Internes: Sturm auf die Stellenbörse

Die zalp Internetseite ist beliebt! Diesen Winter verzeichneten wir bei der Stellenbörse enorm mehr Zugriffe. Klicken sich in einem normalen Januar gut 40’000 Benutzer ein, waren es heuer über 80’000. Gut, das sind nur Zahlen. Aber wer da klickt und surft, das sind Menschen – und diesen Winter überraschenderweise vor allem Marokkaner. Viel Marokkaner.

Text: zalpadmin Giorgio Hösli, Update am 10.05.2020

Männer und Frauen aus Marokko, die arbeiten wollen, die verdienen wollen, die ein besseres Leben wollen, eines mit Perspektive. Sie schalten auf der Stellenbörse 40 Inserate pro Tag in arabisch, französisch, englisch und googletranslatordeutsch. Sie setzen im zalpletter unablässig Kommentare ab, sie schicken uns Lebensläufe, sie mailen, sie whatsappen, sie überschwemmen die Stellenbörse, die so kaum mehr lesbar ist.
Ich versuche es zunächst mit der Löschtaste und mit einem Hinweis, dass Leute aus dem arabischem Raum kaum Chance haben auf Schweizer Alpen eine Stelle zu finden – es nützt nichts. Per Spamfilter kann ich einige Jobanwärter sperren, aber schlussendlich sind es zu viele. Mittlerweile bekommen wir von Alpmeistern Meldungen, dass sie auf ihr Inserat bis zu 70 Mails und whatsapp-Meldungen pro Tag erhielten. Einige der Jobsuchenden würden auch des Nachts anrufen, seien aufsässig, forderten Arbeitsbewilligungen usw. Die Alpmeister möchten ihr Inserat entfernt haben.

Da, dort und auf Social-Media

Die einen sind dort geboren, die anderen hier, denke ich und lösche Araber-Inserate. Arbeit und Geld sind ungerecht verteilt in der Welt, denke ich weiter und lösche Araber-Inserate. Auch viele Deutsche oder Italiener kommen auf Schweizer Alpen, weil sie hier mehr Lohn verdienen als daheim. Dabei hätten es die Araber nötiger, hier einen Job zu finden. Ich lösche weiter.
Auf der Startseite der zalp.ch mache ich einen Hinweis, dass Stellenanbieter ihre Telefonnummer nicht mehr angeben sollen (Mails sind einfacher zu löschen). Es geht knapp dreissig Minuten, klingelt folgendes Mail von zalp-Benutzerin Leonie bei mir im Briefkasten: «ich schätzte eure Arbeit sehr […] umso erschrockener war ich heute, als ich zalp.ch aufgerufen habe. Dort wird vor “Marrokanern” gewarnt, die die Seite “überschmemmen” […]. Ist die zalp mittlerweile ein fremdenfeindliches Medium geworden, das Angst und Hetzte gegen Menschen anderer Herkunft verbreitet? […] Ich bitte um schnelle Auflärung!»
Ich kläre schnell auf und schreibe, dass es so ist, wie es im Hinweis steht: Wir werden von Marokkanern überschwemmt. Und wenn wir nichts dagegen tun, wird es bald keine Stellenbörse mehr geben.
Zwischenzeitlich versuche ich mich als Detektiv. Über unsere Zugriffsstatistik gelange ich auf eine arabische Internetseite, auf der zu lesen ist, dass in der Schweiz Landarbeiter gesucht werden und man monatlich 3600 Euro verdienen könne (https://akhbaraljaliya.com/news2845.html, 27.04.2020). Darunter der Link www.zalp.ch. Ich gelange auf arabische Social-Media-Seiten, die ähnliches berichten. Schlussendlich lande ich bei YouTube, wo gestenreich erklärt wird, wie man die Formulare der zalp-Stellenbörse ausfüllt (www.youtube.com/watch?v=4FyrxX1l9FY, 27.04.2020). Es gibt mehrere solche Filme. Ich hinterlege bei YouTube eine Beschwerde, da in den Filmen Adressen unserer Inserenten auftauchen. Auf die ersten zwei Beschwerden hin löscht YouTube die Filme, ab der dritten Beschwerde wollen sie das nur noch tun, wenn sich der Inserent persönlich meldet. Auf meinen Hinweis hin, dass YouTube mit diesen Videos Falschmeldungen verbreitet, da Gesuche von Arbeitssuchenden aus Drittstaaten in der Corona-Zeit von den Migrations- und Arbeitsmarkt-Behörden gar nicht behandelt werden, reagiert YouTube nicht.

