
Ich will gern zugeben, dass dann das Essen wenigstens essbar wäre, bei meinen Kochgerichten muss man sich nicht die Gurgel zuschrauben, damit das Runtergedrückte auch wirklich unten bleibt, aber es geht mir nicht in meinen alpzerzausten Kopf, wie Kathi und Esti als knallharte Femmis, während all den Stunden eines langen Tages nicht die Zeit finden, etwas Köstliches in die Pfanne zu kriegen. Sollen die doch hüten, wenn ihnen die Käse zu schwer sind und die Hütte zu warm.
Ich ertappe mich beim Bleistiftkauen, stecke das Buch besser weg und eine Zigarette an.
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24. Juni
Es ist soweit. Gestern beim Abendessen das erste Krisengespräch dieses Alpsommers. Meiner Erfahrung nach eher zu früh im Kalender, um die Alp in trauter Liebe zu überstehen. Die Kathi ist einfach eine Nervensäge, weiss alles besser, kann alles besser und meint für drei zu schuften, sodass ich mich frage, woher treu abendlich meine ach so schweren Augendeckeln kommen. (Die Bise ist ins Tal gekrochen, meine eisklamme Hand umfasst den Bleistift wie in Boxhandschuhen.) Schlussendlich haben wir uns in aller Freundlichkeit Gute Nacht gewünscht, wie dies unter Zivilisierten so die Art ist. Manchmal vermiss ich da Zunder Feuer Explosion. Immer schön brav sein, weil's einem das Mami damals so beigebracht hat, löst weder Alp- noch Weltprobleme, dafür pflastert's ein Geschwür an die Magenwand.

25. Juni
Geahnt hab ich's bereits: wir sind ein innovatives, dynamisches Alpteam, keine traditionellen Älplerchnustis mit stiernackensteifer, sexistisch ausgerichteter Arbeitsaufteilung - auch Frauen können Kühe hüten! und auf Morgen malen die Wetterpropheten die Sonne an den Himmel. Kathi geht das süsse Hirtinnendasein geniessen (he he, wird sich ihr hübsches Bleichkäseface verbraten), und ich werd in der guten Stube Zigaretten drehen und warten bis der Käse gar ist. Befehl vom Chef, pardon: Chefin.

29. Juni
Sonntag. Zmitzt in der grossen Wolke grau vernieselte Sicht. Keine Kuh zu sehen nirgends, aber jede Glocke wirft eigene Klanggirlanden in die nebulöse Undurchdringlichkeit und zeichnet den Weidegang der Tiere in meine intuitive Geländekarte.
Das Käsen ist nicht meine Sache, man kommt als Hirte auf die Welt oder gar nicht. Der Senn ist der Käser und der Chef und der Zusenn der Abwascher. Hurra, die freien Leute gehen z'Alp! um sich mit den Mauern von Küche und Keller einzuwickeln. Vier Tage Zusenn und schon spriessen mir die ersten Schimmelpilze auf dem Gemüt. Meine schöne braune Haut blättert ab wie der Verputz der Käsereiwände. Beim Käseschmieren frisst einem das Ammoniak die Windungen unter der Hirnrinde weg, bis man von nichts mehr als Bakterien reden kann, ein Anzeichen dafür, dass man als Hirte verloren ist.
Überhaupt, Bakterien. Oft davon gehört, aber noch keine gesehen. Sollen, sagt man, den Zucker aus der Milch kafeln, bis diese ganz versauert. Später furzen sie dann Löcher in den Käse, manchmal auch Ballone oder keine, beides stimmt den Milchinspektor ganz verdriesslich und der Stolz des Sennen schwindt. Mir ist der Käse lieb im Magen - die Löcher drin, die knurren nur.
Käsen ist Käse und Hüten ist im Leben wüten. "Chum Chueli Chum!"
 

