Film «Petit Paysan»

Pierre, ein junger Milchbauer in der französischen Provinz, hat den Bauernhof seiner Eltern übernommen. Bauer sein ist alles was er will, Bauer sein ist sein ganzes Leben! Er und seine Kollegen beobachten mit Sorge die tragischen Ereignisse im Nachbarland Belgien, wo eine «Rinderseuche» ganze Existenzen vernichtet hat. Pierre’s Schwester ist Tierärztin und überwacht den Viehbestand der Bauern in der Umgebung. Nichts will Pierre mehr, als seinen Hof und seine Tiere schützen.

Doch eines Tages ist es soweit: Pierre merkt, dass eines seiner Tiere mit dem Virus infiziert ist. In einer Nacht- und Nebelaktionen setzt er alle Hebel in Bewegung, ob ungesetzliche oder nicht, um seine geliebten Kühe retten zu können.

Der Film ist ab 29. März 2018 in den Schweizer Kinos in franz. Sprache mit deutschen Untertiteln zu sehen.

 

Interview mit Hubert Charuel, Regisseur:
«Milchviehhalter zu sein ist ein Priesteramt.»

Sind Sie ein Bauernsohn?

Ja, und meine Eltern sind beide Kinder von Bauern. Ihr Hof befindet sich in Droyes, zwischen Reims und Nancy, 20 Kilometer von Saint-Dizier entfernt. Was ihnen ermöglicht hat, die Krise der Milchindustrie zu überleben, war sehr viel Arbeit, wenige Investitionen, wenige neue Arbeitsgeräte, begrenzte Darlehen. Das wiederum bedeutet viel Intelligenz und körperlicher Verschleiss um überleben zu können.

Haben Sie sich jemals überlegt, den Betrieb zu übernehmen?

Ich habe bei jedem Schulstufenwechsel darüber nachgedacht, und interessanterweise habe ich besonders als Student an der Fémis viel darüber nachgedacht. Ich habe mich dort nicht sehr wohl gefühlt. 2008 hatte ich zusammen mit meiner Mutter einen Autounfall und musste sie auf dem Hof sechs Monate lang vertreten. Sechs Monate von unerbittlicher Disziplin! Der Milchkontrolleur sagte zu meinen Eltern: «Den da dürfen Sie nicht wieder gehen lassen», und ich begann zu grübeln.

Das war vermutlich der «Rausch der Routine», den Pierre im Film erlebt …

Genau. Aber am Ende begriff ich, dass ich mich dabei so gut fühlte, war die Gewissheit, dass es ein Ende haben würde.
PETIT PAYSAN erzählt von der enormen Einengung, die das Leben auf dem Hof bedeutet: Sieben Tage die Woche arbeiten, zweimal am Tag melken, jahrein, jahraus das ganze Leben lang. Und über die Beziehung zu den Eltern, die immer anwesend sind, die Last dieses Erbes. Die  Handgriffe sind ultra-ritualisiert, man geht melken wie man das tägliche Gebet verrichtet, jeden Morgen, jeden Abend. Milchviehhalter zu sein ist ein Priesteramt.

Wann ist das Kino in Ihr Leben getreten?

Meine einzige Freitzeitbeschäftigung mit meinen Eltern war der Kinobesuch in Saint- Dizier. Man fuhr sehr selten in die Ferien, das ganze Leben war den Kühen gewidmet. Die Leidenschaft fürs Kino ist zweifellos dort entstanden. Ich wollte Tierarzt werden, bloss hatte ich in den wissenschaftlichen Fächern keine guten Noten. Meine Eltern meinten zu mir: «Du solltest dir überlegen, etwas anderes zu machen.» Und ich habe ihnen gesagt: «Also Kino.» Ihre Münder haben erwidert: «Einverstanden», ihre Augen: «Wir sind erledigt».

Wie ist die Idee zum Film entstanden?

Die Rinderwahnsinn-Krise hat mich sehr geprägt. Ich fand mich vor dem Fernseher wieder, niemand verstand, was vor sich ging, man schlachtete alle Tiere. Und meine Mutter sagte: «Wenn das bei uns passiert, bringe ich mich um.» Ich war damals 10 Jahre alt und habe mir gesagt, dass das passieren kann. Ich erinnere mich an die Spannung, die damals überall herrschte. Wie im Film Pierre seine Schwester ruft, riefen die Bauern häufig den Tierarzt, um sich über den Gesundheitszustand ihres Viehs zu vergewissern. Und das BSE-Syndrom war so besonders, dass die Veterinäre nicht wussten, was sie dazu sagen sollten. Man wusste nicht, wie die Krankheit übertragen wurde, es herrschte generelle Panik. Die totale Paranoia.

