Umgang mit Konflikten auf der Alp
Juni 2008
 

 
Die Belastung durch die Arbeit auf der Alp ist das eine. Die Zusammenarbeit das zweite. Wie man
an sich und der eigenen Teamfähigkeit arbeiten kann, vermittelt der folgende Beitrag. Zum eigenen
Alpglück muss man nicht nur die Melkschläuche entwirren.
 

Text: Joachim Lenz

 

 

Järbe biegen
   
 

Neben den Schwierigkeiten,die fachlich-praktische Seite eines Alpsommers zu meistern, zeigt sich in heutiger Zeit mehr und mehr, dass das soziale Miteinander und das Zurechtkommen mit sich selbst in der «Extremsituation» Alp die vielleicht grössere Herausforderung darstellen.
Anders als in den Achtziger-Jahren ist heute wieder mehr Wissen und/oder Erfahrung über das Älplerwesen vorhanden, gibt es Literatur (Neues Handbuch Alp) und Kurse zur Milchverarbeitung sowie Älpler mit teils jahrzehntelanger Erfahrung. Die alten Strukturen des Senntums (Der Senn ist der Käser und der Chef), werden durch Teams ersetzt. Arbeiten im Team muss geübt werden.
Im Folgenden werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie man im Konfliktfall mit sich und den Mitälplern besser umgehen kann.

An erster Stelle steht zunächst einmal die körperliche Fitness!

Trotz häufig anzutreffender Modernisierung und technischer Hilfsmittel ist ein Alpsommer nach wie vor eine anstrengende Angelegenheit. Ohne entsprechende körperliche Vorbereitung endet so manche romantische Vorfreude bald in einem (Muskel-)Kater! Gehört schweres körperliches Arbeiten vor der Alp nicht zum Alltag, ist es eine schlichte Notwendigkeit, durch entsprechendes Training fit zu werden.

Aber auch mentales Fitnesstraining ist möglich! – Und kann schon vor der Alpzeit eingeübt werden, so dass es während der Alp zu einer liebgewonnenen Gewohnheit geworden ist, die leicht in einen noch so vollen Arbeitstag eingebaut wird.

  • Bei der progressiven Muskelentspannung wird durch Anspannen und Entspannung von Muskeln und Körperregionen eine körperliche und geistige Beruhigung erreicht.
  • Das Autogene Training erreicht einen ähnlichen Effekt, wirkt aber über die mentale Entspannung auf den ganzen Menschen.
  • Die verschiedenen Meditationstechniken wirken durch eine Besinnung auf das, was ist und Konzentration auf das gegenwärtige Tun, Atmen, Sitzen beispielsweise.
  • Die Nebenübungen nach Rudolf Steiner sollen, über einen längeren Zeitraum praktiziert, zu mehr innerer Ausgeglichenheit und Freiheit führen, eine Vorraussetzung, um unbeeinflusst von inneren und äusseren Widerständen sich auf das Eigentliche konzentrieren zu können.
    Zum Thema Entspannung und Meditation gibt es ein mittlerweile grosses Angebot an Büchern, Kursen usw. Auch googeln hilft weiter. Steiners «Nebenübungen» sind im Buch «Erkenntnis der höheren Welten und wie man sie erlangt» zu finden, sowie als kleines Heft. Jeder wird bei der Suche das für Ihn/Sie passende finden.

Allen gemeinsam ist, in einer Körper und Geist sehr einnehmenden Zeit, wieder zurück zum eigenen Selbst, zu den eigenen Ressourcen und – für diejenigen, die was damit anfangen können – zu den Kräften und Energien um uns herum zu finden. Anstatt sich beim Versuch, die Umstände und den Anderen zu ändern zu verbrauchen, stecken wir Zeit in unsere Weiterentwicklung und verbauen nicht den Weg zur «Tankstelle». Die gesparte Kraft kann in Arbeit und Entwicklung gesteckt werden, die erworbene Gelassenheit brauchen wir, um zu akzeptieren, was nicht zu ändern ist. Als Dreingabe erhalten wir die Weisheit, zu unterscheiden zwischen dem, was sich ändern lässt und dem, was nun mal nicht zu ändern ist.

