z’Alp einmal gan(z)s anders
Weihnachten 2010
 

 
Die meisten Alpen sind gleich, nur eine Alp ist anders: Auf der Alp Plätsch am Sevelerberg
braucht es weder Hund noch Hirtenstock und auch der Käsebrecher ist überflüssig. Denn diese
Alp ist anders. Gans anders!
 

Text Eveline Dudda, Bilder Giorgio Hösli

 

 

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Du glaubst, eine Alp müsse wild sein und weit in den Bergen liegen? Nun, die Alp Plätsch ist es jedenfalls nicht. Sie befindet sich nur gerade 1'165 Meter über Meer, ist relativ flach, ringsum vom Wald geschützt und lediglich ein paar Strassenkurven vom letzten Weiler am Sevelerberg entfernt. Trotzdem ist es eine Alp. Aber keine Alp, auf der nur Kühe, Kälber oder Ponys weiden. Nein, auf der Alp Plätsch trifft man im Sommer Gänse an. Du hast richtig gelesen: Alpgänse! 280 Stück waren es im Jahr 2010, nächstes Jahr dürften es wohl noch ein paar mehr sein. Um sie zu hüten braucht man weder Hirtenstock noch Fernglas, die Drahthaspel für den Hag entfällt, ein Flexinet genügt. Statt vom Herdenschutzhund werden die Gänse von Perlhühnern bewacht, deren vuvuzela-artiges Gekreische vor jedem und allem warnt. Und wer die Gänse abends in den Stall treibt braucht keinen Hund. Der wäre mit dem Federvieh ohnehin überfordert und schafft es nicht, die Zweibeiner in die gewünschte Richtung zu bugsieren...
 

Alpgänse auf der Alp Plätsch
   
 

Gans und Gans ist zweierlei
Dass der Älpler und Alpmeister Thomas Jenny auf die Gans gekommen liegt wohl daran, dass Jenny nicht gut ‹nein› sagen kann. Als Robin Geisser, ein Geflügelzüchter aus Mörschwil, ihn fragte, ob er einige Gänse für ihn sömmern würde, war Jennys Begeisterung nämlich erst einmal gering. Allzu gut erinnerte er sich an seine eigenen Gänse: Laut waren sie gewesen und aggressiv. Aus Sorge um die damals noch kleinen Kinder gab Jenny sie letzten Endes weg. Die Vorstellung nun ein paar Hundert solcher «Teufel» zu hüten löste gemischte Gefühle in ihm aus. Erst ein Besuch beim Geflügelzüchter in Mörschwil überzeugte ihn: «Diese Rasse ist total friedlich und nicht einmal besonders laut.» Jenny sagte zu und das Abenteuer «Alpgänse» konnte beginnen.
 

 
Gänse sind zahme Tiere
   
 

Flaumbälle im Schnee
Dann kam alles anders als geplant. Anfang Mai, als das Gras bereits hoch und die ersten Gänse geliefert waren, spielte Petrus verrückt: Statt Sonne und Wärme schickt er Regen, Schnee und Kälte. Die jungen Gänse, die Gössel, steckten noch im Flaum, sie hatten weder richtige Federn noch ein Daunenkleid. Der Wind war zu stark, der Regen zu kalt, das Gras zu hoch. Der Versuch wurde abgebrochen und die Gänsekücken in wärmere Gefilde verfrachtet. Anfang Juni startete der zweite Versuch: Wieder waren die Gössel nur vier Wochen alt, wieder trugen sie nur Flaum auf dem Leib. Doch dieses Mal setzte sich die Sonne durch, lagen die Temperaturen im angenehmen Bereich. Lediglich am 21.Juni musste Jenny die Tiere wegen Schneefall einmal im Stall lassen. An allen anderen Tagen konnten sie ihrer Lust am Weidegang fröhnen.

