Alpenlexikon: Alm/Alp
Januar 2011
 

 
Werner Bätzing aktualisiert das Alpenlexikon. Folgend seine Definitionen zum Umfeld Alp,
die den Blick über das eigene Tal hinaus weiten.
 

Text Werner Bätzing, Bilder Giorgio Hösli

 

 

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Alm/Alp
Das Wort stammt aus vorrömischen Zeiten, und lautet im Lateinischen «Alpes», im baierischen Dialekt «Alm» (Oberbayern, Österreich ohne Vorarlberg, Südtirol), im alemannischen Dialekt «Alp» (Schweiz, Allgäu, Vorarlberg, Walser-Gebiete). Während in der deutschen Sprache der Plural «Alpen» doppeldeutig ist (Bezeichnung für die Hochweidestufe und für das gesamte Gebirge), ist die baierische Form «Almen» eindeutig, weshalb in Deutschland (nicht jedoch in der Schweiz) diese Form oft bevorzugt wird. Ursprünglich bezeichnete dieses sehr alte Wort nur die Hochweidestufe oberhalb des Waldes, später (schon zu römischen Zeiten) wurde daraus dann der Name für das gesamte Gebirge abgeleitet.
Obwohl dieses Wort so alt und so zentral ist, ist es keineswegs in allen Alpenregionen verbreitet, was nur historisch bzw. sprachgeschichtlich zu erklären ist. Andere Bezeichnungen für Alm/Alp sind:

  • in den Seealpen «jas» (französische Form) oder «gias» (italienische Form)
  • in den französischen Alpen «montagne» (als kleinere Almen/Alpen neben den grossen «alpages»)
  • in den italienischen Alpen «malga» und «casere» (neben «alpeggio»)
  • in den nördlichen Alpen «Berg» (neben «Alm»/»Alp»)
  • in den slowenischen Alpen «planina».

Definition: Hochgelegene Flächen im Gebirge (oberhalb der Waldgrenze oder als Rodungsflächen innerhalb des Waldgürtels), die während des Sommers vom Vieh beweidet werden und die auf Grund der Entfernung vom Heimgut (Bauernhof, von dem die Tiere stammen) einen täglichen Heimtrieb des Viehs zum Hof unmöglich machen, weshalb eine getrennte Bewirtschaftung erforderlich ist. Das Heimgut liegt in der Regel im gleichen Alpental wie die Alm/Alp, seltener in einem Nachbartal (entlang des Alpenhauptkammes lagen früher die Alm-/Alpgebiete der Bauern der inneralpinen Trockenzonen wie Wallis, Engadin, Vintschgau usw. jenseits der Wasserscheide im Norden). Die räumliche Nähe zwischen Heimgut und Alm/Alp einerseits sowie die vom Heimgut getrennte Bewirtschaftung andererseits ist also charakteristisch für die Almen/Alpen. Werden grössere Flächen oberhalb der Waldgrenze nicht beweidet, sondern gemäht, heissen diese Flächen «Bergmähder» oder «Heuberge»; in der Regel werden diese Flächen ebenfalls als Almen/Alpen bezeichnet.

Auf Grund der Höhe und der damit verbundenen kurzen Vegetationszeit können die Almen/Alpen nur viehwirtschaftlich genutzt werden (kein Ackerbau mehr möglich), und der Nutzungszeitraum beträgt im alpenweiten Durchschnitt knapp 100 Tage/Jahr. Grundsätzlich gibt es für die viehwirtschaftliche Nutzung der hochgelegenen Gebirgsflächen auf der Erde drei verschiedene Wirtschaftsformen: Alm-/Alpwirtschaft, Transhumanz und Bergnomadismus (letztere Form ist in den Alpen nicht vorhanden, sie findet sich traditionellerweise in den sehr trockenen Gebirgen Vorder- und Zentralasiens).
 

