Mit Kas’ und Kuh auf Du und Du
Dezember 2010
 

 
Vom glückseligen Alm-Leben einer beinahe dialektfähigen Sennerin auf der Foissenkar-Alm,
Kirchberg bei Kitzbühel (Tirol) 20. 6. – 23. 8. 2010
 

Text und Bilder Dorothe Fleege

 

 

 

«Du host no an Kuhadreck am linken Ohrwaschl.» Ein breites Grinsen geht über das offene, klar geschnittene Gesicht meines Nachbarn, Senner Walter Silberberger. Es ist kurz vor 21 Uhr, verschwitzt und ziemlich fertig tauche ich mit letzter Kraft aus meinen Gummistiefeln auf. Mein Nachbar macht mir mit kollegial-fürsorglichem Blick Kaiserschmarrn, damit es mich nicht aus den Socken haut. Es duftet überirdisch und unter dem sich genüsslich hebenden Pfannendeckel wölbt sich ein goldgelber Traum aus Milch, Mehl, Butter und Eiern. «Gerettet!» Glückselig schaufle ich diese unnachahmliche Kostbarkeit in mich hinein.
Walter ist bereits seit zwei Stunden mit der Stallarbeit fertig, melkt 38 Kühe in einer guten Stunde. Er ist Senn-Profi, auf dem elterlichen Hof mit acht Geschwistern in der Tiroler Wildschönau aufgewachsen. 2’600 Schafe in den Graubündener Alpen lagen bereits genauso in der Obhut seiner markanten Hände wie jetzt knapp hundert Stück Holstein-Friesian rotbunt - Milchkühe, Galtvieh und Kälber - auf der 1400 m hoch gelegenen Foissenkaralm in Kirchberg bei Kitzbühel. Unsere zwei Almhütten liegen dort unmittelbar nebeneinander. Melken, Käsen, Hüten sind offensichtlich seine zweite Natur. Für mich ist alles neu. Ich arbeite heuer erstmals als Sennerin in Tirol. Ich habe insgesamt 35 Tiere zu betreuen, davon 25 «Mädels» zum Melken im Stall, brauche zu Beginn der Saison locker doppelt so lang wie er. Im Laufe meiner 2-monatigen Arbeitszeit werde ich mich aber im Tempo noch deutlich steigern. ... das mit dem «Kuhadreck» soll sich übrigens im Laufe des Sommers noch an ganz anderen – praktisch fast allen – Körperstellen wiederholen!

Von den rund 9’100 Almen Österreichs liegen ca. 2’200 in Tirol, etwa die Hälfte davon sind Melkalmen. Gealpte Milchkühe gibt es dort in stattlicher Zahl, insgesamt mehr als 33’700 Stück.
 

Foissenkar-Almhütte
   
 

Es ist Sonntag früh, 20. Juni, 5.30 Uhr. Überall in der Wohnung sind Häufchen verteilt, ich packe für meinen 1. Almsommer, habe vor Aufregung Magendrücken. Theoretisch bin ich gut gerüstet, habe für alle Eventualitäten was dabei, die Schweizer Alm-Bibel «Neues Handbuch Alp» – höchst empfehlenswert – nicht nur im Gepäck, sondern Kapitelweise bereits verinnerlicht. Am Spitalhof in Kempten/ Allgäu habe ich im März einen «Melkkurs für Almpersonal» absolviert. Als Einstieg eigentlich ideal, rede ich mir jetzt noch einmal hoffnungsfroh ein. Meine Bäuerin daheim auf dem oberbayerischen Siglhof hat sehr gelacht, als ich mit dem Kurszertifikat in ihrer Küche stand, in der Achtung des Jungbauern bin ich seitdem rapide gestiegen.
Mit gehöriger Verspätung ob der rebellierenden Magennerven rollt jetzt mein voll gepackter Skoda vor den Elektrozaun. Ich steh im strömenden Regen auf «meiner» Foissenkaralm, datiert von 1534, und das Herz klopft mir vor Freude bis zum Hals, als ich die ersten Kuhglocken läuten höre. Aus dem Regen wird innerhalb der nächsten drei Stunden Schnee.
 