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  7. Juli
Ach Kathi, ich hassliebe dich!
Du verleihst meiner spirituellen Entfaltung Engelsflügel. Du bist die Zankapfelblüte in meiner Lebensentwicklungswüste. Könnte ich nicht vom Glück unserer Streitereien kosten, wäre ich morgen noch derjenige von gestern. Würde ich mich in deiner besserwisserischen Halsstarrigkeit nicht wie in einem Spiegel wiedererkennen, wäre mein Lebensweg bis zum Kreisel gekrümmt. Du bist der Berg, an dem ich ansteh. Und bei dem ich mich zu entscheiden habe, ob ich ihn überklettern, oder mit einer Tunnelröhre durchbohren will.
Wenigstens ist mit Esti Friede, Freude, Käsekuchen. Ihre Art möcht ich haben. Kommt mit allen zurecht. Scheint mit zwei Quadratmeterlatschen tief im Boden verwurzelt und strahlt morgens in die Dämmerung, dass sich die Sonne nicht mehr hinterm Horizont halten kann.
 
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11. Juli
Das erste Mal! Die Kühe grasen mir auf der Sonntagsweide einen Freitag weg, und in der Käseküche knallt ein Billigchampagner zum Anpfiff. Kleider weg vom Leib und wer zuerst bis zum Kinn drin ist, hat gewonnen.
Die Schotte brennt einen zartsüssen Schauder in die Haut. Kathi, die coole, netzt als erste ihr Hammerkinn, während mir noch das Feuer im Bauchnabel lodert und Estis wogende Brüste durch die Sinne baumeln. Meine Erregung taucht ab in die Fluten der käseverlorenen Milch. Hexenkessel, Engelssud, Teufelspott und Feenmilch. Das Schottenbad ist die Versöhnung von Himmel und Hölle. Ab sofort finden die Friedensverhandlungen der Weltpolitiker und Älpler nur noch im Käsekessi statt - das Wort Krieg wird vergessen gehen.
Meine Augen tränen vom milden Dampf und ich betrachte Kathis zerfliessendes Gesicht. Durch die Weichzeichnertröpfchen wirkt es richtig sympathisch. Der Champagner lässt kühle Perlenketten meinen Hals hinunterhangeln und wir erzählen uns Bademeisterwitze. Samtig schmiegt sich beim Armeschwaddern die Schotte um die Haut und wenn die Füsse Estis meine berühren, stiebt's Schneeflocken bis an die Haarwurzeln. Mein Pimmel und ich, wir sind auf Entzug.

   
 

21. Juli, nach Vollmond
Heute tropft das Harz von den Bäumen und der Traum durchlöchert noch immer meine Eingeweide. Die Kühe nagen lustlos an den Borstgrasbüschel und muhen mich vorwurfsvoll an, als könnte ich Salate aus dem Boden schiessen lassen. Jaja, morgen geht's in eine neue Koppel, nur tapfer muhen, damit der Hunger kommt und die Zeit vergeht. Fuck, vielleicht hätte ich doch nicht so gemein sein sollen zu den Gästen von Esti, aber allmählich ist mir Besuch genug bis über den Deckel meines Hirtenhutes. Wenn die weder abwaschen noch kochen können und beim Holzhacken als einzige Leistung die Beilstiele verspalten, dann sollen die in Rimini Ferien machen und nicht bei uns.
Gurke, Gurke, Gurke. Warum träum ich jetzt zum zweiten Mal, dass ich Kathi mit dem Metzgermesser ersteche? Ich hasse sie, ich geb's mir zu mit verschämter Brust. Aber der saure Hass soll mich in Ruhe lassen, mich nicht auf die Weide verfolgen und bis in die Nacht. Das geträumte Messer ist jenes aus unserer Tischschublade. Für Salami, Gemüse und Käse gedacht, und bei geblähten Kühen anstelle eines Trokars zu gebrauchen. Liebes Tagebuch, es darf mir nicht passieren, das mich der hinterhältige Jähzorn befällt.