Alpen in der Schweiz sind keine Inseln
   
  Die ursprünglichen Alm-/Alpflächen waren die von Natur aus wald- und zwergstrauchfreien Gebiete oberhalb der Waldgrenze. Da diese Flächen jedoch sehr klein waren, wurden die Almen/Alpen schon sehr früh (in vorrömischen Zeiten) zu Lasten des Waldes nach unten hin vergrössert, wodurch im Laufe der Zeit die Alm-/Alpflächen sehr erheblich vergrössert wurden. Heute liegen die meisten Almen/Alpen im ehemaligen Bereich des Waldes, und zu vielen Almen/Alpen gehören Waldflächen, die zur Waldweide und Holzgewinnung für die Alm-/Alpwirtschaft genutzt wurden. Manche Almen/Alpen liegen sogar inselförmig mitten im Wald.
Die Höhenlagen der Almen/Alpen sind sehr unterschiedlich ausgeprägt, was an den unterschiedlichen Höhengrenzen im Alpenraum liegt: Am Alpenrand, wo alle klimatischen und Vegetationsgrenzen vergleichsweise niedrig liegen, liegen auch die Almen/Alpen recht niedrig, und die Untergrenze der Almen/Alpen liegt am Alpennordrand oft bei nur 600 m, am Alpensüdrand etwas höher. Im Alpeninneren, wo alle Höhengrenzen sehr hoch liegen, beginnt die Untergrenze der Almen/Alpen oft erst bei 2000 m, und die allerhöchsten Almen/Alpen liegen in den Walliser Alpen (Wallis und Val d'Aosta), wo Rekordwerte von 3200 m erreicht werden.
 
Ähnliches gilt für die Grösse der Alpen: Überall am Alpenrand sowie in den östlichen Ostalpen (wo die Alpen teilweise nur noch Mittelgebirgscharakter besitzen) sind die einzelnen Almen/Alpen relativ klein, und die Gesamtfläche der Almen/Alpen beträgt hier oft nur 20% der Gesamtfläche. Im Kern der Alpen und vor allem im Bereich des Alpenhauptkammes sind die Almen/Alpen dagegen sehr gross, weil es hier sehr weitläufige und hochgelegene Verebnungsflächen gibt, die anders nicht bewirtschaftet werden können, und weil die Almen/Alpen hier teilweise bis an die Gletscher heranreichen. Eine einzelne Alm/Alp kann hier eine Fläche von mehr als 25 km² mit mehr als 1000 m Höhendifferenz innerhalb der Alm-/Alpfläche erreichen. Hier kann die Alm-/Alpfläche bis zu 60-70% der gesamten Fläche erreichen. Das grösste Alm-/Alpgebiet der gesamten Alpen ist die Seiser Alm in Südtirol mit 400 km² Fläche (davon allerdings grössere Flächen, die früher als Bergmähder genutzt wurden).
 
Die umfangreichste alpenweite Analyse ist:
Alfred Ringler: Almen und Alpen. Verein zum Schutz der Bergwelt, München 2009
134 + 1.448 Seiten, viele Karten.
 
In der touristischen Nutzung der Alpen spielen die Almen/Alpen eine zentrale Rolle, weil sie für «Naturnähe», «Romantik pur» und «absolute Idylle» stehen. Dabei wird übersehen, dass Almen/Alpen keine Natur sind (sie sind ja Kulturprodukt und durch Rodung dem Wald abgerungen) und dass Almleben harte Arbeit bedeutet. Deshalb stehen Alm- /Alpwirtschaft und touristische Nutzung in einem spannungs- und konfliktreichen Verhältnis.
   
  Älpler
Die traditionelle Bezeichnung meint mit Älpler einen Menschen, der im Sommer auf der Alm/Alp lebt. Daneben gibt es eine neue Bedeutung, die mit Älpler die Menschen bezeichnen, die in den Alpen leben; allerdings hat sich diese neue Bedeutung, die vor allem in der Schweiz gebraucht wird, noch nicht wirklich durchgesetzt und wird nur von Minderheiten verwendet.
 
 
Ziegenmelker im Kanton Uri
   
 

Almen/Alpen und Alm-/Alpwirtschaft
Die Almen/Alpen und die Alm-/Alpwirtschaft gelten zu Recht als Charakteristikum der Alpen.
Während sich die landwirtschaftlichen Verhältnisse in den tiefen Tal- und Beckenlagen der Alpen schon immer wenig von denen der Alpenvorländer unterschieden, stellen die Almen/Alpen in kulturgeographischer Sicht eine Besonderheit der Alpen dar: Hier entwickelten sich in Auseinandersetzung mit der spezifischen Situation der Umwelt in der alpinen Höhenstufe besondere Nutzungsformen, und die archaischen Eigentums- und Nutzungsstrukturen, die im übrigen Europa schon vor langer Zeit verschwanden, blieben hier bis weit ins 20. Jahrhundert hinein (teilweise sogar bis heute) erhalten. Auch in anderen europäischen Gebirgen gibt bzw. gab es eine Alm-/Alpwirtschaft (Pyrenäen, Vogesen, Schwarzwald, Skandinavische Gebirge), allerdings ist bzw. war sie dort unbedeutender und weniger ausdifferenzierter als in den Alpen.

