Bauernbetriebe: je höher, desto ärmer
September 2009
 

 
Von den Bergbauern, die in den höchsten Tälern und an den steilsten Hängen wirtschaften, kommen immer weniger auf einen grünen Zweig. Ihre Zukunft ist eine politische Frage.
 

Text Roland Wyss-Aerni, LID

 

 

 


Im letzten Jahr haben die Schweizer Bauern wieder etwas mehr verdient. Laut dem Bundesamt für Landwirtschaft betrug der Arbeitsverdienst pro Familienarbeitskraft, der am ehesten mit einem Arbeitnehmerlohn vergleichbar ist, 41‘732 Franken. Dabei gibt es grosse Unterschiede je nach der topografischen Lage der Betriebe: Auf Betrieben im Talgebiet betrug der Arbeitsverdienst 53‘885 Franken, im Berggebiet nur 26‘189 Franken.

Die steilsten Hänge
Die Unterschiede sind aber schon innerhalb des Berggebietes gross. Der Bund unterscheidet im Berggebiet vier Zonen (siehe Kasten unten). Während in der Bergzone II noch im Jahr 2007 ein durchschnittlicher Arbeitsverdienst von knapp 32‘000 Franken erzielt wurde, betrug dieser in der Bergzone IV nur rund 19‘000 Franken. Diese Einkommensunterschiede im Berggebiet vergrösserten sich in den letzten zehn Jahren deutlich: Der Arbeitsverdienst stieg von 1998/99 bis 2006/07 in der Bergzone II um 23 Prozent, in der Bergzone IV lediglich um 1,7 Prozent. Dies zeigt eine detaillierte Analyse der Einkommenszahlen, die von Andreas Roesch an der Forschungsanstalt Agroscope ART in Tänikon durchgeführt und am 17. September an der Agrarökonomie-Tagung ebenda vorgestellt wurde. Unterteilt man die Betriebe in der Bergzone IV weiter nach unterschiedlichen Einkommensniveaus, zeigt sich, dass die ärmsten zehn Prozent sogar einen negativen Arbeitsverdienst aufweisen. Das heisst, der auf dem Betrieb erwirtschaftete Jahresüberschuss reicht nicht aus, um den auf dem Hof arbeitenden Personen einen Lohn auszubezahlen. Roesch erklärt die unterschiedliche Entwicklung damit, dass die Fremdkosten (Futter, Maschinen, Gebäude, Pacht- und Schuldzinsen) in höheren Lagen stärker zunehmen als die Erträge. So stiegen die Fremdkosten pro Fläche in den letzten zehn Jahren in der Bergzone IV um fast 20 Prozent an, in der Bergzone II nur um zwei Prozent.

Weniger Investitionen
Gross sind die Unterschiede auch bei den Investitionen: Die Betriebe in der Bergzone II investierten im Jahr 2008 im Schnitt 47‘000 Franken, deutlich mehr als in den Jahren zuvor, während in der Bergzone IV immer weniger investiert wird, im Jahr 2008 im Schnitt noch 27‘000 Franken. Auch bei der Arbeitseffizienz kann die Bergzone IV nicht mithalten. Während in den Zonen II und III dank besserer Maschinen mit der gleichen Arbeitskraft immer mehr Fläche bewirtschaftet werden konnte, stagniert die Arbeitsintensität pro Fläche in der Zone IV.
Das heisst im Klartext: Die höchsten Regionen im Berggebiet werden immer stärker von der wirtschaftlichen Entwicklung abgehängt. Laut Roesch wäre es aufgrund der wirtschaftlichen Ergebnisse nahe liegend, die Bergzone II noch zum Hügelgebiet zu schlagen und die Bergzone III und IV gemeinsam zu fördern. Das ist allerdings ein Vorschlag, an dem die betroffenen Betriebe im Berggebiet II wohl keine Freude hätten, weil sie so zu den Verlierern zählen würden.

