«Human-Wildlife-Conflicts» in Zentralbhutan
Mai 2011
 

 
Dani Mettler reist mit seiner Familie vor der Alpzeit durch Bhutan und berichtet von
seinen Erlebnissen im Frühling des östlichen Himalayas. Als nationaler Koordinator für den
Herdenschutz in der Schweiz hat er ein Sabbatical-Jahr eingeschaltet, um dem Umgang
mit Nutz- und Wildtieren in anderen Kulturen nachzugehen.
Ende Mai wird er seinen 5. Alpsommer starten, zum ersten Mal mit 3 kleinen Mädchen
«im Gepäck». Im Sog des bevorstehenden Sommers berichtet Dani Mettler für zalp von
seiner Reise durch Zentralbhutan zum Thema «Human-Wildlife-Conflicts».
 
Text und Bilder Daniel Mettler

 

 


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   Trongsa. Spuren 2010 war das Jahr des Tigers,der in vielen Gebieten so selten geworden ist, dass er inzwischen zu den bestgeschützten Tieren weltweit gehört. Das Überleben dieser beeindruckenden Grosskatze ist deswegen noch keineswegs gesichert, ausser vielleicht in Bhutan.
 
Ich bin im Büro der lokalen «Forestry Field Division»in Trongsa, Zentralbhutan, und schaue mir mit Kinley dem hiesigen Chef-Ranger die neusten Tigeraufnahmen an. Im letzten Oktober wurden oberhalb des Dorfes auf einem langgezogenen Gratpfad 42 Fotofallen aufgestellt. Das Resultat war eine spektakuläre Photoserie, die wohl seinesgleichen weltweit sucht. Aus über 12 Tigerphotos konnten mindestens 3 verschiedene Individuen identifiziert werden. Da zusätzlich anhand von Spuren noch 2 Jungtiere festgestellt wurden, wird vermutet, dass es sich hier um eine einzigartige Tigerdichte handelt, die bisher noch nie so nachgewiesen werden konnte.
   
 
   
  Wir machen uns auf den Weg Richtung «Tiger-Range».Die lehmige Strasse ist glitschig, da es die ganze nacht unaufhörlich geregnet hat, der erste ausgiebige Regen seit Monaten. Entlang der kurvigen Bergstrasse lächelt uns ein glücklicher Mischwald entgegen, wo Magnolien und Rododendren rot und weiss in den wolkenverhangenen Himmel leuchten. Kinley wirkt ruhig und überlegt in seinen Ausführungen. Etwas stolz und zugleich fasziniert über seine Tigererfahrungen berichtet er über Ausbreitung, Habitat, Beuteangebot und Nutztierschäden. Jahrelang hatten die Bauern nur wenig Verlust beim Rindvieh. In den letzten 10 Jahren hat sich die Situation aber zusehends verschlimmert. Schliesslich erreichen wir nach ein paar weiteren Rutschpartien unser Ziel: Semgbji - ein Bauerndorf auf 2400 Metern, durch eine Strasse erreichbar seit 2006, mit erstmals gewähltem Gemeindepräsidenten 2008 und am Stromnetz angeschlossen seit 3 Monaten.
 
Der Dorfsprecher empfängt uns zusammen mit zwei Bauern,die erst kürzlich zwei Kühe durch Tigerangriffe verloren. Lendhup führt uns in sein neues Bauernhaus, das gerade erst bewohnbar gemacht wurde. Wir setzen uns auf die Strohmatten und lancieren die Diskussion. Ruhig, mit Sanftmut und entschlossener Bodenständigkeit erzählen die Bauern von ihren Tigererlebnissen. Von Wachfeuern, Tigerverfolgungen, frischen Spuren und toten Kühen wird ebenso berichtet wie von Entschädigungen, Versicherungen und den schwierigen Produktionsbedingungen. Schutzhunde, Zäune oder Wachposten stehen hilflos vor dem fast allmächtigen König des Dschungels. Er ist bei weitem nicht alleine im teils lichten, teils dichten Gebirgswald: Der Himalaya-Schwarzbär kreuzt hier seine Wege ebenso mit den Leoparden wie mit den Wildhunderudeln. Weiter hinten im Tal streicht dann auch der Schneeleopard herum, der die Richtung angibt zum sagenumwobenen Gebiet des «Snowman», bei uns bekannt als Yeti.
   