26. Juli
Vom Nikotin vergilben meine Finger, ich rauche zuviel. Schwarz wie meine Lunge ist die Aussicht auf ein langes Leben. Jetzt aber beginnt ein neues. Hört her ihr Kühe, vernehmt mein Gelübde! Heute keine Zigarette, morgen nicht mal die. Ich will keine verrusste Seele. Der ganze Resten Tabak nur für euch, Gretina und Veile, streckt die Zungen! Blätter direkt aus Virginia und Oklahoma, der Duft der weiten Welt.

2. August
Abgestandene Schwaden verbrutzelten Servelats hängen noch in meiner Hirtenjacke, der Alkoholgeist im gespaltenen Kopf wird vom Tage verweht. Nicht einmal Griesgramkathi hat mir den Abend verdüstern können. Ein feuriges Fest mit festem Feuer, stiebende Funken vergammelter Matratzen und GrossstadtHipHop aus der Stromdose, zaubert Glücksfetzen in den Alpenkoller. Kühles Bier und heisse Tänze haben meinen arbeitsverkrampften Körper wieder mal richtig durchgeknetet. Sogar Tschüge und Sonia sind gekommen mit ihrem frischgeborenen Windelpack namens Nicole und machen, oh Wunder, trotz Familie nicht auf tutsida-tutsidort. Henri hat wie gewohnt seine Säuferleber begossen und ist während dem Melken noch in der eigenen Pfütze gelegen; seit Karin in die Ferne zog, hält er sich an der Flasche fest, der arme Kerl.
S'war schön, s'war verheissungsvoll. Oh Esti, tanz weiter mit mir, schiess Augenblitze in die Tiefen meiner Gletscherseen, reib deine silbernen Stirntropfen in mein feuchtes Hemd. Ich will den Duft, der zwischen deinen Brüsten hochsteigt ewig auf meinen Riechnerven fühlen, will mir vom Prickeln deiner angeschmiegten Schenkel meine Wirbelsäule durchflattern lassen, bis am Ende die Nackenhaare in der Hitze verglimmen.
Soll ich's dir auf die Seiten malen oder soll ich's nicht? Auch ein Tagebuch kann nicht alles verkraften. Ich glaube ich bin verliebt, es glühen mir die Ohren und mein Herz pocht gegen die Tore des Olymps.

8. August
Heute Brief an Lui geschrieben, und ihm vom kosmoralen Orgasmus erzählt, der mich gestern vom Adlerfelsen aus durchs Tal geworfen hat. Es gibt Tage, an denen kann einem die ganze Welt und niemand. Da ärgert mich weder Kathi noch sonst eine Kuh, strahlen mich die Margriten an und der Himmel kommt runter bis in die Brust. Die braune Flotzmaulherde schifft sich gemächlich durchs wogende Gras, aus den reinen Alpenlüften erklingen die Vogelgesänge und über allem trieft die Romantik der Fotobücher; die Romantik, von der wir Älplers nicht viel plaudern, weil wir lieber mit der harten Arbeit bluffen.
An solchen Tagen tut es gut mir im nahen Bach die Alltagsschuppen aus der Haut zu schruppen und mich danach auf dem Adlerfelsen den Sonnenstrahlen hinzugeben. Durch die Visionen der Dösigkeit erscheint Esti bei mir und begleitet mich auf meiner Phantasiereise. Ich flattere mit meinen Händen über den nackten Körper und spüre ihre Hände. Die Poren öffnen sich und Esti umwirbelt mich mit ihrer Wärme. Irgendwann verlier ich mich selbst und spritze mir die Lust aus dem Bauch bis hinauf ins unsichtbare Firmament.