Stopp mit Stellenbörse

Ich habe echt Lust, die Stellenbörse zu schliessen, denn das «Inserate-löschen» macht mir keinen Spass. Okay, es muss nicht alles Spass machen, die Araber wollen ja auch nicht aus Spass hier arbeiten kommen. Aber ohne unsere Stellenbörse würde sich die Alpwirtschaft wohl einen Moment lang im Nacken kratzen. Das will ich auch nicht wirklich. Somit ist «Stopp» keine wirkliche Option. Ich rufe unseren Programmierer an.
Per Geo-Blocking sperren wir Leute aus dem arabischen Raum von zalp.ch aus. Und wir geben den Stellenanbietern die Möglichkeit, ihre Kontaktdaten zu verstecken. Nun erhalte ich pro Tag zwar um die 200 Mails mit Lebensläufen arabischer Jobsuchenden – die Situation auf der Stellenbörse beruhigt sich hingegen. Die Lebensläufe offenbaren die Verzweiflung der Araber, ihrem Land zu entkommen. Es gibt Schafhirten oder Landarbeiter darunter, aber viele geben an, sich in Word, Excel oder der Industrie auszukennen, viele sind junge Studenten. Wenige geben an, deutsch zu können. Riyad schreibt, er würde ein Jahr gratis arbeiten, wenn er kommen könnte. Klingt verlockend, nicht? Da bietet sich jemand selber an, ausgenutzt werden zu wollen, weil er sich am Ende des Tunnels ein Licht verspricht. Der Mindestlohn für ausländische Angestellte von 3235 Franken und das Gesetz gegen die Schwarzarbeit wird dies verhindern.
Hamid aus Libyen schreibt: «I want to learn the Swiss language, live in Switzerland, marry a girl from Switzerland, and work on Switzerland’s farms.» Annass gibt sich bescheidener: «Anlässlich einer Einladung zur Bewerbung muss ich sagen, dass Arbeit die Grundvoraussetzung des Menschen ist, denn eine Person ohne Arbeit wird auf dieser Welt nicht als etwas angesehen, und ich hoffe, dass ich den Job mit meinem aufrichtigen Dank für Ihre großartigen Bemühungen annehmen kann.» «Ich bewirtschafte, ich möchte arbeiten und wissen, dass ich schon lange nicht mehr da bin, und ich bin in der Landwirtschaft und lebe in der Wüste», schreibt Mirhom, der offensichtlich ohne Google-Translator nicht deutsch kann.