 
   
  Trotz den Sorgen und einer gewissen Ohnmacht der hiesigen Bauern,die an Schweizer Schafhalter mit Wolfsproblemen erinnern, ist die Stimmung aufgelockert und sehr freundlich. Gegen Ende der Diskussion äussern die Dorfbewohner zusehends den Respekt und die Achtung, die sie gegenüber den Tigern pflegen. Der Tiger wird hier selten beim Namen genannt, sondern wie ein Würdenträger behandelt. Sie bezeichnen ihn mit Mifam, was sonst nur ehrwürdigen Personen als Titel gebührt. Ihre buddhistische Überzeugung und die grosse Symbolik, welche die königlichen Grosskatzen ausstrahlen, lässen das ständig latente Risiko mit bewundernswerter Gelassenheit fast verschwinden. Dies ist wohl die überzeugendste Erklärung, warum hier die Tiger ein weltweit einzigartiges Refugium vorfinden, wo sich die Bescheidenheit des Menschen im Respekt gegenüber der grandiosen Macht der Natur verliert.
   

   
   Trongsa.
   Auf dem Tigerpfad
Schon früh haben wir uns mit den Wildhütern verabredet,um die Öffnungszeiten der Baustellen auf der Passstrasse Richtung Dochola-Pass richtig zu erwischen. Die Hauptverbindungsstrasse nach Bumthang wird verbreitert, um die mühselige Kurverei mindestens stellenweise zu erleichtern. Die wilden, dicht bewaldeten Täler verlieren mit der Höhe etwas an Steilheit. An den Berggraten hangen die Nebelschwaden. Vereinzelt tauchen Höfe aus dem Mischwald auf.
   
 
   
  Wir halten neben einem frisch renovierten Bauernhausund betrachten die Rasselbüchsen, die über den frisch gepflügten Äcker baumeln. Sie sind mit einer Schnur zum Wohnhaus verbunden, um die hartnäckigen Wildschweine zu vertreiben. Der hiesige Bauer ist ein gebildeter Mann und spricht gut Englisch. Er lädt uns alle zum Tee ein und wir schwatzen über Tierliebe und Naturgewalten. Neben dem Problem mit den Wildschweinen stehen wiederum die Tiger im Mittelpunkt des Interesses. Seit hier vor einem knappen Jahr ein Mann von einem Tiger getötet wurde, leben die Leute ständig mit einem gewissen Unbehagen, das immer wieder in Angst oder sogar Panik umschlagen kann. In der Nacht geht niemand mehr alleine aus dem Haus, die Trittspuren der Tiger sind so nahe an den Siedlungen, dass überall Vorsicht geboten ist. Auch wenn das Risiko eines Tigerangriffs nach wie vor minimal ist, sind die Ängste gut nachvollziehbar. Ringsum die Höfe liegt pure Wildnis. Eine grüne Hölle, in der vielerorts noch keine Menschenseele das Dickicht durchdrungen hat. Die Naturgewalten sind so dominant, dass das Zusammenleben mit den Wildtieren noch heute eine Überlebensfrage ist. Die momentane Tigerpräsenz hat sich in den letzten Jahren zugespitzt. Dies ist aber kein Grund für die hiesige Bauernfamilie zu klagen. Für sie bleiben die Tiger ein zu respektierendes Tier, das ihnen eigentlich Glück bringen sollte. Sie betonen denn auch, dass Tiger eigentlich nie Menschen angreifen würden und der tödliche Zwischenfall letzten Jahres nur ein schicksalhafter Zufall war.
   
  Vergleiche ich die hiesigen Ängstemit der letztjährigen Panikmache zur Wolfspräsenz in der Schweiz, bleibt nur noch ein mitleidiges Lächeln für die SVP-Polterer übrig: «Zuerst die Rinder dann die Kinder» lautete ihr Slogan gegen die Rückkehr der Wölfe. Auch wenn die ursprünglichen Ängste der Landbevölkerung immer wieder von einzelnen tragischen Unfällen genährt werden und psychologische Parallelen bei Tiger und Wolf zu finden sind, läuft hier die schweizerische Sicherheitsmanie ins Leere.

