Pferde auf der Alp: Ein Potential?
November 2009
 

 
Dass in der Schweiz immer mehr Pferde gehalten werden, merkt man auf den Alpen noch kaum.
Dabei spricht vieles dafür, Pferde auf den Alpen zu sömmern.
 

Text und Interview Eveline Dudda, Bild Giorgio Hösli

 

 


 

Die Pferdehaltung wächst und wächst: Experten der Pferdebranche rechnen damit, dass bis 2010 rund 100'000 Pferde in der Schweiz leben werden. Bereits jetzt wird zehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Schweiz von Equiden genutzt; also von pferdeartigen Tieren, zu denen nebst Pferden und Ponys auch Maultiere, Maulesel und Esel zählen. Trotzdem trifft man nur wenige von ihnen auf der Alp an: Mit gut 4'500 Normalstössen machten Pferde in den letzten Jahren gerade mal rund 1,5 Prozent aller gealpten Tiere aus. Oft sind es nur einzelne Tiere, manchmal sogar nur die Pferde des Alppersonals, die neben oder nach einer Kuh- oder Rinderherde mitlaufen. Doch es gibt auch Alpbetriebe, die sich auf die Pferdealpung spezialisiert haben. Zum Beispiel die Alp Hohmattli von Pascale Ullmann im Senseoberland des Kantons Freiburg. Bis zu 40 Pferde verschiedener Rassen tummeln sich hier zwischen Anfang Juli und Anfang September. Für Ullmann war der Ausbau zur Pferdealp logisch: «Schon bevor ich die Alp vor sieben Jahren übernahm, wurden hier oben Pferde gesömmert.» Und da sie selbst reitet, war ihr der Umgang mit Pferden bereits vertraut. Sie lacht: «Allerdings ist es schon ein Unterschied, ob man Pferde in der Box oder auf der Alp betreut.»
 

Pferden gefällt es auf der Alp
   
  Die Beziehung zu einem Pferd ist meist anders als zu einer Kuh. Deshalb hat sich Ullmann auch nicht gewundert, dass sie einige der bisherigen Pferde-Alpungs-Kunden bei der Übernahme der Alp verlor: «Pferdebesitzer müssen einen erst kennen, bevor sie einem ihr Tier anvertrauen.» Manche Besitzer oder Besitzerinnen kommen ihr Pferd auf der Alp besuchen. «Ich bekomme viele Emails von Leuten die fragen, ob auf der Alp jemand nach den Pferden schaut. Erst wenn ich erkläre, dass ich drei bis viermal am Tag zu den Pferden gehe, sind sie beruhigt.» Oft bekommt Ullmann zu hören, dass Leute die Alpung der Pferde zwar eine gute Sache finden, dass aber der Zeitpunkt nicht passe: «Viele Rösseler haben im Sommer Zeit zum Reiten und wollen ihre Tiere dann nicht unbedingt weggeben.» Deshalb ist auch eine gewisse Flexibilität gefragt, da manche Pferdehalter nicht einfach an einem bestimmten Datum auffahren und an einem zuvor definierten Zeitpunkt wieder abfahren wollen. «Eine Kundin braucht ihre Pferde zum Beispiel für heiltherapeutisches Reiten. Da ist sie froh, wenn sie sie ganz nach Bedarf bringen oder holen kann.» Da die Zufahrt gut und der Zustieg kurz ist, ist dies auf der Alp Hohmattli kein Problem.

 
Reiten auf der Alp
   
  Alpung hat viele Vorteile
Für die Alpung von Pferden sprechen häufig gesundheitliche Gründen. So leiden fast alle Islandpferde, aber auch Pferde und Ponys anderer Rassen im Sommer unter dem Sommerekzem. Das Sommerekzem ist eine komplexe Krankheit, an der hauptsächlich Kriebelmücken und Gnitzen beteiligt sind. Diese Lästlinge kommen in höheren Lagen seltener vor, weshalb der Juckreiz und die offenen Hautstellen auf der Alp oft schon nach wenigen Tagen verschwinden. Für die Tiere bedeutet das eine grosse Erleicherung. Auch Tiere mit Atemproblemen oder Staub-Allergien profitieren von einer Höhenluft-Kur auf der Alp. Zudem schont die Alpung das Portemonnaie der Pferdehalter: Denn sechs Franken pro Tier und Tag sind nur ein Bruchteil der Kosten einer Pferdepension. Allerdings profitiert davon nur, wer nicht weiterhin einen Platz in einem Pensionsstall zahlen muss. Last but not least ist die Alpung der Pferde auch für jene Leute attraktiv, die im Sommer eine Zeitlang Ferien vom, oder zumindest ohne Pferd haben wollen.