Pierre, sind das Sie?

Die Figur unterscheidet sich in ihren Reaktionen und ihrer Weise zu sprechen von mir, aber das Leben von Pierre wäre offenbar das meinige gewesen, hätte ich mich nicht entschieden, Filme zu machen. Sein Verhältnis zu den Tieren, seine Beziehung zu seinen Eltern ähneln sich stark. Der Film wurde bei meinen Eltern gedreht – in seinem Betrieb gibt es rund dreissig Kühe, wie bei meinen Eltern. Meine Mutter hängt sehr an ihren Kühen: wenn eine von ihnen krank ist, und auch wenn sie zu heilen sehr viel kostet, macht sie das. Pierre ist genau so … Aber in einem Milchwirtschaftsbetrieb ist die Produktion auch besser, wenn man sich gut um das Vieh kümmert. Es gibt diesen Zwiespalt: man liebt seine Tiere ehrlich, aber man macht sie sich auch zunutze.

Weshalb haben Sie bei Ihren Eltern gedreht?

Das war meine Pflicht. Den Film zu machen, war meine Art, den Betrieb zu übernehmen. Als wir zu schreiben begonnen haben, kam mir die Idee noch nicht, weil der Hof immer in Betrieb war. Aber nach der Pensionierung meines Vaters ist meine Mutter mit ihrem Vieh auf einen anderen Hof gegangen. Von diesem Moment an war da dieser leere Bauernhof, und ich habe mir gesagt: «Das ist die Kulisse, die ich am besten kenne».

Im Film fällt die dem Vieh entgegengebrachte Aufmerksamkeit auf, aber auch die strenge Kontrolle, die auf die Herden ausgeübt wird …

Das hat sich mit der Rückführbarkeit des Fleisches verstärkt, die, so glaube ich, auf den Rinderwahnsinn zurückgeht. Die Kühe haben alle eine Registrierungsnummer. Man ist ihr Besitzer, kann aber nicht alles, was man will, mit ihnen machen. Zum Beispiel sie verschwinden lassen. Zur Polizei zu gehen, um eine Kuh zu melden, die der Bauer tatsächlich gegessen hat, ist eine Form von Betrug, den es wirklich gibt: der Bauer schlachtet eine Kuh, macht aus ihr Steaks, danach meldet er ihren Verlust um von der Versicherung entschädigt zu werden …

Wie haben Sie sich die Krankheit vorgestellt, die die Kühe heimsucht?

Ich wollte keinen Film über den Rinderwahnsinn oder die Maul- und Klauenseuche machen. Letztere war lange Zeit ein gewaltiges Trauma für die Landwirte: die Tierärzte kamen, hoben mitten auf dem Hof eine Grube aus, warfen die Kühe hinein und verbrannten sie vor Ort. Das macht man nicht mehr so. Im Drehbuch gingen wir von einer schweren infektiösen Fiebererkrankung aus, die mit Blutungen einhergeht. Wir brauchten ein identifizierbares Symptom. Wir wollten nicht den Tremor einer vom Rinderwahnsinn befallenen Kuh nachstellen, aber wir mussten die Epidemie sichtbar, visuell machen.

Welchen Effekt wollten Sie mit der ersten, sehr eindrücklichen Traumsequenz erzielen? Pierre träumt, dass die Kühe in seinem Haus sind …

Sie gibt gleich zu Beginn einen schrägen, etwas seltsamen Ton an. Sie weist darauf hin, dass der Film nicht ausschliesslich naturalistisch sein wird, und sich auch im Kopf des Protagonisten abspielen wird. Sie zeigt den Stand von Pierres Besessenheit an: Die Kühe nehmen allen Platz ein, sein ganzes Leben lang, Tag und Nacht. Es ist ein bisschen die Geschichte von einem, der sich mit seinen Kühen einschliesst. Pierre geht es nur gut, wenn er mit seinen Tieren zusammen ist, er duldet andere Menschen, aber sie halten ihn nicht aufrecht. Das wird der Lauf seiner Geschichte im Film sein: zu lernen ohne die Kühe zu leben.

Die Veterinär-Schwester, ist das ihr anderes Ich, das von diesem Beruf geträumt hat?

