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  Hier im Ausland
Erscheinungsdatum
Juli 2011

Jede dritte Älplerin, jeder dritte Älpler kommt zur Alp über die Grenze – schätzungsweise, denn
genaue Zahlen gibt es nicht. Sechs von ihnen erzählen hier von ihren Erfahrungen mit den Schweizern und der Schweizer Alpwirtschaft.
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Interviews und Bilder:
Giorgio Hösli
Silvia Weißengruber
  Silvia Weißengruber, Studentin, 27, aus Graz, Österreich
1. Alpsommer, bei Fam. Vreni und Hans Riedi
auf Alp Seenalp, Hürital, Korporation Uri
Rinder, 13 Milchkühe, Schafe, insgesamt 118 Stösse, Sennerei
 
Ich brauche nur inne zu halten und zu hören, zu riechen, zu sehen, zu fühlen. Der Schatten des Adlers, das ist ein Wahnsinn, die Stimmung, wenn der Adler drüberfliegt – wooow!
Das ist so Irre!!
 
Wie bist du zur Alp gekommen?
Über die zalp und dann per Telefon. Es war der Palmsonntag. Ich sagte, ich bin die Silvia, Entschuldigung für die österliche Störung. Hans war am Telefon, ich hab gesagt, ich sei aus Österreich, da hat er grad umgeschaltet und kein Schwiizertütsch geredet. Die sind das gewohnt, haben schon diverse Helfer aus verschiedenen Regionen auf dem Hof gehabt. Das merkt man.
Du warst gerade Duzis?
Ich habe mich gleich mit Silvia vorgestellt. Es war von Anfang so eine Willkommenheit durchs Telefon spürbar. Sie haben ja gewusst, dass Leute anrufen, auf das Inserat in der zalp. Hans hat sofort den Tagesablauf erklärt. Es ist dann total geflossen.
Hans hat mich dann zurückgerufen. Hat gemeint, das kostet doch viel, aus Österreich telefonieren. Wir haben aber schon eine halbe Stunde miteinander geschwatzt. Es war echt der Wahnsinn, wie wir gerade von der Alp zu persönlicheren Themen gekommen sind, auf Dinge, die uns wichtig sind im Leben. Wir haben über «Pfüeti Gott» und «Grüess di Gott» gesprochen. Meine Mitbewohner haben mir einen Sessel geholt.
Ich habe eine Freundin in Graubünden, die einen Bauern geheiratet hat. Sie meinte, es dauere sonst ein halbes Jahr, bis die Schweizer Bauern den Mund aufmachen.
War dir von Anfang an klar, dass du bei Riedis arbeiten wolltest?
Ich habe noch mit anderen telefoniert, aber nach dem Telefonat mit Hans bin ich vor die Türe, habe durchgeatmet und mich gefragt: Soll ich noch andere anrufen? Weil, es hat sooo gepasst.
Mit dem Besuch wollte ich mich etwas absichern. Ich hätte noch zwei andere Stellen gehabt, schon gleich mit Vertrag und so.
Wieso? Hast du Landwirtschaftserfahrung? Kannst du melken?
Es war halt voll spät, Mitte April, die haben halt Not gehabt. Nehmen was kommt. Ich war letzten Sommer für zwei Wochen auf der Alp. Und schon seit Ewigkeiten draussen, ich bin zäch…
Ja gut, aber das sagen alle…
Keine Ahnung, wahrscheinlich hats bei mir gut geklungen… Ich leg viel Wert auf Ehrlichkeit und das spürt man vielleicht, dass ich keinen Blödsinn erzählen werd.
Würdest du eine Stelle auf Telefonanruf hin sofort annehmen?
Nein, das ist mir komisch vorgekommen, als andere gleich einen Vertrag machen wollten.
Was ist der Grund, dass du in der Schweiz auf die Alp gehst?
Ich wollte schon immer mal auf die Alp. Bin voll glücklich damit. Hier in der Schweiz geht es ums Käsen, geht es ums Hirten. In Österreich viel mehr ums Bewirten. Da sind die Kühe eher Kulisse. Ich will das, wo ich jetzt bin.
Wie kommen dir die Schweizer vor?
Was soll ich da sagen, ich sehe ja nur einen kleinen Teil der Schweiz. Ich bin ja per Autostop gekommen, das war wirklich erstaunlich, sowas von freundlich und hilfsbereit, quer durch die Schweiz, sowas von freundlich.
Und das waren wirklich alles Schweizer?
Das waren alles Schweizer. Und jetzt bin ich da in einer ziemlich herzlichen Familie.
Du bist hier als Mensch, als Hilfe, nicht als Arbeitskraft?
Ja, total. Das hat auch der Hans gesagt, he, wir wohnen da zusammen, leben da zusammen und da geht es auch darum, dass wir uns auseinandersetzen, interessante Gespräche führen können. Das ist Hans extrem wichtig.
Das ist viel, das ist nicht überall so.
Ich habe schon das Gefühl hier eine soziale Rolle, einfach als Mensch zu haben. Ich bin irrsinnig dankbar für die Erfahrungen, die ich hier mache. Zum Beispiel, wie die Kuh ihren Kopf auf meine Schultern legt und mir ins Ohr schlatzt (lacht). Ich gehe eigentlich jeden Tag mit einer ziemlichen Dankbarkeit und Freude ins Bett. Wenn ich draussen bin, beim Zäunen, und aufschaue zu den Felsen, wie die Felsen von der Zeit erzählen, das ist so irre. Dass ich nicht viel Aufwand betreiben muss, um zu Hause zu sein. Ich brauche nur inne zu halten und zu hören, zu riechen, zu sehen, zu fühlen. Der Schatten des Adlers, das ist ein Wahnsinn, die Stimmung, wenn der Adler drüberfliegt – wooow! Das ist so Irre!! Das ist einfach nur scheen.
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Marc Leyens und Thorsten Bodarwé
  Marc Leyens, Postbeamter, 45 aus Eupen, Belgien und
Thorsten Bodarwé, Postbeamter, 31 aus Eupen, Belgien
zusammen seit 23 Jahren auf Schweizer Alpen
auf Alp Dreher/Lasa in Valens SG, 54 Milchkühe, Sennerei
 