Ullmann hat beobachtet, dass nicht alle Tiere gleich geländegängig sind: «Es gibt Pferde aus dem Flachland, die stolpern am Anfang noch ein wenig unbeholfen herum. Aber das gibt sich in der Regel rasch.» Abgesehen von englischem Vollblut hält sie alle Rassen für alpfähig. Das bestätigt die Zusammensetzung der aktuellen Herde: Da sind Apaloosa, Araberkreuzungen, Berber, Camarque, Freiberger, Isländer, ungarisches Halbblut, Quaterhorse und dergleichen mehr anzutreffen, bis hin zu Shetlandponys. Manche Rösser bleiben nur kurz, andere bleiben während der ganzen Sömmerungszeit auf Hohmattli, wieder andere verbringen noch ein paar weitere Wochen auf dem zugehörigen Heimbetrieb in Ludena.
 

 
Helmut und Vreni Kohli beim Käse ausziehen.
   
 

Pferde zur Alprekultivierung
Genau wie für andere Raufutterverzehrer gibt es auch für Pferde Sömmerungsbeiträge, wobei für ein Pony und Esel 0,25 Stösse verrechnet werden, für Maultiere und Maulesel 0,4 Stösse, für Fohlen bis 3 Jahre 0,5 Stösse und für ein Pferd 0,7 Stösse. Pferde fressen bis zu 16 Stunden am Tag. Und sie fressen anders als Kühe, das macht sie für manche Älpler im Kampf gegen die Vergandung interessant. Zum Beispiel für Mario Althamatten aus Saas-Grund. Er hirtet bereits seit sechs Sommern auf der Furggalp im Wallis. «Die Alp würde eigentlich für fünfzig Eringer reichen», ist er überzeugt. Weil jedoch die Tierhaltung im Saas-Tal nur noch im Nebenerwerb betrieben wird, hat auch die Alpung an Stellenwert verloren. Über 14 Jahre lang wurde die Furggalp überhaupt nicht mehr bestossen. Inzwischen ist ein Teil der Fläche vergandet, die Wege zugewachsen, Trockenmauern eingestürzt. Die Rekultivierung ist mühsam. Althamatten hat beobachtet, dass Pferde den Weideaufwuchs verbessern. «Eine Kuh frisst dieses trockene, überständige Gras nicht mehr, ein Pferd dagegen schon. Und im nächsten Jahr wächst hier wieder Gras, welches auch den Kühen schmeckt.» Weil Pferde grundsätzlich tiefer abfressen als seine sechs Eringerkühe, gibt es keine Futterkonkurrenz. «Ein Pferd frisst bei mir etwa so viel wie zwei Eringer.» Anthamatten hofft, dass er in Zukunft mehr Pferde für die Alp bekommt, damit er sie nach und nach rekultivieren kann.

Ganz allgemein scheinen Pferde bei den meisten Älplern und Älplerinnen gern gesehene Tiere zu sein. Sie sind relativ pflegeleicht und kaum krankheitsanfällig. Klauenkrankheiten sind bei ihnen genauso wenig ein Thema wie Euter- oder Saugverletzungen. Ausserdem lassen sich Pferde relativ leicht beobachten. Weil sie sich zum Nachfressen eignen sind sie auch weidetechnisch unkompliziert. Einzig die Tiererkennung ist schwieriger: Pferde tragen nämlich keine Ohrmarken. Wer mehrere Tiere derselben Rasse und Farbe hat, tut sich deshalb am Anfang meist schwer, die Tiere auseinander zu halten.

   
 

Bald 100'000 Pferde in der Schweiz
In der Schweiz weiden nicht nur rund 700'000 Kühe, sondern auch rund 90'000 Pferde. Wenn der Wachstumstrend anhält, dürften es nächstes Jahr sogar 100'000 Equiden sein. Ein Bericht der Arbeitsgruppe Pferdebranche* kam im Jahr 2007 zum Schluss, dass bereits rund zehn Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche der Schweiz von Pferden genutzt wird. Die Wertschöpfung ist hoch: Mehr als eine Milliarde Franken geben die Pferdebesitzer laut diesem Bericht im Jahr für Pferdepensionen, Reitunterricht und weitere Diensteistungen aus. Allein das Einkommen, welches landwirtschaftliche Betriebe durch die Pferdehaltung erzielen, dürfte somit rund 500 Millionen Franken pro Jahr betragen.

