Die mit Wolf und Wasser tanzt…
Juni 2009
 

 
Die diplomierte Agrarwissenschaftlerin Heike David hat in Hohenheim studiert und schon während des Studiums die Semesterferien mehrfach als Sennerin in der Schweiz verbracht. Ihre Leidenschaft ist der Butoh-Tanz, mit dem sie 1996 begann. Aus dem Hobby der 42-Jährigen hat sich mittlerweile eine zweite Profession entwickelt.
 

Text Leonore Welzin, Bilder Mobi Teumer

 

 

 

Wer Heike David im Scheinwerferlicht und in extremer Zeitlupe durch den Raum wandeln sieht, eine Glasschüssel mit Wasser auf dem Kopf balancierend, meint, eine klassische Schönheit vor sich zu haben. Umspielt von tanzenden Lichtreflexen faszinieren die Konzentration und Haltung, mit der diese aufrechte Frau den Raum durchmisst. Ein Gehen ohne Anfang, ohne Ende – sie könnte eine Wassergöttin sein, die der Antike entsprungen, ihrem Schatten im Hier und Heute begegnet.

Butoh ist ein Tanz der Langsamkeit und Intensität. In der Anfangsszene der Performance «fließend» liegt Magie, weich, weiblich und dem Wasser gleich. Ein tranceähnliches Zeitgefühl, das völlig außerhalb unserer schnell getakteten, Ziel gerichteten und Zweck orientierten, realen Zeit liegt. Das ist die eine Seite der Heike David.

Auf der anderen ist sie an gesunder Ernährung und nachhaltiger Ökologie interessiert. Heike absolvierte zunächst ein Praktikum auf einem Demeter-Hof, um dann in Stuttgart-Hohenheim Agrarwissenschaft zu studieren. Nach dem Diplom bewirtschaftet sie einen gepachteten Betrieb mit Ziegen, Schafen, Schweinen, Hühnern und Pferden sowie Grünland und Obstbäumen. Im Sommer zieht es sie in die Schweizer Berge, wo sie 2008 bereits zum siebten Mal als Sennerin arbeitet.

   
Heike David
   
 

Bodenständig und weltoffen, naturverbunden und kunstsinnig, traditionell und avantgardistisch – wie passt das zusammen? «Ich bin weder hundertprozentige Älplerin noch ein reiner Stadtmensch. Das Bodenständige der Landwirtschaft mag ich ebenso wie das Flirrende der Kunst und das Weltoffene der Stadt.» Dem jeweiligen Freundeskreis zu vermitteln, wie harmonisch sich Landleben und Künstlerdasein verbinden lassen, ist nicht einfach. Die passionierte Älplerin versucht es mit einem Vergleich: Das Hüten ist wie das Tanzen.

Man ist immer in Bewegung und muss sich unbekannten Situationen stellen: Wie findest du beispielsweise Kühe im Nebel? Zwar hört man die Kuhglocken, aber die Richtung ist ungenau, quasi akustisch vernebelt und durch Echos verfremdet. Auf der Suche neue Pfade beschreiten und sich aufs Gespür verlassen, das sind wertvolle Erfahrungen, die sich aufs Butoh tanzen übertragen lassen. 78 Kühe lassen sich nicht so einfach durchzählen: «Hast du sie gefunden bleibt die Frage: Hab ich alle Tiere?»

   
  Heike David
   
 

Das Gespür hilft. Es wird durch die Lebensweise auf der Alp – ohne Fernseher, Zeitung, Radio – geschult, denn «du beschäftigst dich mit ganz einfachen Dingen: arbeiten, essen, laufen, suchen, riechen, gucken. Im Tun fällt mir die Sinnlichkeit einer Bewegung auf.» Die ästhetische Wahrnehmung des Alltäglichen ist eine Frage des Bewusstseins. Wenn Heike Kühe beobachtet, wie sie gemächlich ein Bein vor das andere setzen, dann ist das Butoh. Gleichmut und kreatürliche Ruhe, die Kernkompetenzen der Wiederkäuer erfüllen die Tänzerin mit Bewunderung.
Für Künstlerfreunde klingt Kühe melken, Käse machen, Zäune ziehen und Holz hacken nach romantischem Hirtenleben. Bei so vielen Kühen und an die tausend Käserädern ist es jedoch harte Arbeit, zumal die meiste Zeit geputzt, abgewaschen und ausgemistet wird. Doch selbst monotonen Tätigkeiten gewinnt Heike eine sinnliche Qualität ab: «Das Mist schaufeln ist ja auch eine Art meditative Bewegung.» Zurück zur Natur – das ist die Devise des Butoh und Inspirationsquelle ihre avantgardistischen Performances und Improvisationen.

   
Heike David
   
  Mit der Kamera von ihrem Freund dokumentiert, fahndet sie auf den Bildern vom vergangenen Sommer nach markanten Momenten. Die Fotos nackt, mit offenen Haaren erinnern an den Wolf, der 2008 auf der Alm war. «Bei uns hat er sechs Schafe gerissen, auf der Nachbaralm fünfzehn.». Ein gezielter Biss in den Hals und dann schon das nächste. Für die Schafe grausam, aus Sicht der Bauern ein erheblicher Verlust, aber auch eine starke Metapher, findet die Tänzerin. Ja, grausam, wild und archaisch, aber auch sehr sinnlich.
   
 
  Die Kulturwissenschaftlerin Leonore Welzin hat in Hamburg, Amsterdam und Asien gelebt. Derzeit
arbeitet sie als Journalistin, Dramaturgin und Kritikerin in Süddeutschland.
   
   
   
 
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