Ein so gestärktes Individuum stärkt die Gemeinschaft!
Manche Probleme und sich entwickelnde Konflikte werden erst gar nicht eskalieren.
Der Umgang mit Konflikten fängt also weit vor dem eigentlichen Streit an, beim sorgsamen Umgang mit sich selbst. Was aber gibt es, um uns einen Umgang mit Konflikten zu erleichtern?
Zunächst sei hier gesagt, dass es neben der alltäglichen Arbeitsbelastung und den sich daraus ergebenden Problemen, immer die Möglichkeit gibt, andere Qualitäten und Elemente einzubauen: Geschichten erzählen, Vorlesen, Spiele, Musik. Im Zeitalter von Fernseher und Internet bietet die Alp einen idealen Rahmen, um die guten, alten Gepflogenheiten wiederzubeleben. Wo Kino, Kneipe, Disco nicht in greifbarer Nähe sind, sind wir aufgefordert, selbst aktiv, kreativ Freizeit zu gestalten, Kunst und Kultur in unser Leben zu bringen. Und wenn es nur ein paar Blumen sind, die der Hirt mitbringt! Oder der Besuch, der fein kocht, bäckt, die Hütte aufräumt, statt Käse schmieren (was er nach Meinung der Mitälpler eh falsch macht).Was manchen selbstverständlich scheint, ist für andere längst verlorene oder nie erworbene Fähigkeit. Man rennt unerledigten Arbeiten hinterher oder ist schlicht zu müde um zu bemerken, wie erfrischend und entspannend kleine Gesten dieser Art sind.
Weiter fällt es nicht jedem leicht, von sich zu erzählen, sich anzuvertrauen. Gerade bei neu zusammengewürfelten Alpteams kann es in konfliktträchtigen Situationen hilfreich sein, vorher schon mal über eigene Empfindlichkeiten gesprochen zu haben. Das hilft zu verstehen, schafft Vertrauen. Sicher wird jeder für sich entscheiden, wie sehr er/sie sich öffnen mag und einfordern lässt sich das schon gar nicht. Generell wird aber ein privater Plausch beim Käseschmieren (um nur eine von vielen Möglichkeiten zu nennen) helfen, eine vertrauensvolle Grundlage zu schaffen für schwierigere Themen. Ganz sicher aber werden die obengenannten Vorarbeiten helfen, in den Streitsituationen angemessen vorzugehen.

Teams, ob auf der Alp oder anderswo, gehen durch so oder ähnlich verlaufende Phasen:

