Alpsommer in Canada, 2. Teil
September 2010
 

 
Es werde Käse. Inzwischen habe ich erfolgreich mit dem Käsen in der Prärie begonnen. Pecorino a la Pienza, Weichkäse nature und gesumpft in Rotweinsediment plus Feta, das ist unsere kleine Produktpalette. Es ist unglaublich, was den Canadiern alles schmeckt.
 

Bericht und Bilder von Ronaldo Don Casaro

 

 

  Der Käse ist noch nicht optimal, aber sie schwärmen vom wonderfull flavour. Na, ja vielleicht aus Höflichkeit??! Manchmal gehe ich auf Farmersmärkte um die Konkurrenz zu beobachten. Es ist schon erstaunlich was der Käse hier alles erleiden muss. Es gibt Käse, die mit Früchten, Beeren, Rot- und Weissweinen geschmacksverbessert werden.
   
Trommlerin mit Hibiskusblüte
   

 

Dieser Käse ist in der Prärie nicht beherrschbar. Vieles was ich von meinem ersten Käsemeister Michele, im Alpsennkurs in Visp (VS), in den Alpsommern auf Schweizer Alpen, auf der Podere in der Toscana gelernt habe ist hier anders. So hatte ich zu Beginn Schwierigkeiten mit der Säuerung, der Gerinnung, der Rindenbildung und Rotschmiere. Die Ergebnisse der ersten Käse waren eben Käse. Interessant für mich ist hier der Neubeginn einer Käserei. Hier gibt es keine ausgetrockneten Käsetücher vom Vorjahr, oder Sirte, die in versteckten Sümpfen schlummert die die typische Charakteristik einer Alp ausmachen.
 

Trommlerin mit Hibiskusblüte
   
  So nehme ich Abstand von der Arbeit, gönne mir eine Auszeit und gehe nach Hawaii zu den dunkelhäutigen Schönen mit den Mandelaugen und der Hibiskusblüte im Haar, einsamen Stränden und wunderbaren Tauchbuchten.
   
 
Strand
   
  Inzwischen installieren die engineers, Mechaniker, Elektriker die letzten Diamanten von Rhondas Hochzeitsgabe, die Käsereieinrichtung. Das Kessi, den Incubator (Wärmebox), alle Gerätschaften vom Feinsten. Nur eine Käseharfe bekommt man hier in Canada nicht. Milch erwärmen, Kultur einrühren, Bruch schneiden, ausrühren, das ist alles computerunterstützt. Deshalb habe ich, ultimativ eine Fender gefordert. Die staunenden engineers haben dann diese Harfe nach meinen «Konstruktionsplänen» gefertigt. Hier bin ich kein gewöhnlicher Käser, hier bin ich ein «food architect» und wir «creating the finest artisan chesses» !! Oh, Jesus, jetzt weiss ich wo der Hammer hängt.
 
 
Strand
   
 

Die Prärie ist grün geworden! Der erste Tornado ist auch schon in der Gegend gewesen. Vor einem Tornado wird jedoch nicht gewarnt, es werden genaue Zielangaben im TV gegeben. Und kurze Zeit später sieht man die ersten Fotos der Tornadospotter im Fernsehen. An Naturereignissen mangelt es hier nicht.

Die Mutterkühe und Rinder sind auf verschiedene Weideflächen verteilt, oft eine Stunde entfernt von der Farm. Dreimal pro Woche kontrolliert unser australischer Jackaroo (Hirte) Ben die Weiden. Unsere Schafe sind auf einer weitläufigen Weide in der Nähe der Farm und werden mit dem Quad zum Melken geholt. Bewacht werden die Schafe von einem Lama. Hier in der Prärie gibt es Kojoten, vor denen die Farmer einen Heidenrespekt haben. Wenn eine Rinderherde von den Kojoten gejagt wird gibt es keinen Zaun mehr. Nachts höre ich sie manchmal heulen und die Hunde führen ein Spektakel auf. Bisher ist mit den Schafen noch nichts passiert.
Ben hat ein Landwirtschaftsstudium absolviert und gehört zu jenen bunten Wandervögeln die «una volta attorno tutto del mondo» ziehen um auf Farms weltweit zu arbeiten und Erfahrung zu sammeln. Ausserdem verstärkt er erfolgreich den «Lloydminster Reapers Rugby Club». Die Vorfahren von Ben waren «convicts» in England, die die Wahl hatten in London gehängt zu werden oder in Australien neu zu beginnen. Wer diese lange, qualvolle Seereise auch noch überlebte, bekam in Australien ein Stück Land zur Bewirtschaftung. Ben quittiert lachend meine Angriffe.
 

