Wo Freiheitsgefühle im Gefängnis enden

Der Film «Alptraum» zeigt die klassische Geschichte zweier Freunde, die euphorisch in ihr gemeinsames Abenteuer «Alp» starten, bis ihre Freundschaft an Überforderung, anhaltenden Regengüssen, Tierabstürzen und der gemeinsamen Verliebtheit in die Nachbarshirtin zerbricht.

Text und Interview: Giorgio Hösli, Bilder aus dem Film

Bis die Jugendfreunde Robin und Manuel Ende Alp in getrennten Hütten ihren Abgang  machen, vergehen für uns Zuschauer neunzig unterhaltende Minuten, für die beiden waren es drei lange, zähe Monate. Noch den Schalk in den Geweiden, filmen sich die zwei Greenhorns beim Musizieren mit Gitarre und Akkordeon auf dem Hüttenbänggli oder beim Basteln einer Kollektenkiste für «echte freilaufende Alphirten», wo Touristen ihre Portemonnaie hineinleeren können. In weiser Voraussicht, dass ihnen die 236 Rinderdamen nicht genügen würden, geben sie im A-Bulletin ein Inserat auf, in dem sie sich als  romantische Jungälpler für naturverliebte Frauen anpreisen. Was wir Kinogänger bereits merken, während die scheu erfahrenen Alpbuben noch mit dem Bolzenschussgerät spielen: Das kann nicht gut werden.


Und so kommt der Regen, der den ersten Lack vom schönen Alpleben wegschwemmt, hartnäckig dauernd, Zehennägel und Gemüt aufweicht. Kilometerlange Zäune im tropfenverschmierten Visier werden trotz täglichem Geklopfe auf vermoderte Holzpfosten nicht kürzer. Da verfault ein Kuheuter, dort bricht ein Rinderbein, drüben kalbt ein Rind, das nicht sollte. Auch der Alpgeist zeigt kein Erbarmen, schickt Erkältung und Kopfweh in die arbeitsmüden Grinder. Die Nachbarhirtin stiehlt beiden das Herz und hat nur Platz für das eine. Schluss mit lustig. Vorbei mit Freundschaft. Hinweg mit jeglichem Gefühl von Freiheit in den Bergen. Robin und Manuel sind dort angekommen, wo sie nie hinwollten.
«Was für eine Gefängnis!», wird der erzählenden Stimme, die uns all die Bilder hindurch begleitet, bewusst. Und damit meint sie nicht nur, dass Bauern und Jäger, ja das ganze Dorf, längst von abgestürzten Tieren, Sex auf der Weide, vom Frauensuchinserat wissen. Die Zaunpfähle bohren sich gleichfalls zwischen die zwei Älpler sowie rund um ihren eigenen Kopf, es gibt kein Entrinnen aus der persönlichen wie gemeinsamen Geschichte. Da hilft kein Heulen auf dem Scheisshüttli, kein dampfendes Bad in der stählernen Wanne.


Einen Film, der uns Weideschlamm, Alpgezanke und Bolzenschusstod auf die Sehgewohnheiten drückt, haben wir nicht erwartet, sind wir doch in den letzten Jahren von Alpengerisel geschmückter Kühe und Rinderherden in grandioser Landschaft eingelullt worden. Nicht dass es das nicht gäbe, aber eben nicht nur. «Alptraum» ist ein ehrlicher und humorvoller Desasterfilm, der uns die Bergkulisse von der Netzhaut schabt.

Der Film ist noch kurze Zeit in den Kinos – sputet euch.
Angaben zu den Spielzeiten sowie den Trailer findet ihr hier:

www.alptraum-film.ch

 

 


«Freiheit hängt von dir selber ab.»

Gespräch mit Regisseur Manuel Lobmaier

zalp: Manuel, wer bist du, was machst du?
Manuel: Ich heisse Manuel Lobmaier, ich lebe von Musik, Auftragsfilm und Bauschreiner-Arbeit.

Ähem, siehst du dich nicht als Älpler?
Nein, aber ich würde es gerne wieder machen, allerdings alleine. Die Alp ist jedoch längerfristig nicht kompatibel mit der Musik, weil viele Konzerte im Sommer stattfinden.

Werden Älpler deinen Film schauen gehen?
Ich hoffe es. Am Visions de Réel hatte es ein paar Älpler gehabt, in Solothurn war eher ein Stadtpublikum. Aber es ist ein schweizerisches Thema, dass die Leute interessiert.

Das Zäunen fordert Manuel Lobmaier
Du hast ja zuerst gedacht, du willst nichts mehr mit diesem Sommer zu tun haben. Wieso hast du den Film schlussendlich doch noch realisiert?

Ich habe den Hochschulabschluss in Video und Film gemacht, habe fünf Jahre versucht in das Business hineinzukommen und habe es nicht geschafft. Und irgendwann habe ich mir gesagt, hey es gibt so viele oberflächliche, klischeemässige Alpfilme. Ich wollte zeigen, wie zum Beispiel ein Tier stirbt – das war eine Gelegenheit für mich.

