Protestbrief

Das Internet ist global. Die Arbeitsmärkte sind es nicht. Manchmal stossen solche Fakten zusammen und schaffen seltsame Situationen. So wie diesen Frühling, als zalp plötzlich jeden Tag hunderte von Jobanfragen aus Nordafrika im Mailbriefkasten hatte.
Wir verstehen, dass diese Situation für die Website-Betreuenden und die angefragten Alpleute extrem mühsam ist. Aber das rechtfertigt nicht den polemischen Text auf der Website. Verlinkt ist er als «Araberschturm», und darin heisst es: «Wir werden von Marokkanern überschwemmt.» Das sind rassistische Metaphern. Der Seitenhieb gegen geschlechtergerechte Sprache am Ende des Textes verstärkt den Eindruck, dass der Autor bewusst provozieren will.
Es stimmt, dass Menschen aus Marokko oder Tunesien kaum Chancen haben, in der Schweiz eine Arbeitsbewilligung zu bekommen. Ist es ihnen zu verübeln, dass sie es trotzdem versuchen? Der Text klingt, als wäre das ärgerlich, anmassend und lächerlich.
Der Anteil von Menschen, die mit Kühen, Geissen und Schafen arbeiten können, ist in Marokko oder Tunesien vermutlich höher als in der Schweiz. Und die meisten Nordafrikaner*innen haben eine Schweizer Landessprache in der Schule gelernt: Französisch. Die meisten Schweizer Alpchef*innen hoffentlich auch. Übrigens arbeiten auf Schweizer Gemüsefeldern Tausende von Menschen aus Osteuropa, die keine Schweizer Landessprache sprechen, und es funktioniert auch irgendwie.
Wir leben in einer brutal ungleichen Welt – und profitieren jeden Tag beim Einkaufen davon, und jedes Mal, wenn wir im Ausland in die Ferien gehen. Haben wir das Recht, zynisch zu reagieren, wenn andere einmal umgekehrt von den verhältnismässig hohen Löhnen in der Schweiz profitieren wollen?
Wir sind land- und alpwirtschaftlich tätige Menschen und schätzen das zalp eigentlich sehr. Aber wir wünschen uns eine differenzierte Berichterstattung und Schreibende, die ihre eigenen Privilegien reflektieren.

Bettina Dyttrich, Maria Jakob, Séverine Curiger, Markus Schär, Nathalie Moser, Matthias Bucheli, Marion Sonderegger, Samuel Bossart, Daniela Imhof

 

Anmerkung der zalp-Redaktion:
Der Protestbrief sowie der angesprochene Beitrag «Internes: Sturm auf die Stellenbörse» lösen
bei unseren Leser*innen vielleicht den Wunsch aus, sich ebenfalls zu dem Thema zu äussern. Wir bitten euch, dies via mail@zalp.ch zu tun. Die Rückmeldungen werden wir im zalpletter veröffentlichen.

Link zum Beitrag: «Internes: Sturm auf die Stellenbörse»

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Am 27. Juni schreibt uns Thomas Capaul:

Liebes z’Alp Team

Also ich finde den Beitrag informativ, da auf Fakten basierend. Ihr wurdet mit Jobanfragen zugedeckt und habt darüber berichtet, basta. Rassismus und/oder Provokation? Kann ich beim besten Willen nirgends ausmachen. Aber eben, man findet immer ein Haar in der Suppe, wenn man nur lange genug darin rührt…
Ich wünsche allen einen tollen Sommer, egal ob mit oder ohne Alp. Und etwas mehr Toleranz vorleben, statt nur zu fordern. Lasst auch Mal eine Fünf gerade stehen.

Liebe Grüsse
Thomas Capaul

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