Früher hab ich gesagt, das ist alles so traditionalistisch, so bünzlig, aber mittlerweile seh ich ein, das ist eben Tradition und ich habe das Glück, diese Tradition fortführen zu dürfen, obwohl ich ja eigentlich gar nichts damit zu tun habe.
 
Wie habt ihr eure Alpstelle gefunden?
Natürlich über die zalp. Die kennt ihr ja.
Verständigt ihr euch mit den Bauern auf deutsch?
Marc: Ja, das ist hier überhaupt kein Problem. Die Bäuerin auf der Alp Jenaz, das war höllisch: «Gehst a ui o gehst ai?» «Äääh? Das hab ich nicht verstanden.» «Gehst ui oh ai?» Ich verstand es immer noch nicht, und irgendwann sagt sie dann «Uffi.» Und ich sag: «Aha, ja, uffi.» Und sie: «Nee, nee. Ai.» Aber mit der Zeit klappt das schon. Früher fand ich das Schwyzerdüütsch schrecklich, aber mittlerweile find ich es einfach lustig.
Einmal sagte der Alpmeister zu mir: «Da nimmst du einen Kessel Salz.» Ich ging in die Küche, nahm einen Kessel, tat Salz rein und dann fragte ich: «Wieso kann ich keinen Eimer nehmen?» Er rief: «Das ist doch kein Kessel, das ist eine Pfanne.»
Seid ihr für das Anstellungsgespräch in die Schweiz gekommen?
Marc: Ja, wir sind im Dezember in der Schweiz gewesen. Das waren drei Alpen, die ich mir ausgesucht hatte. Eine im Berner Oberland, die bezahlte so schlecht, da hab ich gesagt, «Na hör mal, ich hab 'ne Familie zu ernähren. Ich muss zumindest das verdienen, was ich in Belgien verdienen würde, auch wenn ich die doppelte Stundenzahl arbeite. Ich würde es gerne gratis machen, aber das geht nicht.» Und dann haben mir die von Alp Naul zugesagt und tags darauf abgesagt. Da war ich stinkig. Das ist nicht okay. Soll ich das mal beim Alp meister machen, dass ich am letzten Tag sage, ich hab es mir doch anders überlegt? Ein Wort ist ein Wort, das ist mehr als eine Unterschrift.
Warst du schon in anderen Ländern auf der Alp?
Marc: Ich war immer in der Schweiz.
In Belgien gibt es keine Alpen?
Thorsten: Nein. Die höchste Erhebung ist 700 Meter über Meer.
Wie kommen euch die Schweizer vor?
Thorsten: Ich finde die alle nett.
Marc: Früher hab ich gesagt, das sind alles Spiesser, die deutschsprachigen Schweizer. Aber mittlerweile erkenne ich: Das Land funktioniert, und es funktioniert besser als die meisten anderen Länder. Davor hab ich Respekt bekommen. Viele Schweizer sind einfach ehrliche Leute. Und wenn man ehrlich miteinander ist, da kann man wirklich etwas drauf aufbauen. Oft waren meine Alpmeister keine Arbeitgeber, das waren Freunde. Und was gibt es Schöneres als für deine Freunde zu arbeiten?
Schauen die Bauern, dass ihr es gut habt?
Thorsten: Jetzt sind wir seit einer Woche hier und jedesmal wenn jemand kommt haben sie eine Kleinigkeit dabei. Kuchen oder Salat oder Kirschen oder irgendwas. Das ist doch schön.
Könnt ihr jassen?
Thorsten: Was ist das?
