Comeback des Wächters auf vier Pfoten
Juni 2010
 

 
Sie sind gross, hell und furchtlos: Die Schutzhunde, die Nutztiere wie Schafe und Ziegen vor Räubern schützen. Mit der Einwanderung des Wolfes in der Schweiz ist ihr Einsatz auch hier wieder mehr gefragt.
 

Text Seraina Dübendorfer LID, Bild Giorgio Hösli

 

 


 

Schafe haben es nicht leicht. Sie sind eine beliebte Beute von Kolkraben oder Adlern, Füchsen, streunenden Hunden, Wölfen und Luchsen. Vor allem mit der Rückkehr des Wolfes in die Schweiz wird ein effizienter Schutz von Nutztieren wieder zu einem viel diskutierten Thema. Eine der besten Schutzmethoden ist der Einsatz von Schutzhunden.

Nicht irgendein Hund
Schon vor mehr als 5'000 Jahren wurden Herdenschutzhunde eingesetzt. Die ersten Rassen stammen vermutlich aus Asien. Heute werden gut 30 verschiedene Rassen zu diesem Zweck ausgebildet. In der Schweiz sind vorwiegend zwei Hunderassen für den Herdenschutz im Einsatz: Der aus den italienischen Abruzzen stammende Maremmano-Abruzzese und der Patou des Pyrénées aus den französichen Pyrenäen. Bei Schutzhunden wurden gezielt Eigenschaften herausgezüchtet: Wichtig ist die Fähigkeit, dass sich die Hunde sozial an andere Tiere binden können. Sie müssen sich selbst «als Schaf fühlen». Ausserdem ist ihr Jagdinstinkt wenig ausgeprägt. Dass praktisch alle Schutzhunde eine helle Fellfarbe haben, ist kein Zufall: Früher wurden wildernde Raubtiere oft abgeschossen. Dabei konnte der eigene Schutzhund mit dem Raubtier verwechselt werden. Durch seine helle Farbe ist der Schutzhund vor allem in der Nacht besser vom Wolf zu unterscheiden.
 

Schutzhund
 
 Der Schutzhund ist kein Hütehund.
   
  Hund wächst mit Schafen auf
In den ersten Lebenswochen spielt sich die wichtigste Sozialisierungsphase ab. Deshalb werden die auszubildenden Welpen innerhalb der Schafherde aufgezogen. Die Junghunde lernen dabei den Umgang mit Artgenossen und Schafen. Da sie neben den Nutztieren aufwachsen, fühlen sie sich ihnen zugehörig. Die Hunde sollen nicht menschenscheu sein und müssen den Besitzer als «Alphatier» akzeptieren. Sie dürfen gleichzeitig aber keine Zutraulichkeit entwickeln. Sonst sind sie zu fest auf den Menschen fixiert und werden den Schafen «untreu». Streicheleinheiten und Spielereien sind deshalb tabu.
Nach der Sozialisierungsphase mit der Herde entwickelt der Hund seinen angeborenen Beschützerinstinkt. Ein ausgebildeter Wächter stellt sich knurrend zwischen einen möglichen Feind und die zu schützenden Tiere. Es kommt jedoch selten zu einem Kampf zwischen einem Raubtier und einem Schutzhund. Der Angreifer kann es sich im Allgemeinen nicht leisten, dabei Energie zu verlieren, und vermeidet Auseinandersetzungen.
 
 
Der Schutzhund ist kein Hütehund
Nicht zu verwechseln ist der Schutzhund (s. Bild oben) mit einem Hütehund (s. Bild weiter unten). Schutzhunde leben zusammen mit der Herde und bewachen sie. Dies können sie aber nur tun, wenn die Herde als Ganzes zusammen bleibt. Dafür sind die Hütehunde, meist von der Rasse Border Collie, zuständig. Die flinken Hunde halten die Herde zusammen und treiben sie auf Kommando des Hirten in die gewünschte Richtung. Sowenig wie der Schutzhund die Herde treibt, sowenig kann der Hütehund die Nutztiere vor Angriffen schützen. Beide Hundearten sind Experten auf ihrem Gebiet und ergänzen sich.
   