Die Vielfalt der traditionellen alp-/alpwirtschaftlichen Verhältnisse ist so gross, dass es nicht möglich ist, sie alpenweit vergleichend darzustellen. Die folgenden Ausführungen konzentrieren sich daher darauf, die wichtigsten Typen herauszustellen, wobei die Realität dadurch geprägt ist, dass es unendlich viele Übergangs- und Mischtypen gibt.

Nutzung gegliedert nach Alm-/Alpstafel:
Weil sich die meisten Almen/Alpen über grosse Höhenunterschiede und teilweise über mehrere Verebnungsflächen hinweg erstrecken, sind sie fast immer in mehrere Nutzungsstockwerke, sog. Alm-/Alpstafel, unterteilt, die nacheinander beweidet werden. Oft gibt es drei Stafel (teilweise als Nieder-, Mittel- und Hochalm benannt), manchmal bis zu zehn Stafel, und der Rekord wird im Wallis erreicht, wo es früher bis zu 32 Stafel gab (auf dem Hintergrund besonders starker Reliefunterschiede). Mit der Stafel-Nutzung folgt das Vieh in der ersten Sommerhälfte der Vegetationsentwicklung in die Höhe. Ab Anfang-Mitte August geht es dann wieder abwärts, wobei das inzwischen nachgewachsene Gras abgeweidet wird. Die sehr ausgeklügelten traditionellen Stafelsysteme (die sehr viel Wissen um die konkrete Umweltsituation enthalten) sind heute durch die Rationalisierung der Alm-/Alpwirtschaft meist stark vereinfacht worden oder sie sind ganz verschwunden.

Kuh-/Galt-/Schafalmen –alpen:
Die Almen/Alpen werden nach den gesömmerten Tieren bezeichnet, sofern eine Tierart die Nutzung dominiert. Kuhalmen/-alpen werden vorwiegend mit Milchkühen bestossen, wobei die Milch oft vor Ort zu Käse verarbeitet wird (Sennerei), Galtalmen/-alpen mit Rindern und Jungtieren, die noch keine Milch geben (von mittelhochdeutsch «galt» = trocken), und Schafalmen/-alpen von Schafen. Daneben gibt es Pferdealmen/-alpen (früher öfters im Bereich von wichtigen Saumwegen), Stier-, Ochsen- und Ziegenalmen/-alpen. In der Regel liegen die Kuhalmen/-alpen am niedrigsten, die Galtalmen/-alpen in der Mitte und die Schafalmen/-alpen am höchsten. Heute sind diese Unterscheidungen weniger wichtig: Die Zahl der arbeitsintensiven Kuhalmen/-alpen hat deutlich abgenommen, und Galtalmen/-alpen sind sehr stark gewachsen (arbeitsextensive Form der Alpwirtschaft mit Betreuung der Tiere mittels Geländewagen vom Tal aus) Schafalmen/-alpen haben bis in die 1980er Jahre hinein sehr stark abgenommen und werden seitdem wieder stärker bewirtschaftet, allerdings nicht mehr im Sinne der traditionellen Alm-/Alpwirtschaft (permanente Betreuung durch Hirten mit regelmässigen Weidewechseln), sondern in sehr arbeitsextensiver Form, indem die Tiere nicht mehr beaufsichtigt werden, sondern sich im Alm-/alpgebiet frei bewegen können. Diese arbeitsextensiven Formen der Alm-/Alpwirtschaft, die sich ab etwa 1970 allmählich durchsetzt, gerät seit Mitte der 1990er Jahre immer mehr in Konflikt mit den sich wieder ausbreitenden Beutegreifern (Raubtieren) in den Alpen wie Wolf und Bär.

Die Eigentumsverhältnisse sind sehr vielfältig (Eigentümer von Almen/Alpen können ein Staat, eine Gemeinde, eine Genossenschaft oder eine Privatperson sein) und oft ausgesprochen kompliziert, weil sich hier mittelalterliche Eigentums- bzw. Besitzverhältnisse erhalten haben, die nicht in das System des Römisches Rechts (ein Ding = ein Eigentümer mit alleiniger Nutzungsberechtigung) passen – deshalb fallen Eigentums- und Nutzungsrechte hier oft auseinander. Im Mittelalter waren die Almen/Alpen im Besitz der Grundherren (weltliche und geistliche Grundherren, darunter oft Klöster), im Laufe der Zeit aber ging das Nutzungs-, später auch das Eigentumsrecht auf die Bauern über. Daraus entstanden vier Eigentumsgruppen:

1. Gemeinschaftsalmen/-alpen:
Die Alm/Alp ist als Allmende gemeinschaftliches Eigentum aller Bauern eines Ortes, einer Gemeinde oder einer Gruppe von Gemeinden (wenn in der frühen Neuzeit Gemeinden geteilt wurden, wurde oft die Alm/Alp nicht mitgeteilt)(im Altsiedelraum sehr häufig).

