Vier Tage sind drei Nächte
September 2010
 

 
Die Frau vom Alpmeister hat die Nase voll. Sie weiss, warum der Hirt abgehauen ist, aber sie weiss auch, dass es rein gar nichts bringen würde, dies den Männern zu erklären. Welcher Mann spürt schon eine verletzte Seele?
 

Text und Bilder: Daniela Hunger

 

 

 

Hirten sind besondere Menschen. Sie haben einen Grund, warum sie zAlp gehen. Ihre Seele lechzt danach, ausgelüftet zu werden in der Ruhe und einsamen Weite der rauen Bergwelt. Neun Monate des Jahres versucht der Hirt, einer wie die anderen zu sein. Dies schafft er nur, weil er weiss, dass er im Sommer drei stille Monate lang mit sich allein sein kann. Das Allein-Sein unter Menschen ist schlimmer als das Allein-Sein auf der Alp.

Anfangs Sommer gibt es viel zu tun. Viele Kilometer gilt es zu gehen, bis alle Zäune stehen. Über neunzig Tiere kennen zu lernen braucht auch seine Zeit. Es gibt Hirten, die jedes Tier mit Namen begrüssen können, wenn sie es bei der täglichen Kontrolle anschauen. Severin genügt dies nicht, er sucht die Freundschaft. Die Salsa zum Beispiel ist eine stolze Kuh, Severin respektiert, dass sie sich nicht am Kopf streicheln lässt. Hartes Brot frisst sie ihm aber aus der Hand und wenn er zu ihr sagt: «So Salsa, komm mit, wir ziehen auf die nächste Weide!», dann geht sie mit bedächtigen, aber bestimmten Schritten hinter ihm her, so dass der Rest der Herde sich fast feierlich anschliesst.
 

Hirt und Hund
   
 

Ab Mitte Sommer wird es ruhiger, Severin schreibt der Frau vom Alpmeister ein SMS: «Könntest du mir nicht etwas zu Lesen bringen?»

Beim nächsten Treffen ist endlich Zeit für Persönliches.Die Frau vom Alpmeister merkt, jetzt ist die Seele frei, jetzt braucht sie Nahrung. Über die mitgebrachten Bücher kommen sie auf die Hektik und die Oberflächlichkeit der heutigen Zeit zu sprechen. Severin macht immer längere Sätze.
«Mir kommt es so vor, dass sich niemand mehr wirklich mit einem unterhalten will. Es ist immer nur so ein Geplapper, kein Gespräch mit Tiefe.
Ich frage mich oft, ob darum meine Freundschaften langsam zerbröckeln?
Warum will niemand die Probleme des anderen wissen?
Ich finde es schlimm, wenn man einen Menschen dafür bezahlen muss, dass er einem zuhört.
Ohne Lohn macht keiner mehr etwas.
Es scheint auch niemanden zu stören, dass sie hier nun auch noch ein Kraftwerk bauen wollen. Die Baumaschinen werden die Weiden kaputt machen.
Unverbaute Landschaft findest du bald nirgends mehr!
Nicht einer wehrt sich, es gibt halt Geld!»

An einem Sonntag-Abend ruft Severin an:«Arnika ist seit drei Tagen krank. Der Neuhof-Bauer hat gestern Morgen versprochen, dass er mit dem Tierarzt kommt. Wenn ich ihn anrufen will, nimmt er nicht ab!» «Wir kommen morgen früh!» verspricht der Alpmeister und schaut seine Frau an. Sie nickt.

Morgens um halb neun stehen sie auf 2300 Meter über Meer neben der toten Arnika. Severin sitzt mit leeren Augen auf einem Stein. Er hat mindestens vier Jacken übereinander an und erzählt dem Tierarzt leise und stockend, was er alles versucht hat, um dem armen Tier zu helfen. Der Neuhof-Bauer und der Alpmeister schweigen. Die Frau vom Alpmeister fragt: «Warst du bei ihr, als…?» Ein Seufzer, ein Nicken. Sie setzt sich neben ihn und packt heissen Tee aus dem Rucksack aus. Ihrem Mann streckt sie die Geländekarte hin. Er sucht die Koordinaten heraus, dann telefoniert der Neuhof-Bauer mit der Rega.

«Hast du auf der Weide übernachtet?» fragt die Frau. Severin nickt wieder. «Vier Tage lang habe ich sie nicht allein gelassen. Vier verlorene Tage.» «Nein, sie sind nicht verloren. Für Arnika waren das ihre letzten Tage und dank dir war sie nicht allein. Ich finde das sehr edel, was du für sie gemacht hast.» Verlegen senkt Severin den Blick.

Am Abend das SMS: «Heli hat um fünf Uhr abends Arnika geholt. Gute Nacht.» Die Frau vom Alpmeister antwortet: «Dir auch eine gute Nacht und Danke!»
 

 
Hirt und Hund
   
 

Der letzte Alptag. Alpabzug.Nach der Wanderung auf den Verladeplatz warten Bauern und Vieh auf die Lastwagen. «So, Neuhof-Bauer, du kommst als nächster dran. Hast du deine alle beisammen?» fragt der Alpmeister «Wie man es nimmt. Die Arnika hat mir der Hirt genommen!» Ein paar lachen. Die Frau vom Alpmeister sieht, wie Severins Gesicht rot wird. Er dreht sich abrupt um, packt seinen Rucksack und seinen Stecken und marschiert davon.

«Was hat denn der? Ist schon ein Komischer. Redet fast nichts. Besuch hat er auch nie gehabt. Muss doch nicht grad beleidigt sein. Jetzt kommt er nächsten Sommer gewiss nicht mehr.»

Der Alpmeister zieht das Portmonee aus dem Hosensack, reicht es seiner Frau und sagt ganz ruhig: «Neuhof-Bauer, du kannst nächstes Jahr kein Vieh mehr bringen.» Die Frau schenkt ihrem Mann einen dankbaren, liebevollen Blick und geht Severin nach, um mit ihm im Gasthaus etwas zu trinken. Auf ihrem Gesicht liegt ein kleines, seliges Lächeln.
 


   
   
   
 
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