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  Wasserbüffel auf der Alpweide
Erscheinungsdatum
September 2012

Eigentlich sind Wasserbüffel an den Flussufern Indiens zu Hause. Neuerdings verbreiten sie sich auch in den Schweizer Alpen. Produkte aus Büffelfleisch sind sehr begehrt, und aus Büffelmilch wird Mozarella hergestellt. Doch wie kommen die Ausländer auf einer Alp zurecht? Ein Erfahrungsbericht.
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Text und Bilder
Susanne Aigner

Wasserbüffel

 
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Als Alphirtin betreute ich in diesem Jahr Rinder verschiedenster Herkunft: zum einen eine Herde einheimischer Rinder, Mutterkühe mit ihren Kälbern, ausserdem 16 Wasserbüffel. Es waren vierzehn Jungtiere, die etwa einjährig auf die Alp kamen. Später kamen zwei weitere Büffelkühe hinzu.
Rinder hüten auf der Alp ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Es ist nicht damit getan, den Weidezaun zu installieren und das Stromgerät einzuschalten. Die Tiere müssen gezählt, die Zäune kontrolliert, repariert, gegebenenfalls auch versetzt, Wasservorrat und Grasbewuchs überprüft werden. Das bedeutet täglich stundenlanges Laufen bis sich die Sohlen von den Schuhen lösen, meist in unübersichtlichem Gelände mit Wildbächen, Felsen und schier undurchdringlich bewaldeten Hängen.
In den ersten beiden Wochen führte mich mein täglicher Arbeitsweg einen steinigen Gebirgspfad hinab, von 1500 auf 1300 Meter, denn dort befand sich die Voralp, auf der die Tiere weideten, bevor sie später auf die 1800 Meter hohe Alp getrieben werden sollten. Bereits am ersten Arbeitstag bereiteten mir die Wasserbüffel Kummer: Eine Gruppe von vier jüngeren Kälbern war ausgebrochen und spurlos verschwunden. Zu dritt suchten wir die Entlaufenen einen ganzen Nachmittag – ohne Erfolg. Ich war mit den Nerven am Ende. Als wir am nächsten Tag die Suche fortsetzen wollten, standen die Ausreisser schon in aller Frühe friedlich grasend am Zaun. Die schlauen Tiere hatten, wie auch immer, den Zaun überwunden und die Futtersuche eigenmächtig erweitert. Bei genauem Hinsehen wurde auch klar, warum: Gräser und Kräuter auf der Weide waren weitgehend abgefressen, übrig waren nur Minze und Kräuter mit hohem ätherischen Ölgehalt, den Rinder nicht mögen.

 

Wasserbüffel

 
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Unter Büffeln
Der Tag war gekommen, an dem die Herde in einem mehrstündigen Marsch den Weg zur Alp antrat. Über versteckte Triebwege ging es hinauf in den Hochgebirgswald. Mit ihnen trabten die ausgewachsenen Büffelkühe, die grosse Kuhglocken um den Hals trugen. Die vierzehn jungen Büffel aber gingen ohne Glocken zur Alp, was sich sofort als Nachteil herausstellte. Am ersten Abend fand ich alle Tiere noch am selbst gewählten Schlafplatz am Triebweg. Doch schon am nächsten Morgen war die gesamte Herde im Wald verschwunden. Die beiden Büffelkühe hatte ich in kurzer Zeit gefunden, denn ihre Glocken waren weithin zu hören. Sie hatten es sich in einem schlammigen Tümpel am unteren Ende der Alp bequem gemacht. Nach den jungen Büffeln suchte ich volle drei Tage. Meine Kenntnisse über Fährten und Spurenlesen leisteten mir dabei wertvolle Dienste. Da Wasserbüffel bekanntlich Wasser lieben, folgte ich dem dünnen Rinnsal, das durch den Wald plätscherte. Ich erkannte hier Fussabdrücke und da kleinere Kothaufen und tatsächlich: Nach einer Weile sah ich die Gruppe von zehn Tieren unschuldig hinter den Bäumen stehen und liegen. Darüber war ich sehr froh. Trotzdem hatte ich keine Lust mehr, die Tiere weiterhin tagelang im Wald zu suchen, also organisierte ich zwei Kuhglocken, die ich meinen Lieblingsbüffeln um den Hals band.
Die einheimischen Rinder, Kühe und Kälber waren auf der Alp bereits angekommen und kauten genüsslich die saftigen Gräser und Kräuter, als die Büffel eintrafen. Die zehn fremden Schwarzen wurden von den Rindern misstrauisch beäugt, die dafür eigens ihre Futtersuche unterbrachen. Ein paar Neugierige näherten sich, um die seltsamen Wesen zu beschnuppern. Die Büffel wahrten zu den Kühen einen sicheren Abstand. Doch bald hatten die Büffel keine Angst mehr vor den Kühen, welche sich ihrerseits an den Anblick der schwarzen Sonderlinge gewöhnten. Einmal beobachtete ich, wie ein kohlschwarzes Kalb und ein schwarzes Büffeltier sich gegenseitig beschnupperten und offensichtlich Freundschaft schlossen. Sie waren rein äusserlich einander verblüffend ähnlich.
Nun hiess es, die Herde zusammenzuhalten. Das Hüten und Zählen der Büffel war relativ schwierig, weil die Tiere ständig in kleinen Grüppchen unterwegs waren, statt in einer einzigen Büffelherde. Nach einiger Zeit kannten mich die Tiere gut und flüchteten nicht mehr, wenn ich mich näherte. Schon auf der Voralp hatte ich mir ihre Gunst mit Salz erkauft, das ich ihnen bei jedem Besuch Ihnen der ausgestreckten Hand hinhielt. Sie kamen schon auf mich zu, wenn sie mich nur von weitem sahen. Die Zutraulichsten kamen besonders nah, um sich streicheln zu lassen.

