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  Natürlich hornlose Kühe sind auf dem Vormarsch
Erscheinungsdatum
Juni 2013

Natürlich hornlose Milchkühe gibt es erst wenige. Doch deren Anzahl nimmt zu. Weil damit das Enthornen wegfällt, sparen Bauern Geld und Zeit, den Tieren bleibt Stress erspart. Das freut scheinbar auch den Tierschutz.
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Text Michael Wahl (LID)
Bild Giorgio Hösli

hornlose Kuh, noch nicht genetisch, sondern händisch enthornt

 
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Merlyn Xiva, Merlyn Flizy und Merlyn Amelie: Die drei Milchkühe mit den klingenden Namen tragen keine Hörner. So weit, so unspektakulär. Denn auch die rund 120 anderen Kühe im Stall von Landwirt Thomas Gerber sind hornlos – so wie 90 Prozent der Kühe in der Schweiz. Und dennoch sind die drei Red-Holstein-Kühe anders: Sie haben von Natur aus keine Hörner. «Weniger Arbeitsaufwand, geringerer Medikamenteneinsatz und weniger Stress für die Kälber», fasst Gerber die Vorteile der natürlichen Hornlosigkeit zusammen. Denn normalerweise brennt er Kälbern im Alter von wenigen Wochen die Hornanlagen mit einem Brennstab aus – nach vorgängiger Betäubung. Zwischen 60 und 70 Kälber enthornt er pro Jahr. Das nimmt Zeit in Anspruch und verursacht Kosten.
Dass die drei Milchkühe keine Hörner haben, ist kein Zufall. Gerber, der im luzernischen Dagmersellen einen 54-Hektaren- Betrieb bewirtschaftet, schaut bei der Zucht seit längerem nicht mehr nur auf Merkmale wie Milchleistung oder Körperform, sondern zunehmend auch auf genetische Hornlosigkeit seiner Tiere.

Hornlos-Stiere sind gefragt
Damit ist Thomas Gerber nicht allein. Swissgenetics, Marktleader im Bereich der künstlichen Besamung, verzeichnet eine steigende Nachfrage nach genetisch hornlosen Stieren. «Vor 10 Jahren erkundigte sich drei bis vier Mal pro Jahr ein Bauer nach natürlich hornlosen Stieren, heute klingelt das Telefon diesbezüglich alle zwei Wochen», erklärt Jürg Stoll von Swissgenetics. Aufgrund der zunehmenden Nachfrage hat Swissgenetics zum ersten Mal einen hornlosen Red Holstein-Stier ins Standardangebot aufgenommen: Parma-ET PP. Dieser ist reinerbig hornlos. Das heisst, wird eine Kuh mit dem Sperma von Parma besamt, wird das Kalb garantiert hornlos sein. Ein kompletter Stier sei Parma, erklärt Stoll. Er verfüge über eine solide Abstammung, einen idealen Körperbau und vererbe gute Euter.
 
Breiteres und besseres Angebot
Auch wenn Hornlos-Stiere immer beliebter werden bei den Bauern, sind sie nach wie vor eine Nische. Lediglich wenige hundert von knapp 600‘000 Milchrasse-Samendosen, die Swissgenetics im letzten Jahr verkauft hat, enthielten Erbgut von natürlich hornlosen Stieren.
Grund dafür ist das bis jetzt beschränkte Angebot. Denn genetische Hornlosigkeit war bei der Zucht bestenfalls ein erwünschtes Nebenprodukt. Im Vordergrund standen Merkmale wie etwa Fruchtbarkeit, Nutzungsdauer, Körperbau oder eine hohe Milchleistung. Und diejenigen Hornlos-Stiere, die es gab, vererbten zwar keine Hörner, oft brachten sie aber auch keine Hochleistungskühe hervor. Entsprechend wenig gefragt waren solche Stiere bei den Bauern. Denn Landwirte verdienen ihr Geld in erster Linie mit der Milch.
Nun hat der Wind gedreht. Laut Stoll schaut Swissgenetics vermehrt auf Hornlosigkeit ihrer Stiere. Das Angebot sei in letzter Zeit breiter und besser geworden. Landwirt Thomas Gerber pflichtet dem bei: Seine genetisch hornlosen Kühen würden gleich viel Milch geben wie «normale» Kühe.
In Thomas Gerbers Stall sind vor ein paar Tagen Ladd Rigona und Ladd Barbarella zur Welt gekommen – zwei natürlich hornlose Kälber. Gerber ist überzeugt, dass das die Zukunft sein wird.
Den Trend hin zu genetisch hornlosen Tieren verfolgt der Schweizer Tierschutz mit Interesse. Das Enthornen bleibe trotz Betäubungsmitteln ein belastender Eingriff für die Kälber, erklärt Geschäftsführer Hansuli Huber. Wenn das umgangen werden könne, sei aus tierschützerischer Sicht nichts dagegen einzuwenden. Dass viele Bauern heute keine behornten Kühe mehr wollen, sei eine Tatsache. Gleichwohl unterstütze der STS weiterhin die Haltung von Hornkühen, so Huber.