Marc: So ein Schweizer Kartenspiel. Nee, das kann ich nicht.
Weisst du was der 1. August ist?
Thorsten: Feiertag hier in der Schweiz. Nationalfeiertag, meine ich. Wo die Feuer immer auf den Bergen sind.
Habt ihr Schweizer Traditionen angenommen?
Marc: Früher hab ich gesagt, das ist alles so traditionalistisch, so bünzlig, aber mittlerweile seh ich ein, das ist eben Tradition und ich habe das Glück, diese Tradition fortführen zu dürfen, obwohl ich ja eigentlich gar nichts damit zu tun habe.
Interessieren sich die Bauern für eure Traditionen?
Thorsten: Haben wir denn Traditionen?
Marc: Ja sicher haben wir Traditionen. Karneval, äh... Biertrinken, Bierbrauen... was weiss ich.
Finden Touristen das lässig, dass da Belgier auf der Alp sind?
Die finden das lustig. Die meisten Touristen wollen auf der Alp Käse essen, Glocken hören, den Kupferkessel sehen, den Käsekeller riechen.
Kommen euch Freunde aus Belgien besuchen?
Thorsten: Sechzig, siebzig Leute hatten wir vor zwei Jahren.
Telefoniert ihr oft nach Hause?
Marc: Jeden Tag. Thorsten: Täglich. Also ich ruf massig Leute an. Ich hab heuer schon 45 Schweizer Franken vertelefoniert auf die zwei Wochen. Ich telefonier täglich mit meiner Freundin.
Und hält eure Beziehung bis in den Herbst?
Thorsten: Ach, auf jeden Fall. Ich bin schon sechs Jahre mit ihr zusammen. Am 15. September fahr ich nach Hause, da hab ich dann einen Junggesellenabschied, und am 20. September fliegen wir nach Las Vegas für acht Tage und da heiraten wir.
Das ist ja dann voll die Wüste.
Thorsten: Das ist mitten in der Wüste, ja ja. Und voll amerikanisch, und Spielcasinos überall... Dann lass ich mich tätowieren mit meiner Freundin hier (zeigt auf seinen Arm), also «Las Vegas» mit dem Datum. Ja, das wird schon lustig, echter Kulturschock: Erst nach Hause, Polterabend, und dann ab nach Las Vegas. Ohwei ohwei ohwei.
Wo könntet ihr euch vorstellen dass es Probleme gibt mit den Schweizer Bauern, dadurch dass ihr Ausländer seid?
Marc: Wenn die mal erkannt haben, der will gute Arbeit leisten, dann geht das. Drei Sachen sind wichtig, im Leben wie auf der Alp: Kommunikation, Kooperation und Koordination.
Die Bauern müssen schon mitmachen wollen. Man kann das ja ein bisschen beschleunigen. Wenn du sagst, «Wenn du das nicht tust, dann geh ich.» Glaub mir, da legen die meisten Alp meister einen Zahn zu. Ich hätte schneller eine neue Stelle gefunden als er einen neuen Senn. Mittlerweile sind sie sich dessen bewusst, das merkt man.
(Das Handy läutet.) Marc: Hallo Mama!
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Andrzej Szpinda
  Andrzej Szpinda, Werbetafelmonteur, 30, aus Gliwice,
Polen, den 5. Sommer auf Schweizer Alpen
auf Alp Nüenhütten bei Irene und Hansruedi Lütschg
ob Schwanden GL, Kühe, Rinder und 5 Ziegen
 