2. Genossenschaftsalmen/-alpen:
Die (aus verschiedenen Orten eines Tales oder einer Kleinregion stammenden) Alm-/Alpberechtigten schliessen sich zur Wahrung ihrer gemeinschaftlichen Alm-/Alpinteressen zu einer Alpkorporation oder einer privatrechtlichen Genossenschaft zusammen (in den Schweizer Alpen sehr häufig sowie in Teilen des Altsiedelraumes).

3. Privatalmen:
Almen/Alpen im Eigentum einer einzigen Bauernfamilie; entweder entstand dieses Eigentum im Rahmen des hochmittelalterlichen Siedlungsausbaues (vom neu gegründeten Hof aus selbst gerodete Alm-/Alpfläche)(Jungsiedelland) oder durch historische Sonderfälle (Verkauf des nach 1789 verstaatlichten Klosterbesitzes an Privatpersonen)(Frankreich und Österreich).

4. Berechtigungsalmen:
Almen/Alpen im Besitz ehemaliger Herrschaften (adlige Grundherren, Klöster, geistliche Stiftungen)), die im 19./20. Jahrhundert an den Staat als Rechtsnachfolger fallen, die aber mit dem «Servitut« (= im Grundbuch eingetragenes Nutzungsrecht) der Weide-, Schwend- und Holznutzung durch die ehemaligen Untertanen belastet sind (v.a. Österreich und Bayern).
Diese Eigentumsverhältnisse spielen heute bei touristischen, wasserwirtschaftlichen und anderen Projekten auf den Almen/Alpen eine grosse Rolle, weil in den meisten Fällen keine Einzelpersonen sondern grössere Personengruppen gemeinsam entscheiden müssen.
Nutzungsstrukturen: Die Nutzungsstrukturen sind mit den Eigentumsstrukturen nicht identisch (dies schafft Probleme mit der Übertragung ins Römische Recht, also unserer modernen Rechtssprechung). Sie können ganz grob in drei Gruppen eingeteilt werden:

1. Einzelalpung auf Gemeinschafts- und Genossenschaftsalmen/-alpen:
Jede Bauernfamilie sömmert ihr eigenes Vieh (Rinder/Kühe) getrennt von dem der anderen Familien, macht ihren Käse allein und verfügt über ein eigenes (privates) Gebäude auf gemeinschaftlichem Grund. Dadurch entstehen richtige «Alm-/Alpdörfer« (oft mit Kapelle). Die Alm-/Alparbeit (Melken, Käsen, Buttern) ist Frauenarbeit, die Männer kümmern sich währenddessen um die Mahd der Bergmähder und um die Äcker im Tal. Dies ist eine typische Nutzungsform im Altsiedelraum, die sich teilweise bis weit ins 20. Jahrhundert hinein erhalten hat. Volkskundler haben oft beschrieben, dass der Alm-/Alpaufenthalt neben der ökonomischen Bedeutung auch eine wichtige soziale Funktion hatte (Ausstieg aus der dichten sozialen Kontrolle im Dorf als persönlicher Freiheitsgewinn, Regeneration durch eine etwas geringere Arbeitsbelastung der Frauen).

2. Genossenschaftsalpung:
Die Alm-/Alpberechtigten stellen Alm-/Alppersonal gegen Bezahlung an, das die Tiere aller Alm-/Alpberechtigten betreut und das die Käseherstellung übernimmt. Die Alm-/Alparbeiten sind streng hierarchisch gegliedert mit dem Senn an der Spitze (verantwortlich für die Käseherstellung), assistiert vom Zusenn, gefolgt von den Hirten bis hin zum Hüterbuben, der Hilfsarbeiten ausführt. Alle Alm-/Alparbeiten werden nur von Männern ausgeführt. Diese junge Form der Alm-/Alpnutzung entstand im 13./14. Jahrhundert in der Schweiz, breitete sich später in die angrenzenden Alpenregionen aus, erreichte bis ins 20. Jahrhundert jedoch keineswegs den gesamten Alpenraum. Die Modernisierungen der Alm-/Alpwirtschaft, die im 20. Jahrhundert oft durchgeführt wurden, orientierten sich an diesem Nutzungssystem, das lange Zeit als sehr vorbildlich galt (effektiver Arbeitseinsatz, Spezialisierung der Tätigkeiten).