 

Wasserbüffel

 
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Gewitternächte und Regentage
Für etwa zwei Wochen war eine einsame Alphütte auf 1800 Metern mein Zuhause. Sie stand inmitten einer mit Felsbrocken durchsetzten Weide. Oberhalb gab es nur noch nackte Felsen, bis auf über 2000 Meter. Auf meinen täglichen Wanderungen lernte ich die Alpweide immer besser kennen – die verborgenen Schlupfwinkel, die gefährlichen Löcher neben den Felsen und die unübersichtlichen Waldgebiete. Stand ich oben auf einem bestimmten Felsen, konnte ich die schwarzen Punkte zwischen den Bäumen von weitem erkennen. Sah ich sie nicht sofort, verrieten mir die hellen Glöckchen ihren Aufenthaltsort. Die anderen Rinder und Kälber waren in insgesamt drei Gruppen auf der Alp unterwegs und durch die Glocken meist gut zu hören. Bei klarem, sonnigem Wetter brauchte ich die Tiere nie lange zu suchen. Doch hält das sonnige Wetter auf der Alp selten lange an.
Eines Nachts trommelte der Hagel aufs Dach, Blitze und Donner zerrissen den Himmel, die Naturgewalten waren entfesselt, an Schlaf war nicht zu denken. Wie mochte es meinen Tieren draussen ergehen? Ich sah sie vor meinem geistigen Auge bereits tot auf der Weide liegen. Am nächsten Morgen schickte die Sonne ihre Strahlen durch die Wolken, das Wasser plätscherte aus den Felsen. Die Nebel verflüchtigten sich, und aus dem Wald hervor traten nach und nach die Kühe, Kälber, Färsen – und schliesslich sah ich die Büffel friedlich grasend am Waldesrand. Alle waren gesund und munter.
Es gab noch etliche Regentage, an denen sich die Tiere im Wald versteckten. Dann watete ich in Gummistiefeln über klatschnasse Wiesen, durch reissende Bäche unter tropfenden Bäumen entlang und hielt Ausschau nach Rindern und Büffeln – glücklich, wenn alle Tiere gefunden waren. Die Büffel – kleine und grosse – kamen erfreut angelaufen. Nach vier Wochen fiel mir der Abschied nicht leicht: Die schwarzen Gesellen waren mir deutlich ans Herz gewachsen.
 
Gehören Wasserbüffel auf die Alp?
«Meine» Wasserbüffel hatten sich nach wenigen Tagen an das Alpleben gewöhnt. Die Höhe machte ihnen nichts aus. Sie suhlten sich in den vorhandenen Tümpeln, Sümpfen, aber auch in den Wildbächen. Meiner Ansicht nach eignen sich die Jungtiere besser für die Alp als ausgewachsene Büffel, da sie leichter und wendiger sind. So wird die Grasnarbe durch ihren Tritt weniger beschädigt. Mit den einheimischen Schweizer Rindern vertragen sie sich sehr gut, wenn man ihnen genügend Zeit zum Kennenlernen und Eingewöhnen lässt. Wasserbüffel sind viel mehr als die einheimischen Rinder auf den Menschen bezogen. Sie bauen zu ihm viel schneller emotionale Bindungen auf. Ist das Vertrauen erst einmal hergestellt, können die Tiere sehr zutraulich werden. Dann kommen sie sogleich an und halten ihre Köpfe hin – als unmissverständliche Aufforderung zum Streicheln.

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Susanne Aigner (geb. 1971) hat Öko-Landbau in Witzenhausen studiert. Von 2005 bis 2009 ging sie jeden Sommer zur Alp. Im Sommer 2012 hütete sie im Tessin vier Wochen lang eine Herde mit 35 Mutterkühen, Rindern und Kälbern und 16 Wasserbüffeln.
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