Ich habe die Berge sehr gerne und für mich ist es eine schöne Arbeit. Schau nur aus dem Fenster, sehr schön.
 
Zwanzig Stunden Busfahrt, dann ist Andrzej hier in der Schweiz, zur Alp Nüenhütten ist es dann ein Katzensprung. Andrzej war schon vier Sommer auf einer Nachbarsalp mit viel Vieh, da waren seine Kinder noch klein. Keine einfache Situation, aber eine gute Möglichkeit etwas Geld zu verdienen und mit einem gefreuten Portemonnaie nach Polen heimzukehren. Mittlerweile sind die Kinder grösser, Polen in der EU, die Arbeitsbedingungen immer noch schlecht, die Arbeitsaussichten gering. «Mein Chef hat mich nicht mehr bezahlt, aber ich kann nicht arbeiten ohne Lohn», erzählt Andrzej.
Also surfte er durch die Inserate auf der zalp.ch und als er das Inserat der Lütschgs sah, mailte er sofort. Sein älterer Bruder arbeitete früher beim Vater von Hansruedi Lütschg auf der Alp, dadurch war ihm die Familie bekannt. Ein Telefon genügte, die Sache war abgemacht. «Ringer hätten wir es nicht haben können, jemanden zu finden, wir kennen ihn, er hat Erfahrung, kennt die Alparbeit», sagt Irene.
Andrzej brauchte kein Visum mehr wie damals, als er über Agrimpuls das erste Mal auf die Alp kam. Vier Formulare hätte es dann aber doch gebraucht, wie Irene erklärt, und auf der Gemeinde musste sie ihren Arbeitnehmer vorführen, damit sichergestellt werden konnte: Andrzej ist physisch hier, nicht nur auf dem Papier.
Selber würde Andrzej nicht andere Polen herholen. «Das mache ich nicht. Wenn sie kommen und dann nicht gut arbeiten, dann bin ich schuld. Nein, nein. Diese Arbeit ist nicht für jedermann. Sicher, viele fragen, aber…»
Normalerweise arbeiten Polen auf Gemüsebetrieben, machen Erntearbeit. «Das ist immer dieselbe Arbeit, das habe ich noch nicht probiert.» «Das musst du auch nicht, hier ist es besser», meint Hansruedi. Die Älplerfamilie und Andrzej scheinen sich gut zu verstehen. «Chef ist okay, muss einmal erklären, dann gehts», sagt Andrzej, der etwas gebrochen, aber verständlich deutsch spricht. Und Hansruedi ist froh einen gelehrigen und gschaffigen Knecht auf der Alp zu haben.
Andrzej sagt: «Ich habe die Berge sehr gerne und für mich ist es eine schöne Arbeit. Schau nur aus dem Fenster, sehr schön.» Und die Familie, vermisst du sie nicht? «Jetzt ist erst ein Monat, das geht gut, vielleicht gegen den Herbst...» Gefällt dir die kleinere Alp? «Kleinere Alp ist schon besser, aber Arbeit hat es auch bis es dunkel ist.» Kochst du polnisch? «Nein, polnisches Essen ist wie hier, Würste bräteln ist nicht schwierig.» Kannst du jassen? «Jassen?» Andrzej verblüfft: «Wir spielen nicht auf der Alp.» Hansruedi meint aber, das müsse er noch lernen, sein Bruder habe es auch lernen müssen. Und das Aufstehen in der Frühe? «In Polen, wir stehen auch auf. Schlafen nicht den ganzen Tag. Das ist nicht Problem, bis jetzt ist kein Problem, glaube ich…»
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Chinedu Jyke Eme
  Chinedu Jyke Eme, Textilhändler, 41, aus Nigeria
den 1. Sommer auf der Alp
bei Annemarie und Paul Peterer auf Alp Mittlere Bommen AI 19 Kühe und ein paar Rinder, Gastronomie
 
Machte ein paar Fotos, die er nach Hause schickte, seiner Frau und seinen zwei Kindern. Eme vor Alphüttli und Alpstein, im Hintergrund eine Kuh am Weiden. «This is me, this is where I work.»
 