Unter den Leoparden, Bären und den Wildhundensind momentan nur die Wildschweine eine existenzielle Bedrohung. Bei dieser «Pest», wie sie Pema nennt, verliert sogar die buddhistische Gelassenheit die Geduld. Fallen könnten ein Mittel sein, wurden aber bisher mit unterschiedlichem Erfolg getestet. Im Osten des Landes setzen die Bauern seit einiger Zeit eine unkonventionelle Methode gegen aufsässigen Affen ein: Sie platzieren riesige Plüschtiger an den neuralgischen Stellen auf Reis-, Mais-, und Kornfeldern, um die cleveren Primaten fernzuhalten. Die Schutzmassnahme nützt nicht nur wegen den übernatürlichen Kräften der Tiger. Bis jetzt haben die Störefriede jedenfalls das Plüschtigerrevier respektiert... Könnten die Plüschtiger auch als Trick gegen die Wildschweine funktionieren? Unser Gespräch endet schliesslich wieder einmal mehr in der buddhistischen Philosophie Bhutans und ich bin beeindruckt über die distanzierte und differenzierte Betrachtungsweise dieser einfachen Leute.
   
 
   
  Nach dem gemeinsamen Tee und einigen Familiengeschichtenfahren wir einige Kilometer weiter der Passstrasse entlang, bis wir zu Fuss auf einem steilen Waldpfad weitergehen. Wir wollen den Tatort des tödlichen Tigerangriffs besuchen. Der äusserst artenreiche Wald ist flechtenbehangen und eher licht als dicht. Die weissen Magnolienbäume blühen mit den roten Rododendren um die Wette. Das Moos leuchtet in der fahlen Sonne, die sich allmählich gegen die Nebelschwaden durchsetzt. Bei einer kleine Weggabelung halten die Wildhüter: Hier haben sich in der Morgendämmerung die Wege von Tiger und Bauer gekreuzt. Wir rekonstruieren die Szene, wie sie sich wohl abgespielt hat. Die Photos beeindrucken uns alle, vor allem beim Anblick der gewaltigen Trittspuren, wie auch den Nachtaufnahmen, die hier unweit vom «Tatort» einige Monate später gemacht wurden.
   
 
   
  Mit einem gemütlichen Picknick am Strassenrandverarbeiten wir den spannenden Morgen, bedanken uns schliesslich bei den sehr sympathischen Wildhütern und ziehen weiter Richtung «Little Switzerland», dem Hochtal von Bumthang. Noch lange erzählen unsere Mädchen während der Autofahrt vom Tigerangriff und auch bei ihnen schwankt die Geschichte zwischen Faszination und Ängsten.
   

   
   Bumthang. GNH I «Gross National Happiness», kurz GNH,ist zu einem bhutanesischen Schlagwort geworden, das mit buddhistischem Charme und philosophischem Potential eine internationale Ausstrahlung erlangt hat. Das Konzept ist sowohl Quintessenz eigenständiger Überzeugungen wie auch Aushängeschild standortbezogener Marketinstrategien. Die ursprünglich Idee wollte die rein ökonomische Formel des Bruttosozialproduktes mit dem des Bruttosozialglücks als prioritärer Wohlstandsmassstab ersetzen. Eine verlockende Idee, haben doch viele ökonomische Theorien nicht zum erhofften Glück geführt.
 