  • Orientierung: Am Anfang ist meist Vieles neu, jeder ist damit beschäftigt, die Gegebenheiten kennenzulernen, die Alp, die Tiere, Hütte, Mitälpler und sich selbst in der neuen Umgebung.
  • Abgrenzung: Nach einiger Zeit ist es nötig, sich abzugrenzen, den als passend erachteten Platz einzunehmen, die ergriffenen Aufgaben den gewonnenen Einschätzungen gemäss zu erfüllen.
  • Klärung: Spätestens jetzt werden unterschiedliche Auffassungen erkennbar, verschiedene Sichtweisen deutlich, unter Umständen gegensätzliche Wirklichkeiten erlebt.
  • Arbeitsphase: Nur eine befriedigende Klärung der aufgetauchten Fragen und Streitpunkte wird zu einem gut funktionierenden Team und von jedem positiv erlebten Alpsommer führen.
    Früher oder später also kommt es unweigerlich zum Konflikt, zum Streit! Und das ist völlig normal! Hat man/frau sich das vorher schon mal klargemacht, verliert ein Streit an Schrecken, muss die Angst davor erst gar nicht aufkommen. Konflikte sind notwendiger Bestandteil eines Teams, alle haben gleichermassen die Aufgabe, verantwortungsvoll damit umzugehen.
    Um das zu können, helfen Regeln! Im Gegensatz zu Gesetzen oder vorgegebenen Bestimmungen, wie wir sie alle vom Elternhaus, aus dem Arbeitsleben, als Staatsbürger kennen, haben wir im Team die Möglichkeit, uns eigenverantwortlich und selbstbestimmt Regeln zu geben. Eine wichtige Vorraussetzung, dass sie auch eingehalten werden.
  • Zeitfenster: Sicher ist es hilfreich, einen festen Termin zu haben, an dem Probleme angesprochen werden können. Was nicht heissen soll, dass nicht jederzeit ein Extragespräch anberaumt werden kann. In der Konfliktsituation etwas zu klären, ist weniger erfolgversprechend, oft nicht möglich, da die Arbeit ja schlecht liegen bleiben kann. Neue Vorwürfe, Verletzungen, Verletztheiten, («Störungen») sollten Vorrang haben, entweder gleich besprochen werden oder ein eigenes Zeitfenster bekommen. Zu lange Debatten sind nicht zielführend, viel länger als eine Stunde sollte ein Gespräch nicht dauern, auf jeden Fall immer einen neuen Termin finden, bevor man auseinandergeht.
  • Gesprächsregeln: Von sich, den eigenen Wahrnehmungen sprechen (ich-Botschaft)
    Du-Botschaften vermeiden («Du Depp»)
    Konkret, auf die Situation bezogen bleiben
    Keine Verallgemeinerungen («immer schon», «jedesmal»)
    Positives benennen
    Ergebnisorientiert reden
    Ausreden lassen
    Zuhören
    Nachfragen, um zu verstehen («embrace your enemies theorie»)
    Ernstnehmen, auch wenns schwer fällt
    Nicht versuchen, den Spiess umzudrehen, wenn Vorwürfe kommen, deine Zeit zu reden, kommt noch.
  • Fairnesskontrolle:Jeder ist aufgefordert, mit dafür zu sorgen, dass Regeln eingehalten werden. Eventuell kann auch ein Aussenstehender gebeten werden (Besuch), als Moderator für die Einhaltung zu sorgen.

Kommunikationsebenen:
Am Beispielsatz «Was ist denn das Grüne in der Sauce?» soll gezeigt werden, dass durchaus Unterschiedliches damit gemeint sein kann.
Sachebene, reine Sachfrage nach dem Grünen in der Sauce, Info erwünscht.
Beziehungsebene, «Warum hast du schon wieder was Grünes....?
Apellebene, «Bitte nix Grünes in die Sosse!»
Selbstoffenbarungsebene, «Diese Sosse mag ich nicht!»
Es ist also hilfreich, sich klarzumachen, dass mit ein und demselben Satz ganz unterschiedliche Botschaften transportiert werden und es sich lohnt, nachzufragen, um Missverständnissen vorzubeugen.

Es lohnt die Mühe, zunächst sich selbst verstehen zu wollen, sich auch dabei helfen zu lassen. Wenn ich weiss, was hinter meinem Ärger, meiner Wut steckt, bin ich eher in der Lage, auch den/die Anderen verstehen zu wollen/können. Dann ist der Weg frei, hinter Forderungen und eingenommenen Positionen Wünsche und Interessen zu entdecken und gemeinsam nach Lösungen Ausschau zu halten. So wird am ehesten das am Anfang formulierte Ziel: «Wir gehen zusammen z’Alp», das zwischendurch aus dem Blickfeld geraten war, wiedergewonnen. Und damit ist ein schöner, erfolgreicher Alpsommer möglich! Der Käse, die Kühe, die Bauern werdens danken.

 
 

Joachim Lenz, Landwirtschaftsmeister und Handwerklicher Milchverarbeiter. Als Berater/Betriebshelfer und Bio-Kontrolleur unterwegs, hat eine Fortbildung zum Thema Mediation in Organisationen gemacht.
lenz-mediation@web.de

   
   
 

 

 
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