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Erscheinungsdatum
April 2012

Anfangs April kommt der neue Film «Alpsegen» von Bruno Moll in die Kinos. Vier Älpler und eine Älplerin berichten darin über ihre Ansichten zur Religion, zum Alpleben, ihre Beziehung zur Natur. Und sie suchen nach Worten, um zu erklären, warum sie den Alpsegen rufen.
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Das Interview mit Regisseur Bruno Moll führte Giorgio Hösli

Die Bilder wurden direkt ab der Leinwand fotografiert

der Frühling ruft

 
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zalp: Hast du den fertigen Film zusammen mit den Älplern angeschaut?
Bruno Moll: Ja klar. Sie waren begeistert. Es ist natürlich überwältigend, wenn man sich plötzlich auf einer grossen Leinwand sieht. Für mich ist wichtig, dass sie sich erkennen. Und wenn sie sogar etwas stolz auf sich sind, stört mich das gar nicht. Ich versuche Filme mit den Leuten zu machen, nicht gegen die Leute. Auch mit seinen Widersprüchen möchte ich ihn zeigen. Jeder, der ehrlich ist mit sich selber, weiss, dass er Widersprüche hat.

Im Film sieht man nie einen ganzen Alpsegen – wieso?
Das hat mit der Filmzeit zu tun, mit der Dramaturgie, der Erzählart. Man hockt ja nicht draussen in der Natur auf einem Felsen und hört dem Alpsegen zu, sondern im Kino. Der Film transportiert die Alp an einen anderen Ort – und das verändert den Zeitbegriff. Auch einer ganze Melkzeit zuschauen, das würde man nicht schaffen. Realzeit funktioniert eigentlich nur beim Fussball, erstaunlicherweise.

 
   
«Es ist noch keiner übrig geblieben. Das Wichtigste ist: recht leben und zufrieden sein.»

Franz Ambauen,
Alp Arhölzli NW
Franz Ambauen

 
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Über den Alpsegen erfährt man fast nichts, Herkunft, Verschiedenartigekit, Regionales usw.
Das kann man im Lexikon, Wikipedia, Google nachschauen, man kann dort ein Stichwort eingeben und man erhält Seiten über Seiten an Erklärungen. Der Film würde steif werden, wenn er voller Erklärungen wäre. Er versucht über eine emotionale Art zu führen.
 
Zum Alpsegen gehören Tradition und Brauchtum. Im Film ruft eine Frau den Alpsegen, zwei Älpler haben den Text nach ihrem Gutdünken abgeändert und einer glaubt nicht an Gott – nicht die starre traditionelle Art.
Laut einem Buch gibt es 135 verschiedene Alpsegen, und jeder baut noch seine speziellen Heiligen ein. Ich war eher erstaunt, dass nicht noch mehr Individuelles einfliesst, zum Beispiel die Gesundheit der Kinder, oder dass der Vater noch ein langes Leben hat...
Josef Brun hält sich am meisten an den überlieferten Text, der in seiner Gegend im Entlebuch Tradition hat. Aber auch im Entlebuch gibt es verschiedene Ausrichtungen, jedes Tal hat seine eigenen Heiligen.
Die Betrufer sind auch nicht organisiert, soviel ich weiss, ich habe noch nie von einem Alpsegen-Verein gehört, sonst ist ja alles organisiert in der Schweiz, alle haben einen Verein, die nicht. Es ist wirklich etwas Intimes. Und der Älpler ist einer, der sich nicht gerne driischnorrä lässt, mehr der individuelle Typ.

Der Bauernstand ist zwar modernisiert, es steht heute auch ein Fernseher in der Stube. Aber ich denke, der Alltag ist immer noch gleich strukturiert. Anstelle des Pfluges haben die Bauern Traktoren, aber sie müssen doch aufstehen, die Kühe müssen gemolken werden. Klar, heute mit der Maschine, aber die Kuh funktioniert noch wie vor hundert Jahren, ausser dass sie vielleicht ein grösseres Euter hat. Die Welt hat sich nicht so wahnsinnig verändert. Der Druck auf die bäuerliche Bevölkerung, die Globalisierung, dass erzeugt vielleicht eine gewisse Abschottung. Wobei es die bei den Bankern, bei den Lehrern, bei den Sozialarbeitern auch gibt.

 
 
«Für mich ist das eine sehr ernste Sache.»

Mina Inauen,
Alp Streckwees AI
Mina Inauen

 
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Du hast die Älpler von ihrer Philosophie erzählen lassen, gefragt, wie sie die Welt sehen. Trotz der vielen Antworten hat man als Zuschauer immer das Gefühl, die Fragen bleiben unbeantwortet.
Natürlich haben wir alle gerne Antworten, aber gerade im Bereich vom Glauben bleiben Fragen offen. Auch ganz gläubige Leute haben ihre Zweifel, ist es denn wirklich so, wie ich glaube, dass es ist.
Es ist einfach Fakt, dass Fragen interessanter sind als die Antworten. Antworten in diesem Gebiet sind manchmal gefährlich, wir kennen ja Orthodoxe, wir kennen Evangelikaner, wir kennen das radikale Christentum, radikale Islamisten, die haben alle Antworten. Aber da werden wir sofort skeptisch, weil wir wissen, dass Leben ist so komplex, dass wir nur eine Ahnung haben von den Antworten, Teilantworten, aber selten die grosse umfassende Antwort.
Warum bin ich überhaupt da, was ist der Grund meiner Existenz? Eine ewig philosophisch wiederkehrende Frage, und ich habe noch niemanden getroffen, der mir wirklich eine schlüssige Antwort geben konnte.
Franz Ambauen hat eine wunderbare Mischung zwischen sehr Pragmatischem und einem offenen Türchen zum Spirituellen. Ich finde seine Betonung auf die eigenen Verantwortung, dass man nicht alles dem Schicksal überlassen kann, eine sehr überzeugende Haltung. Auch eine, mit der man sehr gut sein Leben meistern kann. Man weiss, für gewisse Sachen ist man verantwortlich, aber letztlich kann man nicht alles bestimmen. Weil es Schicksale gibt, Zufälle, die in eine andere Richtung gehen.