Wir stehen zwischen Wohnhaus und Stupaeines Bauern am Waldrand über Ura, einem ursprünglichen Bergdorf am Rande des Thrumsingla-Nationalparks. Er erzählt uns von Wildschweinen, Wachposten und Pilzen. Seine sanfte Entschlossenheit beeindruckt auch unsere Begleiter aus Thimpu. Er ist Präsident, der unlängst gegründeten Vereinigung der Pilzsammler. Der hier während der Monsunzeit spriessende Pilz, der Pine-Mushroom, hat ein gewissen Wohlstand und vermutlich auch ein wenig«Happiness» in die Gemeinde gebracht. Inzwischen ist die Gemeinde so gut organisiert, dass nur selten Konflikte entstehen. Mit strahlenden Augen erzählt der Pilzsammler-Präsident von seiner Familie und der Gemeinde, für die er sich jetzt selbstlos und unermüdlich engagiert. In seinem Garten ist eine Pilztrockner-Anlage installiert, die während der Regenzeit auf Hochtouren läuft. Vor allem die Japaner sind völlig verrückt nach diesem Pilz. Deshalb erzielt er für die hiesigen Verhältnisse traumhafte Preise. Die Verlockung des Reichtums hat schon manche Dorfgemeinschaft in Rivalitäten getrieben, nicht so in dieser Gemeinde mit 23 Haushalten. Alles wird zusammengelegt, Gewinne verteilt und wieder in die Dorfgemeinschaft investiert.
   
 
   
  Ich lasse mir die hiesige Wildtierproblematikvom «Chief-Pilzsammler» gründlich erklären, mache ein paar Vorschläge für Änderungen und Verbesserungen, bis sich schliesslich herausstellt, dass hier momentan eine besonders aggressive und aufsässige Wildsau das Hauptproblem ist. In der Schweiz wäre diese schon lange tot. In Bhutan werden die Tiere wegen dem buddhistisch begründeten Respekt vor dem Leben nicht getötet, auch wenn sie grossen Schaden anrichten. Meine Argumentation des präventiven Abschusses stösst jedoch nicht nur auf taube Ohren. So entsteht eine spannende Diskussion über Nutzenmaximierung, Happiness und kulturelle Überzeugungen. Jedes Nutz- und Wildtier hat hier eine spezifische mythologische Bedeutung, sodass unsere Kosten-Nutzen-Analysen ins Leere laufen.
   
 
   
  Die Bauern sind jedoch sehr offen,wenn es darum geht, die Dorfgemeinschaft irgendwie glücklicher zu machen. Deshalb könnte sogar ein präventiver Abschuss von speziellen Störefrieden als Beitrag zur «GNH» verstanden werden. Unsere Diskussionen dazu werden noch bis nächste Woche andauern, wenn ich nochmals den Landwirtschaftsminister treffe.
Auf dem Rückweg fahren wir an vereinzelten Licht-und Soundalarmanlagen vorbei, welche die wilden Eindringlinge von den Feldern vertreiben sollen. Ebenso fallen mir aber die überall präsenten Wandmalereien der «4 Freunde» auf: Elefant, Affe, Hase und Pfau, welche nur durch vereinte Kräfte die Früchte des «Happiness-Trees» erreichen. Die Bauern scheinen in ihrem Denken dieses Bild im Alltag so umzusetzen, dass wir in der Schweiz von solchem «Community-Geist» nur träumen können.
   

   
   Thimpu. Tierisch «Empfehlen Sie uns, dass wir nun die Tiere abschiessen sollen?»fragt mich ein Mitarbeiter des Landwirtschaftministeriums am Ende meines Vortrages zum Thema «Wildlife Conflict Management» in der Schweiz. Ein scheues Raunen geht durch die versammelte Runde. Gespannte Blicke fordern mich heraus. Ich bin nach den vergangenen zwei Wochen mit Besuchen bei Bauern, Wildhütern und Parkwächtern bestens für eine offene Antwort gerüstet.
 
Auf der Reise von Trongsa nach Thimpu durchquerenwir ein Gebiet mit nahezu alpinen Weiden so um die 3200 Metern über Meer. Allerdings sind die offenen Flächen mit einer Art Zwergbambus durchsetzt und die Weiden umgeben von ausgedehnten Nadelwäldern. Trotz der unterschiedlichen Vegetation gegenüber unseren Alpweiden, kommt beim Betrachten der gemütlich kauenden Yaks so etwas wie Vorfreude auf den bevorstehenden Sommer auf. Auch hier machen sich die Yakbauern in einem Monat auf, um in die höhergelegenen Sömmerungsgebiete zu ziehen. Die Halbnomaden zügeln jeweils mit dem ganzen Dorf in die Höhe. Nur die Ältesten und die Kinder bleiben zurück.
   
