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  Aussicht garantiert nicht Weitsicht
Erscheinungsdatum
September 2012

Die Agrarpolitik 2014-17 meint es gut mit der Alpwirtschaft; sie sieht wesentlich höhere Beiträge für die Sömmerung vor. Unklar ist allerdings, ob und wie die Alpwirtschaft davon profitiert.
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Text Eveline Dudda
Bild Giorgio Hösli

Aussicht garantiert nicht Weitsicht

 
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Berge, Hirten und glockentragende Kühe gehören zum Bild der Schweizer Landwirtschaft. Und das soll auch so bleiben, denn die Alpwirtschaft hat ein gutes Image. Dennoch ist ungewiss, ob künftig noch alle Alpen bewirtschaftet werden. Die neue Agrarpolitik sieht ab dem Jahr 2014 zwar eine Erhöhung der Sömmerungsbeiträge (+ 20 Mio.) und zusätzliche Alpungsbeiträge (+104 Mio.) vor. Doch letztere sind grösstenteils als Kompensation dafür gedacht, dass die sömmerungsbezogenen Tierbeiträge künftig gestrichen werden (-89 Mio.). Neu hinzu kommen 10 bis 20 Millionen Franken an Biodiversitätsbeiträgen für besonders artenreiche Grünflächen im Sömmerungsgebiet. Plus ebenso viele Millionen an Landschaftsqualitätsbeiträgen für jene Alpen, die nach zuvor definierten Kriterien bewirtschaftet werden. Alles in allem dürfte der Geldregen, der nach 2014 auf die Alpwirtschaft niederprasselt, rund 250 Mio. Franken ausmachen.
 
Wenn so viel Geld den Weg nach oben nimmt, müssten die Bauern eigentlich umgehend folgen. Doch die Forschungsanstalt Agroscope kam bei Berechnungen mit dem Prognosemodell Silas zum gegenteiligen Schluss: Bis ins Jahr 2020 werden voraussichtlich acht Prozent, also rund 20‘000 Grossvieheinheiten, weniger gesömmert. Der Rückgang der Sömmerung erscheint plausibel. Denn als Folge der AP14 nehmen die Tierbestände im Berggebiet um 15 (Bergzone II) bis 28 Prozent (Bergzone III und IV) ab. Das wirkt sich auch auf die Alpen aus, schliesslich kommen zwei von drei Alptieren von einem Bergbauernhof. Doch Stefan Mann von Agroscope winkt ab: «Die Rechenergebnisse dürfen nicht überbewertet werden. Die Datengrundlage für die Sömmerung ist sehr dürftig und es gibt komplizierte Wechselverhältnisse zwischen Heim- und Alpbetrieben, die man differenziert betrachten muss.»
 
Alp und Alp ist zweierlei
Dass die Alpwirtschaft keine homogene Masse ist, weiss Agridea-Mitarbeiter Franz Sutter zur Genüge. Sutter: «Es gibt zum Beispiel Alpen in Privatbesitz, bei denen die Sömmerungsfläche eine wichtige Nutzfläche für den Heimbetrieb ist. Solche Alpen werden wohl auch in Zukunft weiter bewirtschaftet.» Zumindest solange, wie die Bauern die Futterfläche brauchen und bereit sind, die sommerliche Doppelbelastung von Heim- und Alpbetrieb zu stemmen. Daneben gibt es aber auch Gemeinschaftsalpen von Genossenschaften oder Korporation. Sutter: «Dort werden die Tierhalter ihre Tiere solange zAlp geben, wie sie auf die zusätzliche Futterfläche oder die sommerliche Arbeitsentlastung angewiesen sind.» Im Gespräch fällt auf, dass Sutter immer wieder die Arbeitsbelastung und Futterfläche erwähnt, nie aber die Höhe der Beiträge. Das ist kein Zufall: «Niemand macht eine Vollkostenrechnung nur für drei Monate Alpzeit. Es muss für den Betrieb als Ganzes aufgehen.» Ob es das tut, wagt Sutter nicht zu beurteilen. Die AP14 ist ja noch nicht verabschiedet und die neuen Massnahmen noch nicht in Stein gemeisselt. Tendenziell geht Sutter aber davon aus, dass es Veränderungen geben wird: Weiter weg von der Produktion, hin zu mehr Naturschutz. «Es wird mit ziemlicher Sicherheit weniger Wertschöpfung aus der Produktion von tierischen Produkten geben.» Eine Entwicklung, die in der übrigen Landwirtschaft schon länger im Gang ist.
 