 

Kein Kinderspiel
Kein Schutzhund wird perfekt geboren. So kommt es vor allem bei jungen Tieren vor, dass sie den Schafen im vermeintlichen Spiel Verletzungen zufügen oder sie bis zur Erschöpfung hetzen. Es kann auch sein, dass sie neue oder kranke Schafe nicht tolerieren oder die treibenden Hütehunde abwehren. All diese Probleme können jedoch mit einer guten Aufzucht vermieden und sogar später noch korrigiert werden. Das Herdenschutzzentrum Jeizinen im Wallis beispielsweise, das beim Herdenschutzkonzept des Bundesamts für Umwelt (BAFU) mitarbeitet, bietet solche «Hundekorrekturen» an.
Es kommt auch vor, dass Schutzhunde zu nahe gekommene Wanderer oder deren Hunde bedrohen und ihnen den Weg versperren. Mit dem richtigen Verhalten können jedoch unangenehme Situationen verhindert werden (s. Kasten «Das richtige Verhalten»). Laut Reinhard Schnidrig, Experte beim BAFU, hat es in den letzten Jahren aber wenig Vorfälle mit Herdenschutzhunden gegeben: «Immerhin sind in der Schweiz unterdessen rund 150 Hunde im Einsatz», sagt er in einer Medienmitteilung des BAFU.
 

Hirtenhund
   
 

Es braucht verschiedene Massnahmen
Das Schweizer Wolfskonzept sieht vor, dass Nutztierhalter ihre Herden in zumutbarem Rahmen vor dem Wolf schützen und werden dabei vom BAFU unterstützt. Sie erhalten beispielsweise die Möglichkeit, Schutzhunde für eine Übergangszeit zu mieten. So können sie ihre Herden nach einem Angriff rasch schützen, bis sie ihre eigenen Schutzmassnahmen getroffen haben. Grundsätzlich würden die Schafzüchter gerne mit den Hunden zusammen arbeiten, meint German Schmutz, Präsident des Schweizerischen Schafzüchterverbands. Aber: «Der Einsatz von Hunden lohnt sich nur für grössere Herden.» Schafzüchter mit kleinem Tierbestand könnten sich solche Massnahmen nicht leisten. Schmutz schätzt, dass ein Schutzhund erst für Herden von mindestens 200 Schafen eingesetzt wird. Er sieht noch ein anderes Problem: «Was machen die Schafhalter mit den Schutzhunden während der restlichen rund 250 Tage im Jahr, an denen die Schafe im Tal sind?» Schutzhunde könnten weniger gut in einem Dorf gehalten werden, da sie nachts heulen würden und nicht mit vielen Menschen in Kontakt gebracht werden könnten.
Neben Schutzhunden gibt es auch die Möglichkeit, die Herden einzuzäunen. Auch Esel werden ab und zu als Hüter benutzt. Die Behütung durch einen Hirten, der Tag und Nacht in der Nähe der Herde weilt, ist ebenfalls ein wirkungsvoller Schutz. Wie eine Nutztierherde am besten geschützt wird, muss von Fall zu Fall untersucht werden. Der Wolf beobachtet eine Schafherde genau, bis er einen günstigen Moment erwischt, um anzugreifen. Je nach Situation können auch Schutzhunde einen Schaden nicht vermeiden. Vor allem falls sich Wolfsrudel bilden sollten, können auch Schutzhunde die Herden nicht mehr ausreichend schützen.
Seit der Wolf in der Schweiz ausgestorben ist, sind auch die Schutzhunde in Vergessenheit geraten. Mit der Rückkehr des grossen Raubtiers gewinnt der Herdenschutz und damit die Schutzhunde wieder an Bedeutung.
 

 
Das richtige Verhalten
Wer einer von Hunden geschützten Herde begegnet, sollte sie weitläufig umgehen und den eigenen Hund anleinen. Falls ein Schutzhund auftaucht, verhält man sich ruhig und entfernt sich von der Herde. Ein Schutzhund darf nicht von Fremden gefüttert werden und er soll auch nicht mit Menschen spielen. Wenn sich die beiden Hunde angreifen, sollte der eigene auch von der Leine gelöst werden, damit sie den Kampf unter sich austragen können.
   
 
 

Seraina Dübendorfer arbeitet beim Landwirtschaftlichen Informationsdienst LID
Mehr zum Herdenschutz findent man unter: www.herdenschutzschweiz.ch
und auch auf der zalp: Herdenschutzhunde und betroffene Bevölkerungsgruppen

   
   
   
   
 
Home | Aktuell | Stellenbörse | Pinnwand | Archiv | Einkaufen | Kontakt | Sitemap | Suchen | Alle Inhalte © by zalp.ch | mail 
zalpverlag | IG-Alp | Älplertreff auf facebook