Heikle politische Fragen
Die wirtschaftliche Abkoppelung der höchsten Bergbetriebe führt zu brisanten agrarpolitischen Fragen. Denn falls diese Betriebe erhalten werden sollen, braucht es künftig für die Bergzone IV höhere Direktzahlungen von Bund und Kantonen. Die vom Bund vorgeschlagene Weiterentwicklung der Direktzahlungen sieht weiterhin Beiträge für erschwerte Produktionsbedingungen im Berggebiet vor, nennt aber noch keine konkreten Beträge. Marco Baltensweiler, Leiter des Landwirtschaftsamtes im Kanton Glarus, der ebenfalls an der ART-Tagung in Tänikon war, sieht für die Betriebe in den höchsten Lagen eine schwierige Zukunft. Da seien politische Entscheide gefragt: «Was will man mit diesen Betrieben machen: den Einkommensverlust durch höhere Direktzahlungen ausgleichen, weil Rationalisierungen, um bei diesen Betrieben die Kosten zu senken, oft nicht möglich sind?», fragt er. Eine Intensivierung sei nicht sinnvoll, und zusätzliche auserlandwirtschaftliche Einkommen zu erzielen, sei in manchen Bergdörfern ganz einfach Wunschdenken. «Da muss man ehrlich sein und sich fragen, ob man diese Betriebe noch will», sagt Baltensweiler. Stünden diese Betriebe vor dem Entscheid zu investieren, weil etwa ein Ersatzbau für zwei alte Ställe notwendig oder das Wohnhaus sanierungsbedürftig sei, so sei trotz der Investitionshilfen von Bund und Kanton die Tragbarkeit des Vorhabens nicht gegeben. Somit stelle sich dann die Frage, mit welchen Massnahmen und aufgrund welcher Kriterien diese Betriebe zusätzlich unterstützt werden können. «Eines ist sicher: die einkommensmässige «Entkoppelung» der Betriebe in der Bergzone IV bedarf einer vertieften Diskussion», ist Baltensweiler überzeugt.
 
Für Anders Gautschi von der Schweizerischen Arbeitsgruppe für die Berggebiete (SAB) ist klar, dass eine Unterstützung aufrechterhalten werden muss. «Diese Betriebe erbringen unter sehr schwierigen Bedingungen gemeinwirtschaftliche Leistungen, die zum Beispiel für die touristische Attraktivität der Berggebiete sehr wichtig sind. Diese Leistungen müssen unbedingt angemessen entschädigt werden.» Die Grundidee bei der Weiterentwicklung der Direktzahlungen, dass Direktzahlungen an Leistungen gebunden würden, sei deshalb zu begrüssen. Allerdings dürften sie nicht nur an die Fläche gebunden sein, sondern weiterhin auch an Tiere, findet Gautschi. Die wirtschaftliche Entwicklung in der Bergzone IV habe sich unter anderem deshalb verschlechtert, weil die wichtigen Tierbeiträge gekürzt worden seien.

   
 
Für steilere Hänge gibts mehr Geld
Die landwirtschaftliche Nutzfläche wird in der Schweiz in drei Regionen eingeteilt: In die Talregion, die Hügelregion und die Bergregion. Die Hügelregion wird weiter unterteilt in die Hügelzone und die Bergzone I, die Bergregion umfasst die Bergzonen II, III und IV. Die einzelnen Zonen werden nach den unterschiedliche klimatischen Verhältnissen (Dauer der Vegetationszeit), nach der Verkehrslage und nach dem Anteil der Hanglagen eingeteilt. Eine ganze Reihe von staatlichen Beiträgen – Direktzahlungen, Investitions- und Betriebshilfen oder Kinderzulagen – werden nach Zone abgestuft.
   
 

Roland Wyss-Aerni arbeitet beim Landwirtschaftlichen Informationsdienst LID www.lid.ch

   
   
   
 
Home | Aktuell | Stellenbörse | Pinnwand | Archiv | Einkaufen | Kontakt | Sitemap | Suchen | Alle Inhalte © by zalp.ch | mail 
zalpverlag | IG-Alp | Älplertreff auf facebook