Natürlich hornlose Kühe sind auf dem Vormarsch

Natürlich hornlose Milchkühe gibt es erst wenige. Doch deren Anzahl nimmt zu. Weil damit das Enthornen wegfällt, sparen Bauern Geld und Zeit, den Tieren bleibt Stress erspart. Das freut scheinbar auch den Tierschutz.

Text Michael Wahl (LID), Bild Giorgio Hösli

Nicht natürlich aber trotzdem hornlos: Viele Kühe in der Schweiz werden als Kälber enthornt.

Nicht natürlich aber trotzdem hornlos: Viele Kühe in der Schweiz werden als Kälber enthornt.

Merlyn Xiva, Merlyn Flizy und Merlyn Amelie: Die drei Milchkühe mit den klingenden Namen tragen keine Hörner. So weit, so unspektakulär. Denn auch die rund 120 anderen Kühe im Stall von Landwirt Thomas Gerber sind hornlos – so wie 90 Prozent der Kühe in der Schweiz. Und dennoch sind die drei Red-Holstein-Kühe anders: Sie haben von Natur aus keine Hörner. «Weniger Arbeitsaufwand, geringerer Medikamenteneinsatz und weniger Stress für die Kälber», fasst Gerber die Vorteile der natürlichen Hornlosigkeit zusammen. Denn normalerweise brennt er Kälbern im Alter von wenigen Wochen die Hornanlagen mit einem Brennstab aus – nach vorgängiger Betäubung. Zwischen 60 und 70 Kälber enthornt er pro Jahr. Das nimmt Zeit in Anspruch und verursacht Kosten.
Dass die drei Milchkühe keine Hörner haben, ist kein Zufall. Gerber, der im luzernischen Dagmersellen einen 54-Hektaren- Betrieb bewirtschaftet, schaut bei der Zucht seit längerem nicht mehr nur auf Merkmale wie Milchleistung oder Körperform, sondern zunehmend auch auf genetische Hornlosigkeit seiner Tiere.

Hornlos-Stiere sind gefragt

Damit ist Thomas Gerber nicht allein. Swissgenetics, Marktleader im Bereich der künstlichen Besamung, verzeichnet eine steigende Nachfrage nach genetisch hornlosen Stieren. «Vor 10 Jahren erkundigte sich drei bis vier Mal pro Jahr ein Bauer nach natürlich hornlosen Stieren, heute klingelt das Telefon diesbezüglich alle zwei Wochen», erklärt Jürg Stoll von Swissgenetics. Aufgrund der zunehmenden Nachfrage hat Swissgenetics zum ersten Mal einen hornlosen Red Holstein-Stier ins Standardangebot aufgenommen: Parma-ET PP. Dieser ist reinerbig hornlos. Das heisst, wird eine Kuh mit dem Sperma von Parma besamt, wird das Kalb garantiert hornlos sein. Ein kompletter Stier sei Parma, erklärt Stoll. Er verfüge über eine solide Abstammung, einen idealen Körperbau und vererbe gute Euter.