Vielleicht… aber es ist auch der Wunsch eines Einzelkinds nach einem Geschwister, umso mehr wenn man den elterlichen Hof nicht übernehmen will. Es war wichtig, dass es eine Schwester ist. Oft ist es der Sohn, der den Betrieb übernimmt, nicht die Tochter.
Pascale ist die einzige Person, mit der sich Pierre gerne unterhält, und die ihn bezüglich der Kühe beruhigt. Erst durch Pascales Entscheidungen bewegt sich die Erzählung. Sie erlaubt Pierre, Gesetze zu verletzen, erinnert ihn letztendlich aber auch wieder daran, wenn sie zum Schluss die verantwortlichen Gesundheitsbeamten herbeiholt.

Weshalb sind die Nachbarn so stolz auf ihre vollautomatisierte Melkanlage?

Auf der einen Seite gibt es den Hof von Raymond, der Pierre in fünfzig Jahren spiegelt. Auf der anderen Seite der Roboter-Betrieb, der das Wohlbefinden der Kühe vollautomatisiert. Ich habe einen solchen Betrieb gekannt, wo man den Kühen Tag und Nacht  Radio RTL2 vorsetzt, weil der Lärm das Vieh anzieht. Das Radio ergänzt den Roboter, der sie füttert und melkt. So sind die Kühe etwas zufriedener, erlangen eine Form von Autonomie innerhalb der Produktionslogik zurück.
Bald werden die von Menschenhand geführten Betriebe wie der meiner Eltern verschwinden. Pierres Kühe haben Namen, doch bald werden sie bloss noch Nummern sein. Auch wenn der Film mit dem Sonderbaren spielt, will er Zeugen dieser Entwicklung sein. Man könnte denken, dass Pierre von der Seuche befallen ist, aber seine Krankheit ist psychosomatisch.
Bauern sind gestresste Menschen. Ich kenne welche, die auf Antidepressiva sind, andere haben Schuppenflechten. Ich wollte auch von der Endzeitstimmung erzählen.

Ist es kompliziert, mit Kühen zu drehen?

Vor allem wenn es dreissig sind. Eine Kuh ist wie ein fünfjähriges Kind, ausser dass sie 900 Kilo wiegt und nicht zur Schule geht. Sie komplizieren alles: Eine Aufnahme im Melkstand einzurichten wird zur schier unlösbaren Aufgabe. Für eine Kuh dauert das Melken 10 Minuten, deshalb kann man sie nicht zwanzig Minuten in dieser Hitze angebunden halten. Die Schauspieler dulden mehr, aber sie wissen auch, weshalb sie es tun.
Achtung gegenüber den Tieren war für mich ultrawichtig. Man konnte nicht irgendetwas machen. Auf dem Bildschirm sieht man sofort, wenn ein Tier gestresst ist. Wenn ich schon eine Geschichte über einen Typen erzähle, der mit seinen Kühen eins ist, dann ist es das Mindeste, dass die Kühe auch mit ihm im Einklang scheinen!

Der Blick der Kühe auf Pierre, bei seinem Aufwachen, verrät sofort seine Beziehung zu den Tieren …

Das ist ein kleines Wunder, wir sind zwanzig Meter entfernt, die Distanz einer Aufnahme, die Kuh schaut Swann an, man weiss nicht wieso, das ist die Magie der Sache. Denn Swann ist eine Woche vor dem Dreh auf den Hof gekommen, um die Betreuung der Viehherde zu übernehmen, und sehr schnell ist da ein Feeling zwischen den Kühen und ihm entstanden. Diese Nähe war sehr hilfreich.
Die Herde ist eine Person. Es war notwendig, dass man das Gefühl entwickelte, dass Pierre beim Töten einer Kuh einen Mord begeht, das musste ihn viel kosten, fast so als ob er einen Menschen getötet hätte.
Im Laufe der Geschichte mussten die Kühe auch zu etwas Monströsem werden: sie wiegen schwer, sie sind eine enorme Last auf Pierres Schultern. Durch die Verwendung von kurzen Brennweiten haben wir sie fetter und bildfüllender aussehen lassen.

Und diese Kuh, der Pierre am Schluss des Films begegnet und die ihn beobachtet?

Ist einfach eine Kuh, auf die er zufällig beim Weggehen trifft. Hätte ich vorher aufgehört zu filmen, hätte der Eindruck entstehen können, dass Pierre sich umgebracht hat – der Suizid unter Bauern ist ein Thema für sich!
Natürlich hat der Film kein Happy-End, es ist eine Tragödie, aber allein schon dass sich die Hauptperson am Schluss nicht umbringt, ist ein kleiner Sieg. Es ist der Kampf, den Pierre während des ganzen Films führt und der hilft ihm, zu überleben. Pierre ist ein Kämpfer.

Das Interview haben wir vom Schweizer Verleiher «LookNow» übernommen und geben es hier leicht gekürzt wieder.

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