3. Einzelalpung auf Privatalmen/-alpen:
Nur in diesem System fallen Eigentums- und Nutzungsstruktur zusammen, indem die Familie des Eigentümers auch die Alm-/Alpbewirtschaftung übernimmt. Die Alm-/Alparbeit ist hier Frauenarbeit. Diese Nutzungsform findet sich meist im Jungsiedelraum. Hier wird die Frauenarbeit auf der Alm oft romantisiert («die Sennerin auf der Alm») und zum Klischee verdichtet.

   
 
Rinderhirtin-Hütte in Graubünden
   
 

Alm-/Alpgebäude:
Lange Zeit gab es nur auf den Kuhalmen/-alpen sehr einfache und kleine Gebäude zur Käseherstellung, und Ställe fehlten ganz. Galt- und Schafalmen/-alpen kannten keine Gebäude, hier gab es anstelle eines Stalles Steinpferche, in die die Tiere nachts zum Schutz vor wilden Tiere zusammengetrieben wurden (oft heute noch sichtbar). Erst in nachmittelalterlichen Zeiten wurden Gebäude für Menschen und Tiere errichtet, oberhalb der Waldgrenze meist aus Stein, darunter oft aus Holz. Im 19. Jahrhundert stellten Volkskundler dann fest, dass die Alm-/Alpgebäude diejenigen Bauformen repräsentierten, die im Tal vor zwei, drei Jahrhunderten üblich waren (alpine Kulturretardierung). Heute dagegen verfügen die meisten der noch genutzten Almen/Alpen eine moderne Infrastruktur.

Nutzungsregelungen:
Um eine kurzfristige Übernutzung zu verhindern, gab es sehr ausgeklügelte Regelungen, die oft schriftlich niedergelegt waren (Alpbrief, Alpsatzung) und die durch den Alpvogt (Vertreter der Alm-/Alpberechtigten bei Genossenschaftsalpung) streng kontrolliert wurden. Basisbestimmung war, dass die Berechtigten nur jenes Vieh auf die Almen/Alpen treiben durften, das sie selbst im Tal ohne Zukauf von Futter von ausserhalb überwintert hatten (Regelung gegen Übernutzung). Ausserdem wurden Nutzungsobergrenzen (maximale Viehzahlen, ausgedrückt in Kuhrechten oder Kuhgräsern) festegelegt sowie genaue Nutzungszeiträume (Beginn und Ende), damit sich die Vegetation gut regenerieren konnte. Hinzu kamen zahlreiche Pflegearbeiten wie Räumen (Steine auslesen), Putzen (Unkraut beseitigen), Schwenden (Büsche und Bäume beseitigen), Zäunen (Aufbau von Holzzäunen an gefährlichen Stellen),die oft als Gemeinwerk von allen Berechtigten oder auch vom angestellten Alppersonal ausgeführt wurden. Auf sehr grossen Almen/Alpen, wo Unternutzung drohte (bei zu grossem Weideangebot fressen die Tiere selektiv nur die besten Futterkräuter), gab es den Alm-/Alpzwang, also die Verpflichtung, die Tiere auf die Alm/Alp zu geben, oder es wurde (seltener) Lehnvieh/Pensionsvieh (Vieh fremder Eigentümer gegen Bezahlung) aufgenommen, um die «richtige« Viehzahl zu erreichen.
Diese Regelungen sind heute meist vergessen, und auch die arbeitsintensiven Pflegearbeiten werden kaum noch ausgeführt.

Geschichte der Alm-/Alpnutzung:
Diese Geschichte lässt sich in fünf Phasen zusammenfassen.

1. Kleinviehhaltung (Schafe, Ziegen) mit geringer Käseproduktion (Sauerkäse) – Beginn wahrscheinlich zeitgleich mit der landwirtschaftlichen Nutzung der Alpen; alpenweit dominierend bis etwa 1000/1100 n.Chr.

2. Grossviehhaltung (Rinder) mit Orientierung auf Schlachtvieh (Galtvieh) oder Käseproduktion – Intensivierung der Alm-/Alpnutzung im Rahmen des hochmittelalterlichen Siedlungsausbaues, ab dem11./12. Jahrhundert, teilweise aber auch erst später. Erste Blütephase der Alm-/alpwirtschaft.