Breiteres und besseres Angebot

Auch wenn Hornlos-Stiere immer beliebter werden bei den Bauern, sind sie nach wie vor eine Nische. Lediglich wenige hundert von knapp 600‘000 Milchrasse-Samendosen, die Swissgenetics im letzten Jahr verkauft hat, enthielten Erbgut von natürlich hornlosen Stieren.
Grund dafür ist das bis jetzt beschränkte Angebot. Denn genetische Hornlosigkeit war bei der Zucht bestenfalls ein erwünschtes Nebenprodukt. Im Vordergrund standen Merkmale wie etwa Fruchtbarkeit, Nutzungsdauer, Körperbau oder eine hohe Milchleistung. Und diejenigen Hornlos-Stiere, die es gab, vererbten zwar keine Hörner, oft brachten sie aber auch keine Hochleistungskühe hervor. Entsprechend wenig gefragt waren solche Stiere bei den Bauern. Denn Landwirte verdienen ihr Geld in erster Linie mit der Milch.
Nun hat der Wind gedreht. Laut Stoll schaut Swissgenetics vermehrt auf Hornlosigkeit ihrer Stiere. Das Angebot sei in letzter Zeit breiter und besser geworden. Landwirt Thomas Gerber pflichtet dem bei: Seine genetisch hornlosen Kühen würden gleich viel Milch geben wie «normale» Kühe.
In Thomas Gerbers Stall sind vor ein paar Tagen Ladd Rigona und Ladd Barbarella zur Welt gekommen – zwei natürlich hornlose Kälber. Gerber ist überzeugt, dass das die Zukunft sein wird.
Den Trend hin zu genetisch hornlosen Tieren verfolgt der Schweizer Tierschutz mit Interesse. Das Enthornen bleibe trotz Betäubungsmitteln ein belastender Eingriff für die Kälber, erklärt Geschäftsführer Hansuli Huber. Wenn das umgangen werden könne, sei aus tierschützerischer Sicht nichts dagegen einzuwenden. Dass viele Bauern heute keine behornten Kühe mehr wollen, sei eine Tatsache. Gleichwohl unterstütze der STS weiterhin die Haltung von Hornkühen, so Huber.

Natürliche Hornlosigkeit weltweit auf dem Vormarsch

In Deutschland werden immer mehr Kühe mit Sperma besamt, das von Stieren stammt, die natürlich hornlos sind. Das deutsche Landwirtschaftsmagazin «Top Agrar» spricht von einem «Hype». Grund dafür ist die zunehmende Kritik am Enthornen. Denn in Deutschland dürfen bis zu sechs Wochen alte Kälber ohne Betäubung enthornt werden. Derzeit wird über eine Verschärfung des Tierschutzes diskutiert. Die Vorschläge reichen vom gesetzlich vorgeschriebenen Schmerzmittel bis hin zu einem generellen Verbot der Enthornung. Vor diesem Hintergrund kommt der natürlichen Hornlosigkeit eine immer grössere Bedeutung zu. «Einzelne Zuchtverbände haben bereits freiwillig Vereinbarungen mit der Politik getroffen, um die Zucht auf natürliche Hornlosigkeit voranzutreiben», erklärt Robert Strumpen von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter auf Anfrage.
Auch in den USA liegen natürlich hornlose Kühe im Trend: «Die gegenwärtige Nachfrage ist höher als vor ein paar Jahren», erklärt Carl Neil Kent von der Holstein Association USA. Das Angebot an Hornlos-Stieren sei breiter und besser geworden. Dem pflichtet Strumpen bei:
«Das Angebot an Stieren ist gestiegen, bei denen keine bedeutenden Leistungsdefizite vererbt werden.»
Gehört die Zukunft genetisch hornlosen Kühen? «Zuchtexperten geben einen Zeitraum von 20 Jahren an, bis sich die natürliche Hornlosigkeit in den Milchviehherden durchgesetzt hat», erklärt Strumpen. Gentests würden den Zuchtfortschritt beschleunigen.
Ob sich die natürliche Hornlosigkeit durchsetzen wird, hängt laut Carl Neil Kent davon ab, ob das Angebot entsprechender Stiere mit guten Zuchtwerten weiter zunimmt. Ein weiterer Faktor sei die Debatte ums Enthornen. Gelinge es Tierschutzaktivisten, Druck aufzubauen, beschleunige das den Einsatz von Hornlos-Genetik.

Genmanipulierte Kuh ohne Hörner

Eine britisch-amerikanische Forschergruppe versucht derzeit, mittels Gentechnik hornlose Kühe zu züchten, berichtete die Zeitung «The Telegraph» Ende April 2013. Die Wissenschaftler haben DNA-Sequenzen von Holstein- Kühen, die für die Hornbildung verantwortlich sind, durch solche der Rasse «Red Angus» ersetzt, deren Tiere von Natur aus keine Hörner haben. Im Gegensatz zur herkömmlichen Zucht könne dank Gentechnik die Kühe innerhalb einer Generation die Hörner verlieren. Mansel Raymond, Präsident der britischen Milchbauern, begrüsst die Züchtung genetisch hornloser Kühe: «Es würde uns viel Zeit und den Kälbern Schmerzen ersparen. Beide Seiten würden gewinnen.»