Eigentlich ist es eine klassische Geschichte: zuerst Euphorie, dann Überforderung.
Der Film ist eigentlich nichts Besonderes, aber es ist der erste Film der das zeigt. Er lebt von den Figuren, von Robin und mir – und vom Humor vielleicht auch.

Der Untertitel heisst «das letzte Abenteuer». Hast du ab jetzt keines mehr?
Doch, doch (lacht). Die Alp war als gemeinsames Abenteuer geplant, aber es wurde zum letzten Abenteuer, das ich mit meinem Jugendfreund erlebt habe.

Als ihr die Alp abgenommen habt, mit 236 Rindern, war es da euch nicht etwas unwohl dabei?
Robin sagte, das schaffen wir. Er war im Vorjahr auch schon drei Wochen auf dieser Alp und hatte daher Kontakt zum Alpchef.

Und der Alpmeister hat euch das zugetraut?
Ja. Robin konnte halt auch sagen, dass seine Eltern Bauern sind. Und sie haben glaubs auch sonst niemanden gefunden für die Alp. Bezahlt wurde auch etwas weniger als Richtlohn.

Du erwähnst am Anfang auch das Handbuch Alp – ist das mitverantwortlich, dass ihr geglaubt habt, mit Hilfe eines Buches würde es schon gehen?
Ja, es war alles schuld vom Alphandbuch (lacht). Man sieht das nicht im Film, aber ich habe Zivildienst geleistet auf der Alp, und meine Eltern haben Schafe gehabt auf der Alp, der Kosmos war mir nicht ganz fremd.

Als ihr mit Zäunen nicht nachgekommen seid, warum habt ihr die Bauern nicht um Hilfe gebeten?
Auf die Idee sind wir gar nicht gekommen, wir waren beides Dickköpfe, und es wäre die Zeit gekommen dem Alpofon anzurufen, wenigstens für mich, aber ich konnte nicht. Musste mir etwas beweisen. Für Robin war es auch so, er ist weniger lang krank gewesen, und er war halt auch happy wegen seiner Liebesgeschichte mit der Nachbarhirtin.

Ich hatte während des Films das Gefühl, die Bauern und ihr, ihr habt ein unterschiedliches Kulturverständnis.
Sie haben gewusst, dass wir von der Stadt, von der Uni kommen, aber sie wussten wohl auch, dass sie angewiesen sind auf solche Leute. Wir hatten es aber gut mit den Bauern.

Schnee kommt auch noch.
Es gibt die Tötungszene mit dem Rind, dessen Bein gebrochen ist. Was meinst du, wie wirkt das auf das Publikum?

Es gibt Leute, die können das kaum anschauen, und es gibt welche, denen macht das weniger. Ich habe beim Schnitt dafür gekämpft, dass die Szene drin bleibt, weil sie zum Alpleben gehört.
Selber bin ich Flexitarier und finde, die Kuh hatte ein gutes Leben. Egal ob mit Bolzenschuss oder Elektroschock, der Tod sieht immer gleich aus. Und wen du Fleisch isst, musst du das einfach in Kauf nehmen.

Wie hat es auf dich gewirkt beim Filmen?
Das war ein Schock für mich. Auch für die Bauern war es ein Schock und sie haben sich gewünscht, sie hätten es mit der Spritze gemacht.

Ist der Film auch deine eigene Verarbeitung des Sommers?
Ich bin durch die Arbeit am Film gewissermassen gezwungen worden, meinen Frieden mit dem Erlebten zu machen. Wenn du am Schnittplatz noch und noch diese Bilder siehst sind kommen die Gefühle so lange auf bis du sie verarbeitest. Auch Meditieren hat mir viel geholfen. Robin hab ich jetzt eine Weile nicht mehr gesehen. Aber letzthin haben wir uns zufällig getroffen und uns die Hand gegeben. Es wird gut kommen.

Was war die schlimmste Erfahrung für dich da oben?
Nicht mehr mich selber zu sein. Es war wie bei einem Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat und jeder will den anderen klein machen. Es war wie in einem Gefängnis. Und Robin ging es ebenso.
Wir haben uns Energie entzogen, anstatt zu geben. Und das war das Problem. Mehr als das Wetter oder die Arbeit mit den Zäunen und Tieren. Und mehr als die Jäger, die uns mit dem Feldstecher beobachtet haben. Es hängt von dir selber ab, wie frei du dich fühlst. Und jeder muss sich gut überlegen, will er alleine auf die Alp oder im Team.
Wir haben vielfach versucht, unsere Freundschaft zu retten, am Anfang mit Humor und Witzli – ich habe mich gezwungen zu lachen. Aber der Goodwill war da. Als er mit Johanna zusammen kam, da war ich wirklich schlecht drauf. Ich war wahrscheinlich eine ganz schlimme Kompanie für ihn, ich hab mich gezwungen fröhlich und optimistisch zu sein, aber ich konnte es einfach nicht mehr.

 

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