13. August
Die Lunte hat's geschafft zu brennen bis die Bombe kracht. Ich bin echt ausgerastet. Einem Schürhacken gleich hat mir Kathis dauerndes Rumgenörgele an meiner Arbeit die stille Wut zur Weissglut entfacht. Gelöscht hab ich sie mit einem Eimer voll süssen Rahms, den ich über Kathis Sauerkrautgesicht geleert habe. Als weissgetünchte, schreiverkrampfte Heulsuse ist sie zur Dusche gerannt. Fuck. Das Geschmiere vom verspritzten Rahm hab ich weggeschrubbert, aber am Gewissen klebt er noch.
Das soll die doch in ihren hirnlosen Schädel bringen, dass ich nunmal kein Zusenn bin. Alles muss nach ihrem komplizierten System gehen, damit selbstverständlich keine Zeit für eine Mittagspause bleibt. Jedes Järb gehört an seinen zugewiesenen Platz. Eine Bürste ist für die Kannen, die andere fürs Kessi, die dritte für den Presstisch. Die Käse kommen mit Datum nach vorn, exakt einen Damen!fingerbreit über den Rand des Käsebretts usw., die Liste an unnützen Pedanterien ist so lang wie eine Rolle WC-Papier und für das gleiche zu gebrauchen. Hauptsache ist doch, der Käse ist gut, und dem ist's egal in welche Himmelsrichtung sein Datum zeigt.
Ich schreib ihr ja auch nicht vor, wie sie hüten soll (kapiert sie eh nicht).
 

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  15. August
Die Frauen sind ein Mysterium, hat glaub ich schon vor mir einer gesagt, und damals schon recht gehabt damit, ob er Esti gekannt hat? Zuerst bei mir an den sensiblen Teilen grabbeln, mit den wippenden Hinterbacken locken und an den Ohren züngeln, um plötzlich die eisige Schulter zu präsentieren und so zu tun, als wären meine Annäherungen die üblichen Hirngespinsten eines geilen Typs (wie Männer halt so sind). Ich kann's ihr nicht mal übel nehmen, aber verstehen tu ich's nicht. Gebt mir eine Zigarette um das angerissene Herz mit Nikotin zu verkleben.
 
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20. August
Wenigstens hat die Kathi gute Freundinnen. Johanna hat echt den Durchblick. Ohne sie wäre der erneute Krisengipfel sicherlich in einen Felssturz ausdesastert. Ihrer Idee gemäss starten wir jetzt den späten Versuch, die Alp unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu strukturieren. Es prangt ein Denkzettel an der Käsereitür und wir haben's uns in die Hirtenstöcke und Järbreife geschnitzt:
1. Wichtigstes Ziel ist die Alp gemeinsam zu Ende bringen.
2. Anfangs Woche wird ein Arbeitsplan besprochen und erstellt.
3. Die Arbeit rotiert im Wochenturnus.
4. Jeder trägt für die jeweiligen Arbeiten die volle Verantwortung, keiner hat ihm dreinzureden.
Neben der Arbeitsgestaltung wird Konfliktforschung betrieben. Auftretende Streitereien werden im Dreier-Plenum besprochen. Dabei darf der Psychomüll im aufgeschnürten Lebensrucksack nicht den anderen an den Kopf geworfen werden. Niemand hat recht, alle haben ihre Meinung.
Tönt toll nach Jürg Willis Eheberatungs-Ecke. Fehlt nur noch der Briefkastenonkel für verstrittene Älplers und hysterische Katherinas.

   

15. August
Die Frauen sind ein Mysterium, hat glaub ich schon vor mir einer gesagt, und damals schon recht gehabt damit, ob er Esti gekannt hat? Zuerst bei mir an den sensiblen Teilen grabbeln, mit den wippenden Hinterbacken locken und an den Ohren züngeln, um plötzlich die eisige Schulter zu präsentieren und so zu tun, als wären meine Annäherungen die üblichen Hirngespinsten eines geilen Typs (wie Männer halt so sind). Ich kann's ihr nicht mal übel nehmen, aber verstehen tu ich's nicht. Gebt mir eine Zigarette um das angerissene Herz mit Nikotin zu verkleben.