Quelle: Landwirtschaftlicher Informationsdienst LID, Nr. 3124 vom 3. Juni 2013
www.lid.ch

11 Gedanken zu „Natürlich hornlose Kühe sind auf dem Vormarsch

  1. Die Hörner sind der Schmuck der Kühe. Die Züchtung hornloser Kühe ist die vorerst letzte Perversion, die der Mensch mit dem ursprünglichen Auerochsen treibt. So weit ich weiß enthornt man Kühe nur, damit sie sich in (engen) Ställen gegenseitig weniger stark gegenseitig verletzen. Die Enthornung ist folglich nichts weiter als eine weiterer Etappenschritt in der Domestifizierung des Auerochsen, dem man längst das Leben in freier Wildbahn abgewöhnt hat, so dass er den Großteil des Jahres auf Ställe angewiesen ist, in denen sich dann die Kühe mit ihren Hörnern gegenseitig verletzen können, was ihnen in freier Wildbahn aufgrund des großen Abstandes zueinander nicht passieren würde. Das Enthornen einer Kuh aus “Tierschutzgründen” ist ähnlich pervers wie ein Nashorn zu enthornen, um es vor Wilderen zu schützen! Tut mir leid, das Problem ist wie immer der Mensch.

  2. “Natürlich” und “Hornlos” widersprechen sich schon grundsätzlich. Die Kühe und andere horntragende Tiere gibt es ein paar tausend Jahre länger, als die verblödeten “Agro-Fachleute” Wir sind sicher, dass sich früher oder später die Konsumenten gegen das Verkrüppeln der armen Tiere wehren. Dann könnt Ihr Eure Milch und euren Käse selber fressen und dazu kräftig jammern.

  3. Was mich interessieren würde, ob es bei natürlich hornlosen Kühen keine Fruchtbarkeitsprobleme gibt, wie dies bei den Ziegen der Fall ist?

  4. Wer a sagt muss b auch tun ist doch besser gleich hornlos züchten als unsachgemäss aus brennen eswird eh gemacht. Win win effizienz steigerung.wir älpler sollten uns um älpler angelegenheiten nachdenken mitdenken das thema ist bauernsache das ist nicht unser ding. Es grüsst ropa

  5. wer die geschichte der kuh zurück geht wirt ganz am anfang wo als kuh gild eine hornlosse kuh finden. dem sagt man evulution sie brauchten eine wafe zur Verteidigung gegen was muss sich eine kuh heute noch verteidigen????

  6. Natürlich hat die Kuh Hörner. Mutter Natur rächt sich immer, wenn der Mensch die Schöpfung nicht achtet. Die Folgen hornlos gemachter Tiere werden wir alle zu spüren bekommen. Uns wir die Butter ausgehen, wenn wir Menschen weiter herzlos mit der Natur umgehen.

  7. Wer sich etwas mit den Energien von Sonne und Erde befasst hat, wird begreiffen, dass die Kuh mit den Füssen auf der Erde steht und deren Energie aufnimmt. Einer Kuh ohne Hörner fehlen aber die Antennen um auch die Energie der Sonne und des Himmels aufzunehmen und so entsteht eine Disharmonie. Wen wundert es da, dass immer mehr Leute eine Laktoseintolleranz entwickeln. Mit den heutigen Haltungsvorschriften macht eine Enthornung keinen Sinn mehr und die Bauern sollten sich wieder mehr darauf konzentrieren gute Lebensmittel zu produzieren.

  8. Marcel Reck hätte es nicht besser auf den Punkt bringen können! Kommt mich meine Familie aus Deutschland das nächste mal hier besuchen, muss ich nun leider eingestehen dass dieses perverse Denken auch in der schweizer Tierhaltung vorherrscht. Kaufe nur noch Milch von Demeter! (“Echte Kühe haben Hörner”)

  9. Die Perversion, Rinder ohne Hörner zu züchten, zeigt uns, wie verkommen die Züchter und “Bauern” sind ! Natürlich haben Kühe Hörner.

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