3. Labkäserei:
Grossviehhaltung mit Genossenschaftsalpung, Hartkäseproduktion (wichtiges Exportprodukt, Produktion grosser Mengen in hoher Qualität) als handwerkliche Spezialistentätigkeit von Männern (Sennen). Diese Innovation entstand im 14./15. Jahrhundert am westlichen Nordrand der Schweizer Alpen (Gruyère, westliches Berner Oberland), erreichte ab dem 15./16. Jahrhundert den gesamten Nordrand der Schweizer Alpen und später Savoyen, Allgäu und Tirol, verbreitete sich jedoch keineswegs flächenhaft in den Alpen. Ende der Blütezeit um 1820 mit der Entstehung der ersten Talkäsereien (erste Sennereien ausserhalb der Almen/Alpen, nämlich in den Dörfern selbst).

4. Alm-/Alpverbesserungen:
Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzen gezielte Verbesserungen der Alm-/Alpwirtschaft ein, getragen zuerst von (fremden) Privatpersonen, ab etwa 1850 durch Vereine und den Staat. Ziel sind die Verbesserungen der Wohnverhältnisse für das Personal, die Errichtung von Ställen für das Vieh, eine hygienische Trinkwasserversorgung, sichere und gute Weganlagen für Mensch und Vieh, gleichmässigere und bessere Verteilung des Viehdungs auf die Weidegebiete und Einführung ertragreicherer Viehrassen durch Einkreuzung. Promotoren dieser Entwicklung sind städtische Kreise, die sich allgemein für die Verbesserung der Landwirtschaft einsetzen; dabei war die Schweiz alpenweit führend, während die Südwest- und Südalpen davon erst spät im 20. Jahrhundert erfasst werden.

5. Rationalisierung der Alm-/Alpwirtschaft:
Ab etwa 1965 gerät die traditionelle arbeitsintensive Alm-/Alpwirtschaft in die Krise, und zahlreiche Almen/Alpen werden aufgelassen (in Tirol uns Bayern etwa 10-15%, in den Südalpen 50-60%). Die Nutzung der noch bewirtschafteten Almen/Alpen wird stark vereinfacht und rationalisiert (Umwandlung von Kuh- in Galtviehalmen, Reduzierung der Stafel, Betreuung der Tiere mittels PKW, Einstellung der Alm-/Alppflegearbeiten). Ab etwa 1985 gibt es eine gewisse Wiederaufwertung der Alm-/alpwirtschaft, indem die Alm-/Alpprodukte eine starke Nachfrage erleben und auf den Almen/Alpen direkt an Touristen/Gäste verkauft werden, was ökonomisch rentabel ist.

   
 
Beschnitzte Türe im Jura
   
 

Alm-/Alprechte
1. Alm-/Alprechte im engen Sinne: Ein Alm-/Alprecht ist das Recht, eine bestimmte Menge Vieh auf einer Alm/Alp den Sommer über weiden zu lassen. Üblicherweise wurde dieses Recht als «Kuhgras» (dafür gab es sehr viele verschiedene Dialektbezeichnungen, heute «Grossvieheinheit») bezeichnet, und beinhaltet das Recht, eine Milchkuh oder eine genau festgelegte, gleichwertige Zahl anderer Tiere (z.B. fünf Schafe oder zwei Jungrinder) auf der Alm/Alp zu sömmern. Die Dokumentation erfolgte früher häufig über besondere Hölzer mit speziellen Kerbzeichen, den so genannten «Tesseln». Je nach Eigentumsstruktur wurden die Alprechte vererbt (oft bei Gemeinschaftsalmen/-alpen), oder sie konnten verkauft werden (teilweise bei Genossenschaftsalmen/-alpen).
 
2. Alm-/Alprechte im weiteren Sinne:
Bei Genossenschaftsalmen/-alpen haben sich detaillierte Rechtsstrukturen für die Nutzung und Verwaltung herausgebildet, die oft schriftlich fixiert und die durch «Alpmeister» oder «Alpvögte» überwacht wurden, um egoistisches Handeln einzelner Alpgenossen oder des Alppersonals zu verhindern. Diese Rechtsstrukturen können als Alm-/Alprechte im weiteren Sinn bezeichnet werden.
 