Theo Pfyl, Vorstandsmitglied des alpwirtschaftlichen Verbandes (SAV), betrachtet das Ganze noch ein wenig differenzierter: «Wenn die AP14 im Parlament so durchkommt, wie sie jetzt aufgegleist ist, dann werden bei uns in der Innerschweiz die Tierzahlen nicht abnehmen.» Im Gegenteil: Für die Bauern würde es dann wirtschaftlich wieder interessant werden, mit Tieren aufzufahren. Anders sieht es bei jenen hochgelegenen Alpen im Bündnerland oder Wallis aus, die schon heute Mühe haben, genügend Vieh zu bekommen. Denn dort greift die AP14 nicht. Pfyl: «Wenn man im Berggebiet extensiviert, muss man das Vieh von weiter weg auf die Alpen holen.» Lange Transportwege, schlechte Erschliessung und sehr kurze Sömmerungsperioden, welche die sinnvolle Bestossung mancher Alpen behindern, fallen somit noch mehr ins Gewicht.
 
Anforderungen ans Alppersonal steigen
Noch gibt es rund 7‘200 Sömmerungsbetriebe in der Schweiz, welche von einem Fünftel des gesamten Nutztierbestandes genutzt werden. Im Jahr 2011 weideten beinahe 300‘000 Grossvieheinheiten (GVE) auf der 500’000 Hektar grossen Sömmerungsfläche; davon stammten 170‘000 GVE aus dem Berggebiet. Während Stefan Mann nicht daran glaubt, dass die Tierzahlen auf den Alpen abnehmen, glaubt Giorgio Hösli nicht daran, dass die Bestossung aus dem Talgebiet zunimmt. Hösli ist Redaktor der zalp, der Zeitschrift für Älplerinnen und Älpler, und er hält es für unrealistisch, dass bis in acht Jahren zusätzliche 3‘000 Grossvieheinheiten aus dem Talgebiet auf die Alp gebracht werden. «Dazu müsste der Anreiz wirklich extrem gross sein», ist er überzeugt, «es hat ja immer einen Grund, wenn jemand seine Tiere nicht zAlp gibt.» Einer der Gründe – das hat eine Forschungsarbeit im Rahmen des Projektes Alpfutur ergeben – sind negative Erfahrungen mit dem Alppersonal. Wer mit Hirten oder Sennen nicht zufrieden war, behält seine Tiere in Zukunft daheim.
 
Das Alppersonal spielt vor allem auf gemeinschaftlich bestossenen Alpen eine wichtige Rolle, und auf dieses Alppersonal kommen zahlreiche neue (administrative) Aufgaben zu. Denn die Biodiversitäts- und Landschaftsqualitätsbeiträge fliessen ja nicht umsonst, sondern sie müssen irgendwie verdient werden. Sei es, indem Formulare ausgefüllt oder aber Flächen ausgezäunt, Herden eingezäunt, Büsche ausgerissen oder Steine in Trockenmauern eingesetzt werden. Die Begeisterung dafür dürfte sich in engen Grenzen halten, meint Hösli: «Aber diejenigen, die das erste Mal z’Alp gehen, kennen es nicht anders. Die anderen werden vielleicht murren, aber trotzdem mitmachen.» Er zweifelt allerdings an der Effizienz: «Das ist in erster Linie Arbeitsbeschaffung für die Ökobüros. Die unbeaufsichtigte Weidepflege durch die Älpler, die in Pachtverträgen oder bei Genossenschaftsalpen mit Frondienst geregelt ist, bringt mehr Biodiversität als die staatlich überwachte Kartierung.» Seine Argumente sind einleuchtend: Sonst wäre das Sömmerungsgebiet ja nicht ein Hotspot an Biodiversität und die Vielfalt auf den Alpweiden längstens verschwunden. Da aber immer weniger Bauern immer noch gleich viel Fronarbeit leisten müssen wie früher, ist die Arbeitsbelastung bisweilen einfach zu hoch. Obwohl manche Alpweiden Höslis Meinung nach ruhig noch etwas mehr Vergandung ertragen, meint er: «Vielleicht wird in Zukunft ein Teil der Fronarbeit von Freiwilligen übernommen.» Weidepflege als Freizeitbeschäftigung? Ganz abwegig ist das nicht. Einzelne Organisationen wie z.B. das Bergwaldprojekt bieten so etwas bereits an.
 
Fest steht, – da waren sich die Befragten einig – dass man die Alpwirtschaft nicht losgelöst von der übrigen Landwirtschaft betrachten kann. Der Druck zu immer grösseren Betrieben und einer immer effizienteren Produktion ist für die Zukunft der Alpwirtschaft mindestens so entscheidend, wie die Direktzahlungen. Wenn nicht entscheidender.

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Der Text wurde im August 2012 im Mediendienst des Landwirtschaftlichen Informationsdienstes LID publiziert.
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