20. August
Wenigstens hat die Kathi gute Freundinnen. Johanna hat echt den Durchblick. Ohne sie wäre der erneute Krisengipfel sicherlich in einen Felssturz ausdesastert. Ihrer Idee gemäss starten wir jetzt den späten Versuch, die Alp unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu strukturieren. Es prangt ein Denkzettel an der Käsereitür und wir haben's uns in die Hirtenstöcke und Järbreife geschnitzt:
1. Wichtigstes Ziel ist die Alp gemeinsam zu Ende bringen.
2. Anfangs Woche wird ein Arbeitsplan besprochen und erstellt.
3. Die Arbeit rotiert im Wochenturnus.
4. Jeder trägt für die jeweiligen Arbeiten die volle Verantwortung, keiner hat ihm dreinzureden.
Neben der Arbeitsgestaltung wird Konfliktforschung betrieben. Auftretende Streitereien werden im Dreier-Plenum besprochen. Dabei darf der Psychomüll im aufgeschnürten Lebensrucksack nicht den anderen an den Kopf geworfen werden. Niemand hat recht, alle haben ihre Meinung.
Tönt toll nach Jürg Willis Eheberatungs-Ecke. Fehlt nur noch der Briefkastenonkel für verstrittene Älplers und hysterische Katherinas.

 
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3. September
Verdammtes Scheisswetter, gottverfluchte Schwerkraft. Die Lisa ist mir heute vom Hang in den Tod gerutscht und schwebt jetzt Richtung Kuhhimmel. Der arschplatsche Boden hält weder Kuh noch Mensch. Was musste das dämliche Vieh nach den letzten Edelweissen züngeln. Ich hätte sie nicht so hoch raufweiden lassen dürfen, okay, aber irgendwo muss ich das Gras auch holen. Und sonst ist die Lisa ein trittsicheres Vieh gewesen. Scheisse, das gibt eine schlaflose Nacht, dem braven Giuseppe mag ich's auch nicht gönnen. Immer preicht's die guten.
Tränen, grosser Hirte, waschen das Adrenalin aus den Muskelfasern, heul los, reinige dein beflecktes Selbstbewusstsein. Das Beste wäre den Koffer packen, irgendwo zwischen Indien und Marokko eine Würstchenbude eröffnen. Der Stress mit den abgestürzten Tieren denen überlassen, die cooler sind als ich.

4. September
Phu, das Herz hat wieder Platz in der Brust. Der gutmütige Giuseppe. Steht mit schwimmenden Augen neben seiner Lisa und murmelt ein unverständliches Gebet an die Götter. Und kein einziger Vorwurf an mich. Die Sonne sticht durch die Wolkendecke, schwarz schaukelt die aufgedunsene Kuhkugel am Helikopterseil der endgültigen Verwertung entgegen. Was einmal Gras zu Milch verwandelt hat, wird zu Lippenstift und Hühnerfutter.

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15. September
Gefressen, zertrampelt, verschissen und verfault. Rot ergiesst sich der Herbst über die Weide und wirft einen stahlblauen Himmel über den Horizont. Die Kühe sind träge vor lauter schwanger, die Älpler sind müde vor lauter Schuft- und Zankerei, der Rest der Alp legt sich zeitgerecht zur Ruhe. Den Herbst kann man nicht malen ohne die Farben der Melancholie.
Am 17. ist Alpabfahrt. Tag der Rituale. Rollende Container verschlucken die letzten Kühe, rumpeln mit ihnen zum Tal hinaus, während wir in der Beiz sitzen und mit den Alpmeistern Schnitzel und Pommes Frites knabbern. Man wird uns unangemessen zu trinken anbieten, und fragen, ob wir nächstes Jahr wiederkommen. Wir werden wie gewohnt mit den Schultern zucken, das Gespräch geschickt auf Erlebnisse des vergangenen Sommers zurückleiten und uns nach dem Zustand von Tonis neugeborenen Tochter erkundigen.
Kathi, aber sicher, werde ich mir nicht mehr antun.

 
 

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