3. Alm-/Alprechte als «Rechtsaltertümer»:
Mit der Alm-/Alpnutzung haben sich mittelalterliche Rechtsverhältnisse, so genannte «Rechtsaltertümer», bis ins 20. Jahrhundert erhalten, bei denen im Gegensatz zum Römischen Recht (ein Ding = ein Eigentümer mit alleiniger Nutzungsbefugnis) Eigentums- und Nutzungsrechte nicht miteinander identisch sind. Dabei gibt es einige alm-/alpspezifische Rechte wie das «Schneefluchtrecht», also das Recht, bei sommerlichem Schneefall auf der Alm/Alp mit den Tieren auf tiefer gelegene Privatflächen ausweichen zu dürfen, oder das «Kriegsfluchtrecht», das es allen Bewohnern des Dorfes erlaubte, bei Annäherung eines feindlichen Heeres mit allen Tieren auf die Alm/Alp zu flüchten. Andere Rechte haben mit den Almen/Alpen unmittelbar nichts zu tun, haben sich aber einzig hier bis ins 20. Jahrhundert erhalten wie die «Viehpfändung» (Vieh, das Schaden angerichtet hatte, konnte solange gepfändet werden, bis der Schaden behoben bzw. entgolten war), zahlreiche Weidedienstbarkeiten (Servitute», also z.B. das Recht auf Waldweide in Wäldern fremder Eigentümer), Wegdienstbarkeiten und Viehdurchtriebsrechte mit oder ohne Weidegenuss, Hausbaurechte (Errichtung privater Alpgebäude auf gemeinschaftlichem Grund), Beherbergungsrechte auf der Alm/Alp, Holz-, Streue-, Düngerbezugsrechte von benachbarten Flächen, Pferchrecht u.ä. Viele dieser Rechte bestehen bis heute; die meisten werden heute aber nicht mehr genutzt oder sind abgelöst. Wenn auf Almen/Alpen touristische Projekte geplant werden, dann kommt diesen besonderen Rechtssituationen aber immer wieder eine grosse Bedeutung zu, weil sie im Konfliktfall in modernes Recht (Römisches Recht) übersetzt werden müssen und dann ein solches Projekt ermöglichen oder verhindern können.

   
Alpabfahrt mit wenig Schmuck (Wallis)
   
  Alm-/Alpbrauchtum
Mit der Alm-/Alpwirtschaft waren und sind wichtige kulturelle und soziale Brauchtümer und Feste verbunden. Sie sind im Bereich der Wiesen-Alp-Betriebe sehr viel häufiger, weil hier die Viehwirtschaft im Zentrum des bäuerlichen Lebens steht, und im Bereich der Acker-Alp-Betriebe seltener, weil hier der Ackerbau im Zentrum steht.  
 
1. Almauftrieb und -abtrieb (Alpfahrt):
Das Auftreiben der Tiere auf die Alm/Alp im Frühsommer sowie der Almabtrieb im Herbst («Entladung») wird oft als festliches Ereignis durch die betroffenen Alm-/Alpbauern und die dörfliche Gemeinschaft gestaltet, allerdings nur im Bereich der Wiesen-Alp-Betriebe, nicht im Bereich der Acker-Alp-Betriebe, und meist bei Genossenschaftsalpung. Beim Almabtrieb werden die Tiere jedoch nur dann festlich geschmückt, wenn es während des Alm-/Alpsommers keinen schweren Unfall bei Mensch und Tier gegeben hat. Der Tourismus hat diese Feste früh als Ausdruck «urigen Berglertums» entdeckt, und heute werden die Almabtriebe oft als touristisches Ereignis inszeniert, wobei der Bezug zur alm-/alpwirtschaftlichen Aktivität teilweise verloren geht. Der Höhepunkt der Entfremdung ist es, wenn immer dieselben Tiere im September mehrmals von der Alm abgetrieben werden, um den Touristen an jedem Wochenende ein Spektakel bieten zu können.  
 
2. Kuhkämpfe:
Kuhkämpfe auf der Alm/Alp finden nur in den Alpenregionen statt, in denen die kleinen schwarzen Eringer-Rinder gesömmert werden (Wallis, Aosta-Tal, Savoyen). In dieser sehr alten Rinderrasse haben sich archaische Verhaltensweisen bis heute erhalten, so dass die Tiere bei Ankunft auf der Alm/Alp miteinander um die soziale Rangfolge in der Herde kämpfen. Heute haben sich die Kuhkämpfe zu grossen Festen entwickelt und teilweise vom Aufenthalt auf der Alm/Alp gelöst. Im Wallis gibt es seit Mitte der 1980er Jahre die Tendenz, Eringer-Rinder nicht mehr zu Produktionszwecken zu halten, sondern nur noch zum Zweck der Teilnahme an den Kuhkämpfen, denn ein gutes Abschneiden verleiht dem Eigentümer ein hohes Sozialprestige in der Region. 3. Milchmesstage: Ein bestimmter Sonntag während der Mitte der Alpzeit, an dem der Milchertrag jeder Kuh genau gemessen wird (dafür gibt es zahlreiche Dialektausdrücke in den einzelnen Alpenregionen). Solche Milchmesstage gibt bzw. gab es nur bei Genossenschaftsalpung, weil der Anteil der einzelnen Alpgenossen am gemeinsamen Alpertrag («Alpnutzen», also Käse, Butter, Ziger) festgestellt werden musste. Da früher der Milchertrag jeder einzelnen Kuh nicht täglich erfasst werden konnte (wie es heute üblich ist), wurde der Milchmesstag festgelegt, an dem die Milchleistung jeder einzelnen Kuh in Anwesenheit aller Besitzer gemessen wurde. Dies diente als Grundlage für die Aufteilung des Alpnutzens auf die Eigentümer der gealpten Kühe, die dann am Ende des Alpsommers vorgenommen wurde. Obwohl ein Milchmesstag seit langem nicht mehr erforderlich ist, hat er sich als geselliger und kultureller Höhepunkt der Alm-/Alpzeit oft bis heute erhalten.
   