 
Kühe treiben
   
 

Ich bin gerne gut vorbereitet, generell. Heut’ am ersten Arbeitstag bin ich mit meinem Latein bereits in Schieflage, stehe total ratlos vor der von meinem Chef Rainer konstruierten Melkanlage und frage mich, wovon er da eigentlich pausenlos spricht. Ich kapiere es nicht, wann und warum ich welche Schaumstoffstöpselchen in welchem Waschgang, bei welcher Temperatur und in welcher Reihenfolge durch welche Schläuche schieben soll. Wo welche Schalter sind, ist genauso rätselhaft wie das Mysterium, nach dem sich sämtlich Wasserhähne nur zu bestimmten Uhrzeit-Stellungen einigermassen dicht schliessen lassen. Und zu welcher Gelegenheit eigentlich welche Stromkreise (Wasserkraft, Solar- und Wind, Notstrom mit dem Benzin- und Dieselaggregat) an-, aus- und umgeschaltet werden können, sollen, müssen, dürfen, toppt meine Verwirrung über das kleine almtechnische Melkuniversum dann komplett. Mein mit offenkundiger Begeisterung tüftelnder Chef verströmt Optimismus, spätestens am Ende der Saison, garantiert er mir strahlend, würde das quasi alles wie von alleine gehen. Im Winter ist er Skilehrer, also muss er wohl geübt sein im Umgang mit hoffnungslosen Fällen, raunzt mir mein Kleinhirn zu.

Als ich den finsteren Stall betrete, wird mir leicht mulmig: Stehhöhe im kleineren Trakt so ca. 1, 67m. Wahrscheinlich schlage ich mich jeden 2. Tag bewusstlos, schiesst es mir durch den Kopf. Dort wartet eine kunterbunte Mischung aus jung und alt, Braunvieh, Fleckvieh, Pinzgauer, Holstein-Friesian, Kälber-Kreuzungen mit blauem Belgier dazu noch drei Jersey-Kühe, so eine Art Pocket-Kuh im Ponyformat, finde ich. Offensichtlich können die Gedanken lesen. Gloria, Viola und Luca lugen genauso skeptisch zu mir rüber, wie ich verstohlen zu ihnen blinzle. Eigentlich besteht der ganze Stall komplett nur aus Kuhhintern, überall, in jeder Ritze, Nische und Lücke. Einen Melkschemel habe ich nicht, mit dem wäre überhaupt keine Fortbewegung möglich. Zum Melken falle ich entweder auf die Knie, mache eine skuril aussehende Bückbewegung – Kopf nach unten versteht sich, oder liege in einer Art halbstabilen Seitenlage unter dem ersehnten Euter.
Schnell begreife ich, dass es drei Sorten Charaktere bei meinen Mädchen gibt: die Ignoranz-Kühe, denen meine Handgriffe und Bemühungen weitestgehend an Kehrseite und Nerven vorüber gehen, die Kooperationstypen, die sich willig schieben, kraulen und bearbeiten lassen und die kleine Fraktion der Renitenztypen: flatsch! Monata z.B. gehört zu letzterer Kategorie: mit ihrer pfeilschnellen Kuhschwanzpeitsche wartet sie gezielt, bis ich an ihrem Hintern vorbei steuern muss, am besten noch in jeder Hand ein Melkzeug. In diesem wehrlosen Zustand knallt sie mir mit Vorliebe und schlagkräftigem Schwung ihren meist triefnassen Kuhschwanz um die Ohren. Nachdem ich beim Melken etwas von «derzeitige Schlachtpreisprämie» murmle, scheint sie etwas hellhörig zu werden. Unser Verhältnis bessert sich aber erst nachhaltig, nachdem ich mich in meiner vormittäglichen Pausenzeit zu ihr in den Futtertrog setzte und ihre Lieblingskratzstellen erkunde.
 

Socken Waschprogramm
   
 

Mit Almnachbarin Maren von der «Unterschnapp», die im Hauptberuf Photographin ist, und Senner Walter, der sich auf die Produktion von feinstem Edelziegenkäse spezialisiert hat, verfalle ich nach meiner Anwärmphase dann auch noch dem Käse-Fieber. Zu dritt laborieren wir erstmals in Walters winziger Küche, um ein Gefühl für die Dosierung von Säurewecker, Lab, Bruchkonsistenz und dem richtigen Timing zu bekommen. Bereits zu Hause auf dem Siglhof habe ich erste Erfahrung mit dem Kasen gesammelt. Aber hier in luftiger Höhe begleitet vom Geläut der Kuh- und Goassglocken, ist das Kasen einfach eine ganz besondere Freude. Die lange nicht genutzten Erdkeller beider Almhütten bieten den idealen Lagerungsort. Dort schmieren und wenden wir mit Hingabe unsere handgefertigten kleinen Köstlichkeiten.