Kleine Tiere – grosser Hunger
Gänse sind klein, doch ihr Magen ist gross. Jenny: «Die fressen sogar noch im Liegen weiter.» Dabei sind sie wählerisch: Nur das beste, zarteste und jüngste Gras ist ihnen gut genug. Jenny hat beobachtet, dass sie teilweise sehr selektiv fressen: «Vom Kerbel nehmen sie nur die Blüten, die Stengel lassen sie stehen. Blacken und Wegerich mögen sie gar nicht. Leider.» Höher als 15 Zentimeter sollte der Aufwuchs nicht sein, weshalb Jenny alle vier Tage eine neue Parzelle einzäunt. Gleichzeitig putzt er die alte Weide nach und zügelt die Schwimmertränken. «Sie saufen auch extrem viel.» Am Abend, kurz vor dem Eindunkeln werden die Gänse in den Stall getrieben wo sie eine Mineralstoffmischung zur Ergänzung erhalten. Frühmorgens geht es dann wieder im Gänsemarsch auf die Weide. Gänse sind zwar Herdentiere, doch sie kommen ohne Rangkämpfe aus. Ihre Hierarchie funktioniert nach dem simplen Prinzip: «Die Gans, die ganz vorne ist, ist der Chef.» Nach der Alpzeit werden die Gänse im Tal ausgemästet und bekommen so das Rüstzeug für den knusprigen Gänsebraten, der an Martini (11. November) oder an Weihnachten auf den Tisch kommt.
 

Gänse treiben geht ohne Stock und Hirtenhund
   
 

Gänse für Gourmets
Robin Geisser führt zusammen mit seinen Brüdern Gregory und Pascal die Geflügel Gourmet AG in Mörschwil. Sie haben sich auf Nischenprodukte im Geflügelbereich spezialisiert. Sie sind die grössten Gänseproduzenten in der Schweiz und die einzigen, die Gänseeier ausbrüten. Alpgänse sind zwar ein Nischenprodukt, aber ein vielversprechendes. Geisser: «Für mich ist der Aufwand nicht viel grösser ob ich die Tiere auf eine Alp oder im Tal zur Weidemast gebe.» Lediglich der Transport kommt dazu. Auf der Alp muss allenfalls häufiger gezäunt werden als im Tal. Und ein zusätzliches Risiko sind die Raubtiere, vor allem die aus der Luft. Im ersten Jahr haben die Vogelscheuchen abschreckend gewirkt. Jedenfalls hat der Adler bis jetzt noch keine Gans geholt. Sehr zur Freude all jener Geflügelgourmets, die bereits im Spätherbst den grössten Teil der Herde reservierten. Weshalb die Chancen gut stehen, dass auch nächstes Jahr auf der Alp Plätsch mehr geschnattert, als gemuht wird. Die Alp Plätsch ist eben Gans anders.
 

 
vom Kuhstall zum Gänsestall
   
 

Nischenproduktion Gänsemast
Gänse werden in der Schweiz praktisch nur an Martini (11. November) und an Weihnachten gegessen. Rund 4'000 Stück pro Jahr werden importiert, vor allem aus Ungarn und Frankreich. Während die Tiere in der Intensivmast ihr Endgewicht schon nach drei Monaten erreichen, dauert die Weidemast rund doppelt so lang. Den Unterschied merkt man natürlich nicht nur am Preis, sondern auch an der Qualität: Der schnelle Zuwachs schmilzt in der Pfanne sofort dahin, während das, was langsam gewachsen ist, länger und erst noch besser schmeckt.

Obwohl Gänse reine Vegetarier sind und sehr naturnah gehalten werden können, haben sie ein Imageproblem: Viele Menschen setzen Gänse mit jenen geschundenen Kreaturen gleich, die wegen ihrer Daunen bei lebendigem Leibe gerupft werden oder denen man gewaltsam Futter in den Schlund stopft, damit die Leber verfettet. Die «Swiss Alpgans» hat dagegen ein artgerechtes Leben und sie verbringt den grössten Teil davon auf der Alp.
www.alpgans.ch

   
   
   
   
 
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