4. Alpspenden: Alpspenden wurden in früheren Jahrhunderten dargebracht, um Unfälle oder Krankheiten auf der Alm/Alp zu bannen. Zu diesem Zweck wurde nach einem feierlichen Gelübde im Rahmen einer Stiftung der Alpnutzen von ein oder zwei bestimmten Alptagen getrennt verarbeitet und jedes Jahr an Bedürftige ausgeteilt. Die älteste Alpspende der Alpen hat sich in Ferden (Lötschental/Wallis) erhalten, und sie wird noch heute am Ostermontag feierlich ausgeteilt. Weil wegen des Gelübdes kein Handgriff bei der Verarbeitung der Alpspende verändert werden darf, wird die Milch dabei immer noch auf mittelalterliche Weise zu Käse bzw. Ziger verarbeitet.

5. Alpsegnungen (Alpsegen):
Einsegnung einer Alm/Alp durch einen Priester zur Abwehr von Unglück und Krankheiten am Beginn der Alpzeit, meist im Rahmen eines Gottesdienstes. Traditionellerweise hatte der Priester damit Anrecht auf den Alpnutzen eines Tages. In der heutigen christlichen Ausprägung sind noch viele Elemente aus vorchristlicher Zeit enthalten, die sich unter dem «Deckmantel» des Christentums bis weit ins 20. Jahrhundert hinein erhalten haben. In der traditionellen Sicht waren die Almen/Alpen ausserhalb der Alm-/Alpzeit ein Raum, der von bösen Geistern beherrscht wurde, und der deshalb vom Menschen nicht betreten werden durfte (viele Alpsagen handeln davon, was passiert, wenn man dieses Verbot übertritt).  
 
6. Alpruf oder Betruf:
Dies ist der abendliche Ruf der Sennen in der Innerschweiz durch den Milchtrichter (traditionelles Gerät zum Sieben der Milch), der die Alp in der Dunkelheit vor Unheil schützen soll. In der überlieferten Form werden Gott, Christus und christliche Heilige zum Schutz angerufen, aber der Alpruf geht sehr eindeutig auf vorchristliche (magische) Vorstellungen zurück: Die Nacht ist die Zeit der Bedrohung durch feindliche Mächte, und der Alpruf wirkt nur so weit, wie er akustisch noch zu hören ist, weshalb seine Wirkung mit dem Milchtrichter (als Verstärker) gezielt vergrössert wird. Dieser Alpruf ist teilweise noch heute zu hören, wird aber ganz bewusst nicht touristisch vermarktet.
 
   
 

Kleines Alpen-Lexikon
Obiger Text ist eine aktualisierte Fassung von Werner Bätzing aus seinem Buch:
Kleines Alpen-Lexikon. Wirtschaft - Umwelt - Kultur. Beck'sche Reihe
ISBN-10:3-406-42005-2, CHF 17.90, vergriffen aber z.B. erhältlich bei amazon.de.

 
Werner Bätzig, geboren 1949, ist Professor für Kulturgeographie der Universität Erlangen-Nürnberg. Seit 1977 Beschäftigung mit den aktuellen Problemen des Alpenraumes in interdisziplinärer und internationaler Perspektive. Wissenschaftlicher Berater der CIPRA (internationale Alpenschutzkommission), Beiratsmitglied in «Pro Vita Alpina», Fachbeirat des deutschen Alpenvereins und Mitglied der Landesarbeitsgemeinschaft Bayern der Akademie für Raumforschung und Landesplanung.

 
   
   
   
 
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