Die angebliche Romantik auf der Alm ist ein eigenes Kapitel. Eines ist schon mal gewiss: ich steh’ aber auf gar keinen Fall abends «im Dirndl vor da Hittn», um irgend einem belodelten Jäger, Wilderer oder womöglich Mountainbiker - der natürlich in Sympathex und Faserpelz gewickelt ist – mit Augenaufschlag und keckem Hüftschwung Avancen zu machen. Arbeitsklamotten, wahlweise durchgeschwitzt oder nass geregnet, plus intensivem Almparfum Marke «d’eau kuha brisante» lassen vielleicht ahnen, wie wenig das Klischee dem realen Almalltag entspricht.
Das Bewahren und Weitertragen von Brauch und Tradition hingegen, das ist eine wichtige Sache. Viele Almbauern und Senner nehmen das ernst und pflegen mit viel Engagement, Stolz und Liebe ihr schönes Kulturgut. Aber eben doch lange nicht alle, ist mein Eindruck. Neben meiner Hüttentür prangt eine riesige Satellitenschüssel, ein ziemlich grenzwertiger Anblick. Die Zierde der Nachbarshütte ist eine kunstsinnig restaurierte Holzschnitzerei mit Christus am Kreuz.
 

 
Kreuz
   
 

Ich spiele Zither, wollte den Almsommer zum regelmässigen Üben nutzen. Leider habe ich mir nach drei Wochen an beiden Händen den «Alm-Klassiker», ein fettes Karpaltunnel-Syndrom, eingehandelt, die Finger wollen partout nicht gehorchen. Senner Walter hat einen Dreigesang zu Hause, manchmal steht er vor der Hütte und spielt Jodler mit dem Flügelhorn – zum Gänsehaut kriegen schön. Als Trostpflaster schlägt er vor, wir könnten ja mal probieren, zweistimmig zu singen. Da sitzen dann also zwei bis dato fremde Sennersleut’ - der eine spricht tirolerisch, der bzw. die andere eher lupenreines Hochdeutsch - am Abend mit einem Glasl Rotwein vor der «Oimhittn» und singen Almweisen, Jodler und Marienlieder im Dialekt. «Das glaubt uns doch kein Mensch», wir müssen beide lachen. Idylle pur! Das gemeinsame Singen rundet jetzt regelmässig unseren Tagesablauf ab.
«.....s’is a Freid füa an Oimdianei oimoi» heisst es im Liedtext. Für mich war mein erster Almsommer wohl der bislang schönste Sommer überhaupt. Zum Almabtrieb bin ich natürlich wieder mit dabei, bin richtig selig, glücklich beim stundenlangen Geläut der Kuhglocken und irgendwie ganz wehmütig. Achtung, vor Nachahmung wird gewarnt! Auf d’ Oima geahn, ko sogar a Hochdeitsche total süchtig macha.

P.S. Der Goasskas’ von Nachbar Walter hat auf der 10. Int. Käsiade in Hopfgarten im November als einziger Goassweichkas aus bäuerlicher Herstellung eine Bronzemedaille erhalten. Mir ham uns olle ganz narrisch mit eam gfreit!
 

Socken Walter Silberberger
   
  Dorothe Fleege arbeitete als Diplom-Musikerin nach ihrem Studium an der Hochschule für Musik Würzburg zunächst als Hornistin mit zahlreichen Orchestern. Ist als Musikpädagogin in den Bereichen Musikalische Früherziehung, Musikförderung wie auch in der Instrumentalausbildung tätig. Seit dem Sommer 2009 arbeitet Sie als freie Redakteurin für den Münchner Merkur und führt ihr eigenes Büro für Kulturjournalismus und Musikpädagogik PFEIF DRAUF.
   
   
   
   
 
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