Seit drei Jahren ist Eme, so wird er hier einfacherweise genannt, in der Schweiz, zurzeit stationiert im Asylantenheim in Appenzell. Damals aus Nigeria geflüchtet, weil er Christ ist und von den Moslems attackiert wurde. Aber er spricht nicht gerne über seine Flucht, hat dies möglicherweise genügend oft beim Schweizer Asylwesen schon tun müssen.
Jetzt ist er hier, im tiefen Appenzell, auf einer Alp gelandet, weil er Arbeit suchte, sich gerne integrieren möchte. Etwas Abstand vom Asylantenheim, dort im Dorfe Appenzell, wo ihn die Leute mit Angst in den Augen anschauen, so, wie er anfänglich den Kühen in die Augen schaute. Aber mittlerweile ist die Angst vor den Kühen weg. «I'm happy to be here, it's an experience.» Und er dankt Gott, eine Arbeit gefunden zu haben.
Paul Peterer sagte ein Älpler aus dem Allgäu kurz vor Alpbeginn ab. Eme arbeitete auf der nahe liegenden touristischen Meglisalp. Aber das Wetter tropfte, die Wanderer blieben dem Alpstein fern, es gab zu wenig Arbeit für ihn. «People are'nt coming, because of the weather.» So packte Paul die Gelegenheit und zusätzlich Eme, liess vom Landwirtschaftsamt einen Arbeitsvertrag erstellen, schleifte sich und Eme an Gemeindeämtern vorbei und nun ist Eme auf Alp Mittlere Bommen.
Etwas baff war er schon beim Anblick der Alp. Machte ein paar Fotos, die er nach Hause schickte, seiner Frau und seinen zwei Kindern. Eme vor Alphüttli und Alpstein, im Hintergrund eine Kuh am Weiden. «This is me, this is where I work.» Für viele Touristen wird der Schwarze auf Bommen eine Überraschung sein, für manche Bauern ein Kopfschütteln. Im Asylantenheim geht keiner einen Schwarzen schauen, auf der Alp Mittlere Bommen diesen Sommer schon.
Eme ist auf Bommen das Mädchen für alles: Stall misten, Kälber tränken, Käsen helfen, Käse schmieren, abwaschen und was sonst noch alles anfällt auf der Alp mit kleiner Gastronomie. Paul zeigt uns den Arbeitsvertrag. Alles bestens, alles schön aufgelistet an Rechten und Pflichten und Verdien- und Zahlbarem. Eme kann ihn nicht lesen, aber unterschreiben schon. Paul meint: «Eine rassige Unterschrift.»
Die Verständigung zwischen den Bauern und Eme findet über Brocken statt, Brocken von Deutsch und Brocken von Englisch, der Rest wird über die Augen und mit Gesten geregelt. Paul meint, ans Englische könne man sich gewöhnen, Englisch sei eine leichte Sprache, wenn man vergleiche mit dem Chinesisch.
Paul und Annemarie haben ein gutes Gefühl, Eme sei kein Fauler, nicht der Schnellste, aber sehr zuverlässig. «Wir schauen ihm schon gut. Gell Eme, eine kleine Pause machen wir manchmal», meint Annemarie.
Eme fühlt sich bei Paul und Annemarie Peterer wie als Sohn aufgenommen. Mittlerweile hätte er ein längerfristiges Job-Angebot in Rorschach, aber er will nicht, jetzt ist er hier. Noch ist die Alpzeit jung und auch Gott bleibt nicht immer bei seinen anfänglichen Ideen. Aber Eme hat für drei Monate einen guten Platz gefunden.
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Johanna Glas
  Johanna Glas, Krankenschwester, 55 aus Teisendorf, DE, seit 16 Jahren auf Schweizer Alpen
auf Alp Vanescha im Lugnez GR, 166 Rinder und Mutterkühe mit Kälbern
 
Erstens mal die Höhe, die Alp muss abgelegen sein, ich mag keine Gastronomie, möglichst keine Touristen. Das ist in Bayern nicht so. Und die Alpen sind grösser hier. Und ganz wichtig: In Bayern bist du Dienstbote, sowas wie Magd, Knecht. Wenn du hier was leistest auf der Alp, dann bist du sehr angesehen.
 