   
«Abends sinkt man todmüde ins Bett. Da kommt der Alpsegen halt dann oft zu kurz.»

Placi Giusep Pelican,
Crap Surrein und Alp Andiast GR
Placi Giusep Pelican

 
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Bei der Musik hättest du ja mehr Folklore reinbringen können. Warum nicht?

Ich hätte Musik schrecklich gefunden, die die Berge und die Landschaft noch erhöht. Ben Jeger ist ein Filmmusiker, mit dem ich schon zusammen gearbeitet habe. Plötzlich hatte ich das Gefühl, die Instrumentierung mit Glasharfe und Cello könnte passen. Da war irgendwie alles enthalten, die Bauern, ich, auch Misstöne, viel mehr drin, als wenn ich die Bilder noch gehoben hätte mit einem wunderschönen Alphornstück wie der Moosruef. Der ist unglaublich schön, aber das wollte ich nicht.
 
Die Älpler haben nicht gefragt, warum hast du nicht einen Örgeler genommen?
Nein, gar nicht. Denen hat es absolut gepasst. Die haben es gar nicht bemerkt, Die Musik drückt auch ein Stück von ihrer Welt aus. Wenn sie seckeln müssen oder beim Käsen, wo sie schauen müssen, dass der gut kommt. Es hat eher Städter gehabt, die meinten, ob ich nicht etwas mehr Klanggemälde in die Berge bringen wollte. Aber das wollte ich wirklich nicht.

 
   
«Ich glaube es ist gut sich mit dem da oben gutzustellen.»

Josef Brun,
Alp Bramboden LU
Josef Brun

 
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Meist ist niesliges Wetter, das tut der Postkartenidylle der Alp gut. War das Absicht?
Nein, das war einfach so, im Juli letztes Jahr war oft schlechtes Wetter, spannendes Wetter. Ich bedauere nur, dass ich ein Bild nicht machen konnte, ein Kuhfladen mit einem Haufen Fliegen. Den gibt es leider nur, wenn es warm ist und schönes Wetter. Aber es gibt immer Sachen, die nicht gehen.
 
Es ist schwierig einen Film über die Alp zu machen, ohne sie zu verklären.
In den Bergen wirst du zurückgeworfen auf deine Endlichkeit. Da stehen Brocken von Millionen von Jahren, da sind Energien vorhanden, vielleicht auch Eingebildete wie an gewissen Kraftorten, aber das Gesamte hat etwas Elementares, da kommt jeder in eine andere physische Haltung, das lässt sich nicht wegschlecken.
Die Älpler selber nutzen das ja auch, manchmal habe ich das Gefühl, sie könnten viel abgeklärter sein: Das ist unserer Arbeitsort, da verdienen wir unser Geld, sichern unser Existenz. Im Film kommt das ja auch zur Sprache, dass wir die Alpen verklären. Und die Tourismusindustrie bedient sich dem. Aber ich bin kein Fundi, für mich hat es noch genug Alpen, wo niemand hin geht. Für mich ist das akzeptabel, dass gewisse Hänge mit Skiliften überbaut werden. Von mir her muss nicht alles geschützt werden, ich sehe ein, dass die Bevölkerung dort von irgendwas leben muss. Jeder macht das.

 
   
«Das ist eine blöde Frage.»

Samuel Indergand,
Fellialp UR
Samuel Indergand

 
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Filme zur Landwirtschaft sind ja etwas im Trend, ärgert dich das?

Bizli schon. Der einzige Vorwurf, den ich mir mache ist, dass ich den Film nicht gemacht habe, als ich die Idee hatte, vor drei, vier Jahren. Jetzt komme ich ins allgemeine Fahrwasser, man wird über die gleiche Leiste gehauen. Dabei ist jeder Film anders, auch der Wiesenberger, Arme Seelen, Bergauf bergab sind alles verschiedene Filme.
Mich ärgert, dass von der urbanen Kritik der Vorwurf kommt, es habe nur noch Kuhgestank im Kinosaal. Kein Mensch regt sich auf, wenn zehn Filme hintereinander aus dem Zürcher Stadtumfeld gemacht werden. Meine Mutter war z’Alp, meine Grossväter waren Bauern. Ich bin ein typischer 68er. Wir haben die ganze Traditionsgeschichtsschreibung den rechten Parteien überlassen. Das Heimattümliche, das will ich nicht bedienen, aber dass Heimat-Geschichte nur von der einen Seite vereinnahmt wird, finde ich nicht gut. Es soll eine allgemeine Auseinandersetzung geben. Es ist ja keine Schande, sich klar zu sein, woher man kommt.

 
Trailer


 

   
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Filme von Bruno Moll: www.artfilm.ch/cast/Moll--Bruno
Buchhinweis zum Thema Alpsegen: Tonisep Wyss-Meier: Der Betruf
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