Was der Hirt wissen möchte
Februar 2011
 

 
Schon am Telefon bekommt der Hirt je nach Gesprächigkeit des Alpmeisters so viele Informationen zu einer meist unbekannten Alp, dass ihm vermutlich etwa gleich schwindlig ist wie dem Alpmeister selber, der die Auskünfte des Hirten seiner Frau weitergeben möchte.
 

Text und Bilder Daniela Hunger

 

 

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Haben die zwei nicht zum ersten Mal so ein Gespräch geführt, können sie mit den hastig hingekritzelten Notizen etwas Ordnung im Kopf schaffen. Trotzdem tauchen viele Fragen auf, von denen einige dann bei einem Vorstellungsgespräch am Küchentisch des Alpmeisters geklärt werden können. Einige. Denn viele, viele Fragen stellen sich erst, wenn der Hirt murzallein in der noch leeren, fremden Alp am Zäunen ist, wenn beim Hüttenbrunnen kein Wasser mehr kommt oder einer auftaucht und behauptet, die Jäger hätten den ganzen Sommer das Recht, hier zu übernachten. Gut, heutzutage hat man ein Handy. Man könnte aber viel Zeit und Geld sparen, wenn gewisse Informationen irgendwo aufgeschrieben wären.

Wie wäre es mit einem Ordner?Dies hat sich vor mehr als zehn Jahren ein Hirt namens Jörg gedacht und den Anfang mit handgeschriebenen Blättern gemacht. Mit den Jahren wurden die Blätter ergänzt, Veränderungen notiert und irgendwann kam dann der Computer zum Einsatz.
 

 
Ordnerstruktur
   
 

Unter «Unterkunft» steht, wie die Hütte in welcher Zeit erreicht wird, wie geheizt und gekocht wird, dass es elektrischen Strom und einen kleinen Kühlschrank hat, wo die Bauteile fürs WC-Häuschen den Winter verbracht haben, ob Bettzeug vorhanden ist, dass der Hirt in der Kuhalp duschen und waschen kann und dass die Jäger diese Hütte nicht benutzen dürfen, weil es noch zwei andere hat.

Bei «Tiere/Hüten» hat ein ehemaliger Hirt seine Erfahrungen zu den Themen «Treiben», «Steilhänge», «Salz», «Mutterkühe und Kälber» festgehalten und als guten Tipp aufgezeigt, wie er die Tierlisten auf Karten je Besitzer übertragen hat, um bei der täglichen Kontrolle kein Tier zu vergessen. Für Anfänger ist dieses Kapitel Gold wert! («Tiere können durch Salz ohne Treiben von gefährlichen Orten geholt werden. Denn Salz macht durstig.» «Bei Gewitter musst du Egoist sein.»)

 
Rodel
   
  Die Unterlagen zu «Zäune/Weiden» sind fast ein Generationenwerk! Da hat ein alter Alpmeister einmal die Weidengrenzen grob in eine kopierte Wanderkarte eingezeichnet. Ein paar Jahre später hat ein Hirt jede Weide aus dem Kopf von Hand skizziert und dem Zaunverlauf nach notiert, wo die Pfosten liegen und wo der Draht oder das Zaunband dazu gelagert sind.
 
Karte
   
 

Ein weiterer Hirt hat die Weiden fotografiert und am Computer (im Winter) mit Farbe den Zaunverlauf eingetragen. Gelb die Eisen-, rot die Holz- und blau die Plastikpfosten.

   
 
Zaunverlauf
   
 

Es hat mich all die Jahre sehr gefreut, wie gewissenhaft alle Hirten auf einem leeren Ordnerblatt einen «Weidezeitplan» geführt haben, wo nachgelesen werden kann, wie lange das Vieh auf welcher Weide war, wann es wie viel geschneit hat und wie bei 30 cm vorgegangen wurde.

   
Weiderapport
   
 

Auch das Blatt «Zäune abgelegt im Jahre xxxx» haben alle vorbildlich im Ordner abgelegt. Wo sind die Depots der Pfähle, wo lagert das Zaunband? Wenn man einige Kopien von diesem Blatt und von den Weideplänen macht, dürfen diese ungeniert in den Hosensack gestopft werden und ersparen im nächsten Sommer viel nervenaufreibende Sucherei.

   
 
Zaunpfostenlager
   
 

Dann folgen die Anweisungen des Alpmeisters was zu tun ist bei Krankheit, Absturz und Schnee. Der Hirt findet hier, wo die Apotheke ist, wie und wann die homöopatischen Mittel verabreicht werden und wann nach Absprache mit dem Tierbesitzer Antibiotika eingesetzt wird. Auf Fotos sieht er, wie die Behandlungskoppeln eingerichtet werden und aus dem Behandlungsjournal der letzten sieben Jahre kann er herauslesen, mit wie vielen Palusa-Fällen seine Vorgänger zu kämpfen hatten.
Bei Absturz und Schnee kann der Hirt nach Punkteplan vorgehen. Dem Alpmeister anrufen steht übrigens an zweiter Stelle.
Eine Telefonliste mit Festnetz- und Natelnummern der Bestösser darf auch nicht fehlen.  Und ganz hinten hat es leere Blätter, die sind nicht nur für die Aufzeichnungen wichtig!
 

 
Humanmedizin studieren
   
 

Trotz allen Informationen ist die Absprache mit dem Alpmeister bei Unsicherheiten oder als Absicherung immer noch das Wichtigste!
Unser letzter Hirt war nicht nur in dieser Hinsicht ein perfekter Hirt. Wenn er angerufen hat, schilderte er zuerst ganz ruhig die Situation und brachte dann direkt einen Vorschlag, wie er vorgehen würde. Fünf Mal stand er mit den Tieren im Schnee, zehn Nächte haben er und seine Freundin in einer kleinen unbeheizbaren Baracke auf 2300 m.ü.M. im Schneesturm übernachtet, weil sie das Vieh nicht im Stich lassen wollten. Dies war keine Verpflichtung, die im Ordner stand, aber ein Pflichtbewusstsein, vor dem ich grosse Achtung habe.

   
 

Dies war mein letzter Beitrag als Frau vom Alpmeister, den Ordner habe ich dem nächsten Alpmeister weitergegeben. Ich wünsche euch allen ein gutes kommendes Jahr und einen innigen Alpsommer!

P.S. Übrigens, so einen Ordner kann jeder machen, Hirt oder Alpmeister. Jetzt an kalten Winterabenden hätte man vielleicht Zeit dazu.

   
 
   
   
   
 
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