Wie war das Gefühl, als du hier auf die Alp fuhrst?
Alpfieber einfach. Da war vorher schon diese Vorfreude und dann ist man endlich da. Hauptsächlich gehe ich aus Freude auf die Alp, es ist etwas wie Lampenfieber.
Wie lange gehst du noch?
Wenn ich das wüsste. Ich habe mir schon immer gedacht, es muss mal eine Alternative zur Alp her, aber es fällt mir wirklich nichts ein, was eine Alternative zur Alp ist.
Ist das für dich wie eine Heimat?
Heimat habe ich nur eine, das ist Oberbayern. Wenn ich in die Schweiz komme, komme ich heim, aber nicht direkt in die Heimat. Als Fremde habe ich mich hier nie gefühlt.
Ich komme ja nicht aus der Landwirtschaft, da habe ich anfangs halt Fehler gemacht, und die Fehler werden dir aufs Butterbrot geschmiert und nicht zum Guten ausgelegt. Ich war in vielen Sachen naiv und hatte keine Ahnung. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass es deswegen war, weil ich Deutsche bin.
Ich war zuerst in GR auf der Alp, dann in der Innerschweiz, die haben mich schon immer etwas misstrauisch angeschaut. Als würden sie mir nicht soviel zutrauen. Je mehr Erfahrung ich hab, je mehr Selbstsicherheit ich habe, desto mehr werde ich jetzt auch akzeptiert.
Ich bin ziemlich grün, das kommt bei den Bauern nicht immer gut an.
Redest du mit den Bauern über Ökologie?
Ja schon, klar. Die hören mir schon zu. Aber das heisst nicht, dass ich mich durchsetzen kann.
Warum alpst du in der Schweiz?
Erstens mal die Höhe, die Alp muss abgelegen sein, ich mag keine Gastronomie, möglichst keine Touristen. Das ist in Bayern nicht so. Und die Alpen sind grösser hier. Und ganz wichtig: In Bayern bist du Dienstbote, sowas wie Magd, Knecht. Wenn du hier was leistest auf der Alp, dann bist du sehr angesehen.
Lohn ist keine Frage?
Der Lohn spielt schon eine Rolle, aber der Unterscheid ist nicht mehr so wichtig, weil der Euro schwächelt. Viele Bauern bevorzugen Anfänger, weil sie billiger sind. Die Berge in der Schweiz sind grösser, weiter, du hast viel mehr Platz. Und bei uns sind die Bauern bünzliger.
Manchmal kommen mir die Bauern hier aber auch bünzlig vor.
Naja, du bist Schweizer. Du hast vielleicht nicht so den Vergleich.
Es gibt das Klischee, dass die Deutschen geradliniger, härter kommunizieren.
Ja, Bauern kommunizieren nie geradlinig. Das ist aber egal, ob in der Schweiz oder in Deutschland.
Gibt es einen Kulturaustausch?
Nicht gross.
Keine Edelweisshemden, Alphorn, Jassen?
Nein.
Schweizer Volksmusik?
Doch! Da hab ich eine CD zu Hause. Von irgend so einem Jodlerchörli.
Also wenig Kulturaustausch?
Ich bin eher etwas eigenbrötlerisch. In der Innerschweiz war ich schon mal an einem Fest, da gabs Wettholzspalten, Fahnenschwingen, Alphornblasen, an einem Schwingerfest war ich schon zweimal. Volksmusikabend. Ich bin aber nicht bestrebt mich hier richtig einzubringen, das mache ich zu Hause auch nicht. Ich lebe mein Leben hier.
Weisst du eine Anekdote aus deiner Alpzeit?
(Überlegt lange.) Nein. Ich denk mal drüber nach. Vielleicht einen Tipp an die deutschen Älplerinnen: Lasst die Finger von den Schweizer Bauern!
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