Treiben mit dem Quad
   
 

Rodeo: Die Formel 1 und das Freizeitvergnügen der Farmer ist der Rodeozirkus. Jeden Sommer entdecken die Canadier den Cowboy und das Cowgirl und alles was zum Wilden Westen gehört in sich und werden vom Rodeofieber gepackt. Ein Teufelstanz auf buckelden, wilden Pferden, Ringen mit jungen Stieren, Hindernisreiten um Fässer sind die Disziplinen. Es ist ein Sport aus der Arbeitswelt der Farmer, die jedoch keinen Amateurstatus mehr duldet, will man erfolgreich sein. Das Outfit muss diesen Ereignissen angepasst sein: Cowboyhut, Halstuch, Westernhemd mit Fransen, enge Jeans, Cowboystiefel, die den o-beinigen Gang garantieren und eine Gürtelschnalle von der Grösse eines Suppentellers. Es gibt Country- und Westernmusik, Streetdance und viele hübsche Cowgirls. Zu diesen Fairs kommen diese Helden jedoch mit ihrem dicken BMW, GMC, Ford oder Chevrolet.
Jene Cowboys die auf diesen Rodeos Kopf und Kragen riskieren sind Profis, reisen von Stampede zu Stampede und verdienen so ihr Geld. Oft gibt es noch Chuckwaggonrennen. Mit Pferdewagen wie in der Pionierzeit, gezogen von vier Vollblutpferden treten sie, «die Halbe Meile der Hölle», gegen drei andere Wagen an. Dekoriert werden diese Veranstaltungen von lokalen Schönheiten, die in den Steigbügel stehend im Höllentempo mit den Fahnen der Sponsoren durch die Arena reiten.
 

 
Rodeo
   
  Meine erste Aufgabe, das startup einer neuen Käserei, ist nun erfüllt!
Ich miete mir ein Auto, kaufe mir ein Zelt und gehe wieder «on the road». Die Fahrt durch Saskatchewan ist wie eine Reise in einer Glaskugel aus dem Souvernierladen. Über dem, mit dem Lineal gezogenen Horizont wölbt sich ein Himmel, wo in jeder Ecke ein anderes Wetter stattfindet. Strahlend blauer Himmel mit bizarren Wolkenformen. Für jedes Wetter ist Platz. Das unterschiedliche Grün der Weiden- und Weizenfelder wird manchmal unterbrochen von kleinen Dörfern mit Getreidehebern, die einen Zuganschluss haben. In diese Silos liefern die Bauern ihren Weizen ab.
   
Getreidesilo und Wetter überm Horizont
   
 


Ich fahre weiter in den Norden Albertas zu den grössten Ölsandlagerstätten. Hier beginnen die berühmten Nadelwälder Canadas. Grosse Teile sind jedoch vom Borkenkäfer zerstört. Oft geht es stundenlang an toten Wäldern vorbei. Bekämpft wird diese Seuche durch ein Firemanagement. Das tote Holz wird abgefackelt, meistens entflammt es durch Blitzschlag von selbst. Dann wird auf eine «kontrollierte» Ausbreitung des Feuers geachtet. Die erste Ruderalpflanze ist der pinkfarbene Fireweed, der dieser trostlosen Landschaft diese Pracht verleiht. Erst wieder in BC an der Pazifikküste erreichen die Nadelbäume beachtliche Stärke.
Dawson Creek, Mile 0 des Alaska Highway, der Beginn einer der Traumstrassen für Biker. «The trip of a lifetime beginns here»! Nach den ersten 300 miles habe ich die Schnauze voll und suche mir einen Campingplatz. Diese sind jedoch nicht so zahlreich hier. Der nächste muss es sein, entscheide ich. Noch weitere 20 miles in die Wildnis, an einen See. Es soll das intensivste Erlebnis werden in dieser Einsamkeit. Es ist fast unerträglich still. Ich bleibe drei Tage und dieser See gehört mir allein.
Es ist Mitternacht und taghell, meine innere Uhr lässt mich hier im Stich. Ich kann nicht einschlafen.
 

stiller See
 
 

Mein Ziel ist erreicht: Dawson City, die Goldgräberstadt am Yukonriver. Es ist eine Touristenfalle, die ich schnell wieder verlasse.
Ich gehe wieder in den Süden, British Columbia, schaue den inzwischen roten Lachsen beim laichen zu und wie sie gleichzeitig von den Bären gefressen werden, überquere bei Lake Louis die Rocky Mountains und bin bei Calgary wieder in der Prärie.
Ich gehe zurück in meine kleine Welt, auf die Farm Hedge Haven zwischen Kitscoty und Lloydminster. Denn der Alpsommer in Canada ist noch nicht zu Ende.
 

 
Ronaldo Don Casaro
   
   
   
   
   
 
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