    
   
  Beim Nippen am salzigen Butterteeerzählen Vater und Sohn von ihrer Herde, den Leoparden, den Tigern und dem Sommerquartier. Die Yaks sind sehr anspruchslose und pflegeleichte Tiere. Die tiefe Produktivität stört die Bauern nur wenig, obwohl sie nicht mehr aus dem Staunen herauskommen, als ich von Ziegen erzähle, die 8 Liter Milch pro Tag geben können. Die hiesige Yakhaltung hat irgendwie etwas Folkloristisches, fliesst doch das Haupteinkommen der Yakhirten aus dem Sammeln der heiss begehrten «Cortyceps-Raupe», auch bekannt als chinesischer Raupenwurm mit vielfältigen Heilkräften. Die Yaks leben mehr von ihrer symbolischen Ausstrahlung, als von ihrem produktiven Beitrag für den Lebensunterhalt. Sie prägen aber nach wie vor das Leben der teilweise sesshaft gewordenen Nomaden im Hochland.
   
 
   
  Während unserer Reisewoche in Zentralbhutansind wir wenigen Schafen, vereinzelten Ziegen, viel lokalem Rindergemisch und sowohl Brown Swiss wie auch Jersey-Crossbreeds begegnet. Ziegen werden oft nur als Glücks- oder Schutztiere gehalten. Schafe werden vor allem wegen der Wolle gehütet und das magere Rindvieh macht in den meisten Fällen einen eher verwilderten Eindruck. Völlig andere Konsum- und Produktionsgewohnheiten als in unserer modernen Landwirtschaft erklären den eigenständigen Bezug zu Tieren. Auch bei der Nutztierhaltung ist der buddhistische Hintergrund prägend. So werden die Tiere nicht geschlachtet, sondern eher geopfert oder manchmal sogar der Natur überlassen, vielleicht zum Schmaus eines Schneeleoparden oder einer Bärenfamilie. Da das Töten eine schwere Sünde bedeutet, haben die Bhutanesen diese Übel exportiert. Meistens übernehmen muslimische Inder das blutige Handwerk. Trotz dieser Strategie sehe ich immer wieder getrocknetes Yakfleisch an Leinen aufgehängt oder auf dem Boden ausgebreitet. Diese Tiere können doch nicht alle aufgrund eines natürlichen Todes gestorben sein! Nach hartnäckigen Recherchen erfahre ich denn auch an einigen Orten, dass es Ausnahmen gibt und Tiere für den eigenen Verzehr geschlachtet werden.
   
 
   
  Der mittlere Weg des bhutanesischen Buddhismuslässt immer wieder Kompromisse zu und so wage ich denn auch die Diskussion unter den Kollegen aus Landwirtschaft und Umwelt zu lancieren, inwiefern kontrollierte Abschüsse von Wildtieren eine Lösung bei Konflikten sein könnten. Auf die oben gestellten Frage antworte ich jedoch mit zurückhaltender Vorsicht. Als jagdgewohnter Europäer kann ich nur vergleichen, wie wir Konflikte wahrnehmen, austragen und versuchen zu lösen. Der präventive Abschuss bei uns basiert eigentlich auf einer Rechtfertigung, die dem Buddhismus entspringen könnte: Schaden verhindern bedeutet Leiden verringern. Nie würde ich jedoch eine «licence to kill» ausstellen, in einer Gesellschaft, die durch das Verbot des Tötens einen Respekt gegenüber den Tieren geschaffen hat, von dem wir eigentlich nur lernen können.
   

   
   Thimpu.
   Highland Girl
Laya entspricht einem typischen Bergdorf im Himalaya,umgeben von Berggiganten, geprägt vom harten Leben im Gebirge, belebt von einem eigenständigen und hartköpfigen Bergvolk, den Laya-Nomaden. Laya ist der Hauptdrehort des neu erschienenen bhutanesischen Spielfilms «The Highland Girl». Voller Emotionen blicke ich mit den 300 geladenen Gästen auf die riesige Leinwand des Thorwa-Theaters in Thimpu. Ich sitze auf der Ehrentribune direkt hinter Königsfamilie und Ministern. Der Film erzählt die Liebesgeschichte eines Paars, das durch Hinterlist getrennt wird, indem das Mädchen in die Grossstadt gelockt wird. Die anfängliche Faszination der Hauptstadt wird bald zum Albtraum und so verläuft die Geschichte tragisch, bis sie schliesslich doch noch in einem Happy-End mündet, natürlich auf den Weiden des wildromantischen Tales der «Layas».
   