Herzchirurg und Pfarrer

Die Lebensläufe, Anfragen, Portraitbildli zeigen vorwiegend sympathische Menschen, die arbeiten wollen. Einen Moment lang überlege ich mir, ob ich auf meiner Alp Platz für einen Praktikanten hätte. Verwerfe aber den Gedanken sogleich, weil den Leuten mit einem Praktikantenlohn nicht geholfen ist. Zudem graust mir davor, mit dem Google-Translator den Zaunlauf zu erklären. Ich frage beim Amt für Migration und Zivilrecht in Chur nach, ob Bürger aus Drittstaaten eine Chance auf Arbeitsbewilligung haben. Die Antwort: «In Corona-Zeiten überhaupt nicht. Gesuche werden nicht bearbeitet, sondern generell abgelehnt.» In Nicht-Corona-Zeiten «gilt für Arbeitgeber die Stellenmeldepflicht, sie müssen vorweisen, dass sie weder Schweizer noch EU-Bürger der 27 EU/EFTA-Staaten gefunden haben. Die Chance ist sehr, sehr klein, eine Bewilligung zu bekommen, denn für diese unspezifischen Landw.arbeiten gibt es genügend (Ost)Europäer. Chance auf eine Bewilligung haben Leute mit spezifischen Fachkenntnissen, wie Herzchirurg oder Pfarrer.» Das Staatssekretariat für Migration SEM bestätigt diese Angaben: www.sem.admin.ch -> Themen -> Arbeit -> Nicht-EU/EFTA-Angehörige.
Lust habe ich keine, weil ich nicht an den Nutzen glaube, mache es aber trotzdem: Zum Zmorgenkaffee retourniere ich die 200 neu dazugekommenen Mailanfragen der letzten 24 Stunden. Ich schreibe in französisch und englisch, dass für Leute aus Drittstaaten keine Chancen auf einen Job in der Schweizer Alpwirtschaft bestehen. «YouTube und die Kollegen vom Social-Media lügen.» Dazu lege ich den SEM-Flyer in arabisch und französisch bei.

Ordentliche Rassisten

Ich verstehe die Alpmeister und Bauern, die in ihren Inseraten vermehrt darauf hinweisen, nur deutschsprachige ÄlplerInnen oder Schweizer Personal zu suchen. Juliane, die ihren Namen nicht genannt haben will, versteht es nicht. Sie schreibt uns Mitte April: «Ihr Schweizer seid schon ordentliche Rassisten! In jeder 2. Annonce steht ; es werden nur Schweizer Anfragen bearbeitet, nur SCHWEIZER, etc. Schämt euch! Ich werde mich jedenfalls an der österreichischen Alpseite und nach Frankreich orientieren. Ich als Redakteur würde solche Annoncen nicht veröffentlichen! Für Rassisten möchte ich jedenfalls nicht arbeiten. Servus»
Hoppla. Ich schreibe zurück, dass man schnell eine Rassistin ist, wenn man alle Schweizer als rassistisch deklariert. Sie fragt zurück: «Aha, beleidigt?»
Nein. In meinem schönen Büro in meinem schönen Haus in meinem schönen Land lösche ich mit meinen Retourniermails pro Tag 200 Mal einen Funken Hoffnung. So ist das in der Realität. Ab Juni bin ich dann auf der Alp. Maildienst abgestellt, Kommentarfunktion im zalpletter geschlossen. Und am Ende des Tages: Ich bin froh, dass meine Alpstelle nicht an einen Marokkaner mit tieferen Lohnansprüchen vergeben wurde. Auch nicht an einen günstigeren Deutschen oder Schweizer.

Momentaner Zugriff auf  zalp.ch

Im April und Mai 2020 artet der Zugriff auf zalp.ch vollends aus. Im Mai 2020 klicken sich 216’965 BenutzerInnen ein, das sind über 7000 pro Tag. Im Mai 2019 waren es 108’640 Einwahlen, also nur halb soviele.

————

Vier Hinweise: 1. Alle Mailnachrichten sind original und ohne Orthografiekorrektur abgedruckt. 2. Wenn jemand einen Marokkaner, eine Marokkanerin (zu gerechtem Lohn, samt aller nötigen Papiere) anstellen will, kann er/sie sich bei mir melden. Ich schicke ihm/ihr die gesammelten Lebensläufe. 3. In diesem Text hat es weder Binnen-Is noch Gendersternchen. Ihr dürft selber mitdenken, wer mitgemeint ist.

4. Der Beitrag «Internes: Sturm auf die Stellenbörse» hat Unmut bei einigen ÄlplerInnen hervorgerufen. Sie haben uns einen Protesbrief geschickt. Zu lesen unter: Protestbrief