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  Ruhestand für ausgediente Kühe
Erscheinungsdatum
Dezember 2011

Kühe können gegen 25 Jahre alt werden. Ihr Durchschnittsalter beträgt aber nur circa 6 bis 7 Jahre. Sie werden dann geschlachtet, weil sie nicht mehr rentieren. Einige Auserwählte dürfen ihren Lebensabend auf «Viva la vacca»-Höfen verbringen.
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Text und Bild:
Deborah Berweger
LID

 

 
 
 
 
 
 
 
 
Paul Burri und Tochter Eliane werden ihre Lieblingskuh «Strebe» auf einen «Viva la vacca»-Hof bringen.

Eliane Burri mit Strebe
   
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«Strebe» rentiert nicht mehr. Seit letztem Jahr ist sie nicht mehr trächtig geworden. 15 Kälbern hat sie bereits das Leben geschenkt. Mit ihrer Schönheit – den geschwungenen Hörnern, einem geraden Rücken und ihrem grau-glänzenden Fell – hat sie an mehreren Ausstellungen Menschen beeindruckt. Sie sei eine ganz besondere Kuh, sagt Mutterkuhhalter Paul Burri aus dem bernischen Lohnstorf. Nicht nur wegen ihrer Anmut und ihrer aussergewöhnlich hohen Leistung. Er habe noch nie einen Tierarzt für «Strebe» auf den Hof bestellen müssen. Zudem habe die Kuh einen gutmütigen Charakter: Sie lasse sich ohne Halfter führen, strecke ihm, wenn er in den Stall komme, neugierig den Kopf entgegen und lasse sich gerne streicheln. Wäre es nicht «Strebe», hätte Paul Burri die Kuh schon letztes Jahr schlachten lassen. Das Ausmachen eines Schlachttermins schob er jedoch vor sich her. Fest stand für ihn, dass er «Strebe» auf ihrem letzten Weg begleiten würde. Er hätte sie selber zum Schlachthof transportiert und dafür gesorgt, dass sie als erste den tödlichen Schuss erhalten würde.
Tochter Eliane hat Paul Burri jedoch wieder von seiner Idee abgebracht. «Wenn du ‹›Strebe› schlachten lässt, helfe ich dir an Wochenenden nicht mehr aus», drohte sie. Die junge Studentin hat die Kuh wegen ihrer gutmütigen Art in ihr Herz geschlossen. Sie sorgt etwa dafür, dass «Strebe» an ihrem Geburtstag im Februar jeweils etwas Leckeres erhält.

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Leben, ohne zu leisten

 

  
«Strebe» weiter auf dem Hof zu halten, kam für Paul Burri nicht in Frage. Sie muss ihren Platz einer rentablen Kuh freigeben. Auf der Suche nach einer Lösung stiess Paul Burri auf das Projekt «Viva la vacca». Es ermöglicht Landwirten oder anderen Tierfreunden, die eine spezielle Beziehung zu einem Tier aufgebaut haben, dieses in Pension zu geben. Solche «Altersheime für Kühe» gibt es in der Schweiz seit 10 Jahren. Den Ausschlag für die Gründung gab ein Lehrer, der verzweifelt einen Platz für «Kassja» suchte. Er kaufte die Kuh einem Bauern ab, nachdem er erfahren hatte, dass sie geschlachtet werden sollte. Schliesslich gelangte er an den Tierschutzverein Bischofszell- Weinfelden und Umgebung. Präsident Reinhold Zepf unterstützte ihn bei der Suche nach einem Bauern, der die Kuh aufnehmen würde. Der Lehrer versprach im Gegenzug, bis zu «Kassjas» Lebensende für sie aufzukommen. Inzwischen ist das Projekt gewachsen: 42 Kühe und ein Ochse leben bereits auf vier «Viva la vacca» -Höfen verteilt.
Neu kommt «Strebe» hinzu. Paul Burri verzichtet auf den Schlachtpreis von 1'400 Franken, den er für die mit 19 Jahren bereits sehr alte Kuh erhalten würde. Dieses Wochenende wird er sie auf einem Hof ins St. Gallische Wittenbach bringen. Dort muss sie keine Leistung mehr erbringen, weder Kälber auf die Welt bringen, noch Milch geben. Ihre Tage wird sie grösstenteils auf der Weide verbringen. Möglich ist dies nur, weil Tierfreunde das Projekt unterstützen. 200 Franken pro Monat kostet eine Patenschaft. Selber für «Strebe» aufzukommen, ginge Paul Burri zu weit.
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Der Prämienzahler