Vor allem Freizeitpferde nehmen stark zu; ernsthaft für sportliche Wettkämpfe eingesetzt wird nur rund jedes zehnte Pferd. Rund die Hälfte der Pferde gehört einer Warmblutrasse an, während sich die andere Hälfte aus ca. 22'000 Ponys, Kleinpferden und anderen Equiden sowie rund 21'000 Freibergern zusammensetzt. Etwa 20% aller in der Schweiz gehaltenen Pferde sind im Fohlenalter.

* Wirtschafts-, Gesellschafts- und Umweltpolitische Bedeutung des Pferdes in der Schweiz,
  Bericht der Arbeitsgruppe Pferdebranche, März 2007, Avenches
 

   
 

Interview: Nicht jede Rinderalp eignet sich als Pferdeweide
 
Tierarzt Hansjakob Leuenberger, der Präsident des Verbandes Schweizerischer Pferdezuchtorganisationen, VSP, ist im Nationalgestüt Avenches und damit sozusagen mit Pferden aufgewachsen. Er hat bei der Alpung von Pferden einige Vorbehalte.

Eveline Dudda: Warum bringt man Schweizer Fohlen auf Fohlenweiden ins Ausland, statt auf eine Schweizer Alp?
Hansjakob Leuenberger: Das hat verschiedene Gründe. So haben Fohlen während ihrer Entwicklung gewisse Ansprüche, die erfüllt sein müssen. Zudem besteht gerade bei Warmblutfohlen im steilen Gelände das Risiko, dass sie sich Mikroverletzungen oder Mikrotraumata an den Gelenken holen. Ausserdem wird auf vielen Alpen mit Stacheldraht gezäunt, das ist auch ein latentes Risiko.

Wie sieht denn eine ideale Fohlenweide oder Pferdeweide aus?
Ideal ist ein Gelände wie im Jura mit sanft geschwungenen Weiden, oder flache Hochmoore, wo die Tiere auch mal fünfhundert Meter lang geradeaus laufen können.

Trifft das für Fohlen aller Rassen zu?
Auch einen Freiberger sollte man während dem Wachstum nicht einfach an einen steilen Höcker stellen. Im Pferdebusiness herrschen hohe Qualitätsansprüche, deshalb sind zweitrangige Weiden nicht gefragt. Nicht jede Rinderalp eignet sich als Pferdeweide.

Aus gesundheitlicher Sicht wäre die Alpung vermutlich doch ideal.
Die Höhenluft und das Reizklima ist sicher nicht schlecht. Als eine Art Sanatorium für Pferde mit Lungen- oder Atem-Problemen kann ich mir eine gutgrasige Alp durchaus vorstellen. Auch dass Island- und Fjordpferde dort vom Sommerekzem verschont werden ist sicher positiv. Diese Rassen haben auch nicht so hohe Ansprüche ans Gelände.

Und was halten Sie von einem reinen Ferienaufenthalt?
Die Beziehung zwischen Tier und Besitzer ist bei Pferden anders und viel intensiver als bei einer Kuh. Die meisten Pferdebesitzer wollen ihr Pferd im Sommer reiten oder wenigstens besuchen, da sollte die Alp leicht erreichbar und zudem möglichst in der Nähe sein.

...und dann kommen sie wie die meisten Alp-Besucher nur bei schönem Wetter.
Das ist auch so ein Punkt: Im Notfall müssen die Tiere bei Schlechtwetter auf der Alp eingestallt werden. Meistens sind die Aufstallungsmöglichkeiten auf der Alp jedoch überhaupt nicht pferdegerecht. Und dann ist da noch das Personal: Die Älpler müssten sich mit Pferden auskennen, mit den Tieren zurecht kommen und sofort merken, wenn etwas nicht stimmt.

Gibt es überhaupt Alpen, die all diesen Ansprüchen genügen?
Es gibt vermutlich ein paar handverlesene Alpen mit Super-Personal wo die Bedingungen für eine Pferde-Alpung stimmen. Doch für die breite Masse dürfte das nicht zutreffen.

 
  Weitere Infos: www.pferdealp.ch
   
   
   

 
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