Natürliche Hornlosigkeit weltweit auf dem Vormarsch
In Deutschland werden immer mehr Kühe mit Sperma besamt, das von Stieren stammt, die natürlich hornlos sind. Das deutsche Landwirtschaftsmagazin «Top Agrar» spricht von einem «Hype». Grund dafür ist die zunehmende Kritik am Enthornen. Denn in Deutschland dürfen bis zu sechs Wochen alte Kälber ohne Betäubung enthornt werden. Derzeit wird über eine Verschärfung des Tierschutzes diskutiert. Die Vorschläge reichen vom gesetzlich vorgeschriebenen Schmerzmittel bis hin zu einem generellen Verbot der Enthornung. Vor diesem Hintergrund kommt der natürlichen Hornlosigkeit eine immer grössere Bedeutung zu. «Einzelne Zuchtverbände haben bereits freiwillig Vereinbarungen mit der Politik getroffen, um die Zucht auf natürliche Hornlosigkeit voranzutreiben», erklärt Robert Strumpen von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter auf Anfrage.
Auch in den USA liegen natürlich hornlose Kühe im Trend: «Die gegenwärtige Nachfrage ist höher als vor ein paar Jahren», erklärt Carl Neil Kent von der Holstein Association USA. Das Angebot an Hornlos-Stieren sei breiter und besser geworden. Dem pflichtet Strumpen bei:
«Das Angebot an Stieren ist gestiegen, bei denen keine bedeutenden Leistungsdefizite vererbt werden.»
Gehört die Zukunft genetisch hornlosen Kühen? «Zuchtexperten geben einen Zeitraum von 20 Jahren an, bis sich die natürliche Hornlosigkeit in den Milchviehherden durchgesetzt hat», erklärt Strumpen. Gentests würden den Zuchtfortschritt beschleunigen.
Ob sich die natürliche Hornlosigkeit durchsetzen wird, hängt laut Carl Neil Kent davon ab, ob das Angebot entsprechender Stiere mit guten Zuchtwerten weiter zunimmt. Ein weiterer Faktor sei die Debatte ums Enthornen. Gelinge es Tierschutzaktivisten, Druck aufzubauen, beschleunige das den Einsatz von Hornlos-Genetik.

Genmanipulierte Kuh ohne Hörner
Eine britisch-amerikanische Forschergruppe versucht derzeit, mittels Gentechnik hornlose Kühe zu züchten, berichtete die Zeitung «The Telegraph» Ende April 2013. Die Wissenschaftler haben DNA-Sequenzen von Holstein- Kühen, die für die Hornbildung verantwortlich sind, durch solche der Rasse «Red Angus» ersetzt, deren Tiere von Natur aus keine Hörner haben. Im Gegensatz zur herkömmlichen Zucht könne dank Gentechnik die Kühe innerhalb einer Generation die Hörner verlieren. Mansel Raymond, Präsident der britischen Milchbauern, begrüsst die Züchtung genetisch hornloser Kühe: «Es würde uns viel Zeit und den Kälbern Schmerzen ersparen. Beide Seiten würden gewinnen.»

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Quelle
Landwirtschaftlicher Informationsdienst LID, Nr. 3124 vom 3. Juni 2013
www.lid.ch
 

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