 

  
Einer, der eine Patenschaft übernommen hat, ist Markus Bosshard aus Geroldswil. Einmal pro Monat besucht er seinen «Leo» auf einem Bauernhof in Rudenwil im Kanton Thurgau. Wenn «Leo» auf der Weide grast, setzt er sich zu ihm hin, spricht ihm gut zu und streichelt ihn zwischen den Hörnern. Markus Bosshard kaufte ihn einem Bauern ab, nachdem er im Lokalfernsehen einen Beitrag über «Leo» gesehen hatte. Dieser handelte von der Flucht des Tieres, als es in den Transporter zum Schlachthof einsteigen sollte. Es rannte rund 10 Kilometer weit und konnte schliesslich völlig verschwitzt auf einer Autobahn wieder eingefangen werden. «Ich habe grosses Mitleid für ‹Leo› empfunden und wollte, dass sein Mut zur Freiheit belohnt wird», sagt Markus Bosshard. Dem Präsidenten des Projekts «Viva la vacca» habe er versichert, während Leos ganzen Lebens für seinen Unterhalt aufzukommen und hat als Zeichen dafür eine Anzahlung von 15'000 Franken geleistet, bevor er seinen Schützling auf den Hof gebracht habe. Markus Bossard rechnet damit, dass er bis zu «Leos» Lebensende 60'000 Franken aufwenden wird. «Das Geld spielt für mich keine Rolle, es war ein Herzensentscheid», sagt er heute, ein Jahr später. Für ihn stellt die Patenschaft eine Möglichkeit dar, sich aktiv für die Tierrechte einzusetzen. Markus Bosshard ist Veganer und verzichtet somit auf Fleisch, Milch, Eier oder andere Tierprodukte. Kühe würden in unserer Gesellschaft wie Ware behandelt, findet er: «Sie werden von A bis Z ausgenutzt.» Solange sie eine Leistung bringen, dürfen sie leben. Sobald die Kostenrechnung nicht mehr aufgeht, werden sie geschlachtet und dann kommt ihr Fleisch auf den Teller.


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Markus Bossard zahlt monatlich 200 Franken, damit «Leo» auf einem «Viva la vacca»- Hof leben darf.

Markus Bossard mit Leo
   
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Die letzte Stunde


 

  
«Strebe» und «Leo» werden einmal eines natürlichen Todes sterben oder eingeschläfert werden. Landwirt Paul Burri kann nicht nachvollziehen, warum man ein gesundes Tier schliesslich nicht doch durch einen gezielten Schuss tötet. «Dann könnte man das Fleisch noch nutzen», sagt er. Für ihn bleibt «Strebe» ein Nutztier, obwohl er sie lieber hat als alle anderen Kühe im Stall. Für Markus Bossard wäre eine Erschiessung undenkbar. «Wer ein Tier liebt, bringt so etwas nicht übers Herz», sagt er. So unterschiedlich die beiden auch denken: Fest steht, dass «Strebe» und «Leo» ein aussergewöhnliches Privileg erhalten haben: Sie dürfen weiterleben, ohne weitere Leistung erbringen zu müssen. Stattdessen leisten nun Menschen etwas für sie.

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Der Beitrag stammt vom Mediendienst des Landwirtschaftlichen Informationsdienstes LID: www.lid.ch
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