 
   
  Zur Eröffnung des Fonds für «Human Wildlife Conflict Management»ist eine bunte Schar von Staatsangestellten, NGO's, Medienleuten und einigen wenigen ausländischen Gästen zusammengekommen. Was für diesen Fond den Startschuss bedeutet, steht als symbolischen Schlusspunkt für unseren Know-how-Exchange der vergangenen Wochen. Das Thema hat hier einen weit grösseren «Impact» als bei uns, da die 65 % der Bevölkerung, die ausschliesslich von der Landwirtschaft leben, fast alle irgendwie davon betroffen sind. Entsprechend gross ist das Interesse am heutigen Anlass. Für mich ist es eine gute Gelegenheit, viele Leute, die ich getroffen habe, noch einmal zu sehen. Innerhalb von einem Monat, bin ich in rasantem Tempo in die bhutanesische Eigenarten eingetaucht. Vielleicht sind deshalb die 2 1/2 Stunden Herzschmerz der Liebesgeschichte aus Laya so schnell vorbei. Vielleicht vermisse ich auch deswegen die Untertitel nicht, da mir die Leute, das Land und die Kultur inzwischen so vertraut sind, dass Vieles ohne Worte verständlich erscheint.
 
Will Bhutan seine ehrgeizige Strategie zu Eindämmung der Wildtierschädenin der Landwirtschaft umsetzen, braucht es in den nächsten Jahren Ressourcen, die momentan fehlen. Deshalb ist der Zeitpunkt optimal gewählt, eine grossangelegte Geldsuche zu starten. Nur Zufall war deshalb mein Besuch nicht, da das Anliegen besonders auch dem zuständigen Minister, einem ehemaligen Hirtenbub, am Herzen liegt.
   
 
   
  Der sozialpolitische Hintergrund der Leinwandgeschichtesteht ganz im Zeichen der heutigen Stadt-Land-Dynamik Bhutans. Die Entvölkerung der sonst schon wenig besiedelten, entlegenen Gebiete schreitet voran, trotz staatlicher Massnahmen, die dagegen wirken sollen. Deshalb stehen schon neu errichtete Schulhäuser in den überalterten Dörfern fast leer und Thimpu erlebt einen beispiellosen Wachstumsschub. Die sehr schwierigen Produktionsbedingungen für die Landwirtschaft beflügeln den Grossstadttraum der bhutanesischen Jugend. Die Landwirtschaft verkommt neben Wasserkraft, Tourismus zu einer Folklorebranche, die arbeitsintensiv und wenig lukrativ wenig Zukunft verspricht. Der Druck der Wildtiere auf die verbliebenen landwirtschaftlichen Flächen hat schon manchen Bauern zum Nachdenken nach alternativen Einkommensquellen inspiriert. Aus diesem Grund spielt das «Wildlife Conflict Management» eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Landflucht. Gelingt es, griffige Schutzmassnahmen gezielt und möglichst billig umzusetzen, könnte vielleicht die Tendenz der Abwanderung gebremst werden.
   
 
   
  Am Abend sitzen wir mit den geladenen Gästender Eröffnungsfeier um ein grosses Lagerfeuer. Die Bergluft kühlt ab. Sanft wachen die Bergriesen über dem Tal. Hundegebell, Feuerknistern und bhutanesische Volksmusik vermischen sich mit schmunzelnden Gesichtern und ernsthaften Diskussionen. Die leichte Brise bringt Alpluft aus dem Norden. Die Nomaden sind teilweise bereits höher gezogen, obwohl das Gras noch sehr kurz ist. Die Frühlingsluft deutet aber unmissverständlich darauf hin: Der nächste Alpsommer kommt bestimmt und auch das «Highland-Girl» zieht es unwiderstehlich wieder in die Höhe.
   

   
  Wer den gesamten Blog von Daniel Mettler live verfolgen will, klicke auf: http://4girlsand1oergelitrip.blogspot.com/
 
   
   
   
 
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